Vier Wochen Alltagsluft in Istanbul schnuppern

Unsere Teilnehmerin Sibylle berichtet von ihrem Freiwilligendienst in der türkischen Metropole:

Während meines knapp fünfwöchigen Aufenthalts im Rahmen des flexiblen Freiwilligendienstes mit Experiment e.V. konnte ich Erfahrungen an zwei unterschiedlichen Einsatzstellen sammeln. Drei Tage in der Woche war ich beim Sozialmarkt der Stadtverwaltung Beyoglu in Kazimpasa auf der europäischen Seite der Metropole tätig, zwei Tage im Botanischen Garten der Gökyigit-Stiftung auf der asiatischen Seite. Diese beiden Projekte waren nicht nur geografisch gesehen, sondern in jeder Hinsicht unterschiedliche Sphären. Diese Aufteilung ermöglichte es mir, einen breiten Einblick in den Alltag, in das Arbeits- und Sozialleben, in unterschiedlich geprägte gesellschaftliche Milieus zu erhalten.

Im Sozialmarkt der Stadtverwaltung Beyoglu erhalten bedürftige Einwohner im Stadtteil Kazimpasa kostenlos Lebensmittel, Kleidung und einige andere Dinge des täglichen Bedarfs. Für den Einkauf wird ihnen eine Karte mit einem individuellen Guthaben je nach Familiengröße und Einkommenslage zur Verfügung gestellt. Um die Einkäufe registrieren und abrechnen zu können, müssen alle Waren mit Barcodes versehen werden: jedes Paket Reis, jeder Schokoriegel. Für diese Arbeit kann das Team im Sozialmarkt jede Hand gut gebrauchen, auch von Freiwilligen wie mir. Ich war vor allem im Lager eingesetzt, ich habe aber auch geholfen, Regale im Geschäft mit Waren aufzufüllen bzw. die Regale vor Ladenschluss aufzuräumen.
Die Arbeit war einfach, der Einsatz interessant, denn ich lernte ein professionell geführtes Sozialprojekt im Herzen der Millionenstadt kennen. Vom Team des Sozialmarkts wurde ich freundlich aufgenommen. Am Rande der Arbeit und in den Pausen ergaben sich viele Gespräche über Alltag, Familie, Ausbildung, Gesellschaft und auch Politik. Mein Aufenthalt fiel in die Zeit neuer gewalttätiger Konflikte in Ostanatolien. Die tägliche Berichterstattung von den Kämpfen der türkischen Sicherheitskräfte und der PKK überschattete auch im Sozialmarkt den Arbeitsalltag.

Wie viele Arbeitnehmer in Istanbul hatte ich lange Wegezeiten. Von meiner Gastgeberin bis zum Sozialmarkt war ich am Morgen zwei Stunden unterwegs, die Rückfahrt dauerte manchmal noch länger. Mit der Sozialmarktsleitung kam ich deshalb überein, um 10 Uhr zum Team dazuzustoßen.

Die Gökyigit-Stiftung hat vor einiger Zeit damit begonnen, auf den Grünflächen des Autobahnkreuzes auf der asiatischen Seite einen Botanischen Garten anzulegen, der alle Pflanzenarten der Türkei umfasst. Der Garten ist zugleich Dokumentations- und Forschungsstätte. Die Mitarbeiter treten für ökologische Ziele ein. Zudem ist es ihnen ein Anliegen, in einer Stadt, in der die Bauwirtschaft gute Geschäfte macht, eine anti-kommerzielle Zone zu schaffen – keine Imbissbuden, kein Kaffeehaus, keine Verkaufsstellen im gesamten Garten, und der Eintritt ist gratis.

Ich dieser zweiten Einsatzstelle wurde wochenweise in die Bibliothek, in das Bildungszentrum und in den Garten zur Mitarbeit geschickt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begegneten mir sehr offen, es ergaben sich interessante Einblicke. Im Gegensatz zum Sozialmarkt, wo das Ergebnis meiner Arbeit deutlich sichtbar war, konnte ich im Botanischen Garten jedoch nicht so einfach mitarbeiten. In der Bibliothek sortierte ich deutsche Fachbücher, im Bildungszentrum machte ich eine Recherche im Internet und im Garten wurde ich beim Pflanzen und Jäten eingesetzt.

Nicht nur für mich, auch für meine Gastgeberin Leyla war das Programm eine neue Erfahrung. Auch deshalb waren wir natürlich sehr gespannt, mit wem wir es zu tun haben würden. Wir verstanden uns auf Anhieb, haben uns angefreundet und viel zusammen unternommen. In ausführlichen Gesprächen tauschten wir uns zu den unterschiedlichsten Themen aus: Kultur, Gesellschaft, Politik, Geschichte, aber auch Alltagsleben bis hin zu Kochrezepten. Leyla wollte Englisch sprechen, ich Türkisch, wir nutzten die Gelegenheit, unsere Sprachkenntnisse weiterzuentwickeln, teilten die Begeisterung für Diskussionen über die Bedeutung einzelner Vokabeln, übersetzten uns die Sätze aus dem Englischen ins Türkische und umgekehrt.

Leyla nahm mich mit zu einer Trauung ihres Neffen, die ein Imam in der Wohnung bei den Schwiegereltern vornahm, zur Hennanacht der Braut und anschließend zur Hochzeitsfeier. Ich begleitete sie und ihre Freundin zum Open-air-Theater, zum Konzert auf der Prinzeninsel und am Ende des Aufenthalts auch zum Schwarzen Meer. Darüber hinaus hatte ich die Gelegenheit, ihre Familie kennen zu lernen, ihre Söhne und deren Familien, ihren Vater, einen Herrn, der sich intensiv mit türkischer Geschichte befasst. An einem Tag waren wir auch gemeinsam bei einem rituellen Trauergebet für einen entfernten Verwandten Leylas, das am 40. Tag nach dem Tode in der Privatsphäre abgehalten wird.

Auch sonst hatte ich die Gelegenheit zu zahlreichen Begegnungen. Meryem, eine Mitarbeiterin des türkischen Experiment-Büros, führte mich nach Balat, Fener und nach Eyüb. Ich kam auch bei meinen Wegen durch die Stadt immer wieder mit Leuten in Kontakt. Ich nutzte meine freie Zeit zu Spaziergängen und Besichtigungen. Auch dabei lernte ich Leute kennen.
Die Begegnungen in den Projekten und darüber hinaus waren für mich eine sehr wichtige Erfahrung. Dabei kam immer wieder ein beidseitiger Austausch zustande – auch dank der interessierten Fragen, die z.B. von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Sozialmarkt zum Leben in Deutschland und Europa gestellt wurden. Umgekehrt wurde auch mein interessiertes Fragen positiv aufgenommen und als Anzeichen dafür bewertet, dass ich mich als Ausländerin für die Türkei interessiere.

Nevin und ihre Mitarbeiterin unterstützten meinen Start in Istanbul mit guten Informationen und auch ganz handfest, indem sie mir zeigten, wie ich mich mit dem Öffentlichen Nahverkehr durch die Stadt bewege. Das war – angesichts der großen Distanzen – nicht unwichtig. Meine Gastgeberin wohnte in Kozyatagi auf der asiatischen Seite der Stadt. Von dort dauerte es zwei Stunden bis zum Sozialmarkt, ich musste einmal, oft auch zweimal umsteigen, nahm Bus, U-Bahn, Schiff und Straßenbahn, je nach Strecke. Zum Botanischen Garten war es näher, es gab einen Shuttle, aber einige Male fuhr ich im Minibus (Dolmus). Meryem hatte auch dafür gesorgt, dass ich von Anfang an eine türkische Simkarte hatte – eine unentbehrliche Voraussetzung für Absprachen und Verabredungen. Ich war regelmäßig in Kontakt mit dem Experiment-Büro vor Ort – und fühlte mich bestens aufgehoben.

Der Aufenthalt war für mich eine wichtige Erfahrung. Ich habe Istanbul nicht als Touristin erlebt, sondern einen Eindruck vom Alltagsleben erhalten. Dabei blieben mir auch die Sorgen und Ängste der Leute in einer politisch schwierigen Zeit nicht verborgen. Ich bewegte mich in unterschiedlichen Milieus, unter AKP-Anhängern und unter Istanbulern, die eher kritisch eingestellt waren. Doch die Sorgen und Ängste um die Zukunft des Landes, nicht zuletzt angesichts der eskalierenden Kämpfe im Osten, teilten sie alle, gleichgültig welche politische Einstellung sie hatten. Auch die Angst vor Anschlägen war immer wieder ein Thema – wie auch die unvermeidliche Feststellung, dass man sich dagegen nicht vorsehen könne, schließlich sei es kaum möglich, Menschenmengen in einer derart großen Stadt zu meiden.

Diese aktuellen Themen waren präsent, aber sie beherrschten dennoch nicht den gesamten Aufenthalt. Oft stand anderes im Vordergrund: etwa der tägliche Stress in der Metropole. Für mich am eindrucksvollsten war die Erfahrung menschlicher Zugewandtheit, mit der sich die Leute begegnen, mit Aufmerksamkeit, Höflichkeit und Anteilnahme. Istanbul mag 15 Millionen Einwohner haben, vielleicht sogar mehr – und doch hatte ich nie das Gefühl, ich könnte verloren gehen.

Sibylle