Austausch in Zeiten von Corona – Ein Interview
Austausch: SchĂŒlerin Janine in Irland
- Zu welchem Zeitpunkt hast Du die Entscheidung gefasst, einen SchĂŒleraustausch zu machen?
Im Nachhinein ist es schwer, einen konkreten Zeitpunkt zu bestimmen, an dem ich mich dazu entschieden habe, diesen Schritt zu wagen. Es begann mehr als eine Idee, mit fragilem Gedankengut, von welchem ich anfangs nie erwartet hĂ€tte, dass es eventuell RealitĂ€t werden könnte. Ich war mit meiner Bewerbung eher spĂ€t dran. Viele Bekannten von mir hatten sich bereits auf Ă€hnliche Programme beworben und ich bewunderte dies. Als mich dann meine Englischlehrerin auf die Möglichkeit eines Austausches ansprach, zögerte ich dennoch zuerst. SchlieĂlich befanden wir uns hier immer noch am ungewissen Anfang der Pandemie. Andere Austauschprogramme meiner Klassenkamerad*innen wurden schon abgesagt und die pandemiebedingte Situation weltweit war instabil. WĂŒrde eine Bewerbung dann Sinn machen? Jedoch war mir auch bewusst, dass ich nur in diesem Schuljahr einen SchĂŒleraustausch durchfĂŒhren könnte, da ich mich danach auf das Abitur fokussieren mĂŒsste. Zudem lies mich die Idee einfach nicht mehr los. Ich fĂŒhrte viele GesprĂ€che mit meinen Eltern, besprach die Idee mit meiner Lehrerin und entschied mich schlussendlich, eine Bewerbung einzusenden.
- Wie ist Deine Entscheidung auf Irland gefallen? Was reizt Dich an dem Land?
Irland hat mich schon lange interessiert. Ein Land voller Tradition, Kultur und bekannt fĂŒr seine ĂŒberaus gastfreundlichen Bewohner*innen? Es klingt wie ein wahr gewordener Traum. Zudem beschĂ€ftige ich mich sehr hĂ€ufig mit dem Thema Geschichte, weshalb Irland fĂŒr mich zu einer Art Faszination geworden ist. Seien es die gröĂeren Merkmale, wie die vielen Burgruinen oder die kleineren Dinge, wie die typischen Steinmauern auf dem Lande â das Land hat einen gewissen Charme, der mich nicht mehr loslieĂ.
- Welche Tipps hast Du fĂŒr interessierte SchĂŒler*innen, um sich auf den Austausch vorzubereiten?
Mein erster Tipp wĂ€re, sich keine Furcht einzuflöĂen, auch wenn dies manchmal alles andere als einfach ist. SchlieĂlich handelt es sich hier um einen groĂen Schritt und es kann leicht zu Zweifeln kommen: Was wenn meine Sprachkenntnisse nicht gut genug sind? Was, wenn ich keine Freund*innen finde? Was, wenn meine Gastfamilie mich nicht mag? Solche Fragen haben auch mich zuvor beschĂ€ftigt, doch sind sie oft unbegrĂŒndet. Wenn man eine Vokabel nicht weiĂ (oder wie z.B. bei gĂ€lischen Wörtern nicht aussprechen kann), dann gibt es immer die Möglichkeit, eine andere Formulierung zu benutzen oder um Hilfe zu fragen. Es geht nicht darum, die Sprache sofort perfekt zu sprechen, sondern es geht darum, sich unterhalten zu können. Die Gastfamilien sind mehr als bereit zu helfen und kennen oft viele der Ăngste, die uns AustauschschĂŒler*innen plagen. Trotzdem solltet ihr euch schon eine gewisse Zeit im Voraus ĂŒber Gastgeschenke und Ăhnliches Gedanken machen und euch das Profil eurer Gastfamilie, sobald ihr es bekommt, durchlesen und euch mit dieser in Kontakt setzen. Dies nimmt zudem, meiner Erfahrung nach, auch oft einen GroĂteil der Angst vor dem ersten Kennenlernen im Gastland.
- Was war das Highlight Deiner Austauschzeit?
Da gab es sehr viele, jedoch sticht ein Tag doch heraus: mein Geburtstag. Ich hatte, um ehrlich zu sein, wegen der Pandemie nicht viel erwartet und mich auf einen ruhigen Tag eingestellt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon mehrere Monate in Irland verbracht, mich eingelebt und meine Gastfamilie liebgewonnen. NatĂŒrlich hatte ich meinen Geburtstag zwischenzeitlich erwĂ€hnt, jedoch war ich doch ĂŒberrascht, als ich morgens von meiner Gastmutter zum KĂŒchentisch gefĂŒhrt wurde und dort mehrere Geschenke und Karten vorfand. Da sie wusste, dass ich GebĂ€ck gerne mag, lag zudem eine warme Zimtschnecke auf meinem Teller. Ich war unendlich dankbar und dies war erst der Anfang. Am Nachmittag fuhren wir in einen Ort, wo ich mir mit ihr historische DenkmĂ€ler ansah und am Strand spazieren ging. Danach wurde ich abends von einem mehrgĂ€ngigen Dinner mit der ganzen Familie und einem Geburtstagskuchen ĂŒberrascht. Wir dekorierten, sangen Karaoke und guckten einen Film, wobei ich als Geburtstagskind die Qual der Wahl hatte. Es war einer der schönsten Geburtstage, die ich jemals gefeiert habe. Es war ein sehr surreales Erlebnis, so weit von meiner Familie entfernt zu sein und mich doch so Zuhause zu fĂŒhlen.
- Deine Austauschzeit war durch Corona sehr besonders â wie lautet Dein Fazit?
FĂŒr mich war es definitiv trotz Corona ein atemberaubendes Erlebnis. Ich habe Freundschaften geschlossen, meine wunderbare Gastfamilie und die Kultur Irlands kennengelernt. Jedoch kann man hier nicht fĂŒr jede*n sprechen. Corona war trotzdem stets prĂ€sent und ich kenne viele, die wegen der aktuellen Pandemie ihren Austausch vorzeitig abgebrochen haben. Auch ich habe stĂ€ndig SĂ€tze wie: âEs ist schon schade, dass du xy nicht machen kannst.â oder âDas haben wir mit den letzten AustauschschĂŒler*innen gemacht, jedoch geht das leider aktuell nicht.â gehört. Ich habe Kraft aus meinem Optimismus und kleinen Dingen geschöpft. Ja, meine Austauscherfahrung war definitiv anders und Corona ist natĂŒrlich nicht plötzlich einfach verschwunden, nur weil ich in Irland war. Doch diese Krise hat mir auch noch etwas anderes gezeigt. Sie hat mir gezeigt, wie Menschen auf der Welt zusammenkommen können, dass Themen wie z.B. Corona nicht auf Deutschland begrenzt sind und dass Menschen trotz unterschiedlichen Sprachen und NationalitĂ€ten doch oft die gleichen Probleme und WĂŒnsche haben. Wir sind alle Menschen. Gerade in dunklen Zeiten wie diesen dĂŒrfen wir dies nie vergessen und mein Austausch hat mir diese Lektion fĂŒr immer eingeschĂ€rft.
Frau Görlitz
- Wie war Ihre Reaktion, als Ihre Tochter Ihnen erzĂ€hlt hat, dass Sie einen SchĂŒleraustausch machen möchte? Hatten Sie Bedenken?
Janine spielte schon vorher mit dem Gedanken, an einem SchĂŒleraustausch in der EF teilzunehmen, daher war ich nicht ganz ĂŒberrascht von ihrem Wunsch. Nachdem sie mir allerdings von ihren schon ganz konkreten PlĂ€nen erzĂ€hlt hat, wusste ich sofort, wie wichtig ihr dieser SchĂŒleraustausch war. Sie hatte sich intensiv damit beschĂ€ftigt, wusste genau wohin, wie lange und mit welcher Organisation sie diesen Austausch machen wollte.
Auf der einen Seite wusste ich genau, ein SchĂŒleraustausch ist, obwohl es auch Probleme geben kann, eine intensive Erfahrung, die ihr die Möglichkeit bietet, fremde Kulturen im Alltag kennen zu lernen, selbstĂ€ndiger zu werden, in eine neue Sprache abzutauchen und bleibende Erinnerungen zu schaffen. Auf der anderen Seite hatte ich als Mutter natĂŒrlich auch Bedenken, wird sie sich in der Gastfamilie wohlfĂŒhlen und wird sie dort Freund*innen finden oder fĂŒhlt sie sich doch irgendwann allein in der Fremde?
Diese Bedenken hatte ich jedoch nur kurz, da mir schnell klar wurde, wie stark ihr Wille war, zum Gelingen des Austausches beizutragen. Mich haben die RĂŒckmeldungen von Eltern und ehemaligen AustauschschĂŒler*innen beruhigt und auch, dass sie im Rahmen des SchĂŒleraustausches von einer Gastfamilie und Betreuer*innen vor Ort begleitet werden wĂŒrde, an die sie sich jederzeit bei Problemen wenden könnte.
- Welche positiven Aspekte sehen Sie als Mutter darin, dass Ihre Tochter an einem SchĂŒleraustausch teilnimmt?
Meine Tochter ist selbstĂ€ndiger und selbstsicherer geworden. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass sie auch in einer fremden Kultur Kontakte knĂŒpfen kann, konnte kleinere Probleme selbst lösen und sich auf ihre Gasteltern und die lokale Koordinatorin verlassen. Trotz der besonderen Situation durch die Corona-Pandemie hat sie fĂŒr sich einen Weg gefunden, durch die kleinen alltĂ€glichen Dinge eine neue Kultur intensiv kennenzulernen und das Beste aus der Situation zu machen.
Daher war der SchĂŒleraustausch fĂŒr sie eine durchweg positive Erfahrung, die sie in ihrem weiteren Leben fĂŒr neue Aufgaben stĂ€rken wird.
- Welche Tipps haben Sie fĂŒr Eltern, um sich auf die Zeit, in der das Kind weg ist, vorzubereiten?
Ich glaube, jede*r Jugendliche ist anders, daher ist es wichtig, vorher schon einiges anzusprechen. Der*die eine AustauschschĂŒler*in braucht z.B. den regelmĂ€Ăigen kurzen Kontakt zu den Eltern, der*die andere möchte sich eher auf die Gastfamilie und die neuen Freund*innen konzentrieren und meldet sich daher weniger hĂ€ufig. Vorherige Absprachen erleichtern dann zu Hause die Wartezeit auf Neuigkeiten. Die Vorbereitungsseminare fĂŒr die Jugendlichen und auch die Informationsveranstaltung fĂŒr die Eltern geben da viele Anregungen.
Als Eltern braucht man etwas Gelassenheit und Vertrauen in sein Kind und die Gastfamilie, da man natĂŒrlich weniger vom Alltag des Kindes erfĂ€hrt und auch weniger Einfluss nehmen kann. BestĂ€rken Sie Ihr Kind darin, den Kontakt zu und das GesprĂ€ch mit der Gastfamilie zu suchen. Auch diese ist interessiert an den AustauschschĂŒler*innen und ihrer Kultur und hilft gerne bei Problemen und Unklarheiten, damit der Austausch fĂŒr beide Seiten erfolgreich gelingt.
- Welche Höhen und Tiefen haben Sie wÀhrend der Austauschzeit erlebt?
Am Anfang war es schwer, nicht mehr tĂ€glich am Alltag meiner Tochter teilzunehmen und nicht zu wissen, was gerade in ihrem Leben passiert. Zu dieser Zeit habe ich auf jedes Foto, jede Zeile und jedes Telefonat gewartet, nur um zu wissen, dass sie sich wohlfĂŒhlt und gut in der Familie aufgenommen wurde. Nach den ersten positiven RĂŒckmeldungen von ihr wurde ich gelassener. Ihr 16. Geburtstag war dann nochmal ein Einschnitt, an dem wir uns in der Heimat etwas ablenken mussten, bis abends ein langes Telefonat mit einer ĂŒberaus glĂŒcklichen Tochter in der Ferne erfolgte. Kurz vor dem RĂŒckflug begannen dann die Gedanken um das Wiederankommen zu Hause. Kann sie sich wieder an den Alltag zu Hause gewöhnen, fehlen jetzt vielleicht liebgewonnene Rituale aus Irland? Die Bedenken waren grundlos, Janine war schnell wieder hier zu Hause und hat viele weitere Erlebnisse, Freundschaften und Erfahrungen mitgebracht, die ihren Horizont erweitern.
Du möchtest ebenfalls einen SchĂŒleraustausch in Irland mit Experiment machen? Dann findest Du hier auf unsere Webseite alles rund um unser Programmangebot.
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