Zwei Austauschschüler*innen gleichzeitig aufzunehmen, bedeutet doppelten kulturellen Austausch, neue Perspektiven und ein ganz besonderes Familienabenteuer. Gastmutter Andrea H. berichtet in diesem Erfahrungsbericht von ihren Erlebnissen und erklärt, warum sich ihre Familie immer wieder für zwei Gastkinder unter einem Dach entscheidet.

Gastkinder

Warum haben wir uns entschieden, Gastfamilie zu werden?

Wie erklärt man, warum man sich als Gastfamilie für zwei Austauschschüler*innen entscheidet (und in unserem Fall gleich mehrfach), wenn es so viele Familien gibt, die es sich gar nicht erst vorstellen können, überhaupt auch nur ein fremdes Kind in ihre Familie aufzunehmen?

Vielleicht erstmal zurück zu den Anfängen. Nach zehn Jahren in England verließen wir 2015 die Insel, um wieder in die Heimat zurückzukehren. Zurückblieben unsere vielen internationalen Freund*innen aus aller Welt und insbesondere aus England, die wir in unserem Alltag schmerzlich vermissten.

Der Gedanke, Gastfamilie zu werden und damit wieder ein bisschen Internationalität in unseren Alltag zu bringen, war zwar immer mal wieder da, aber erst ein erneuter Umzug von Schleswig-Holstein nach Bayern, der andere Wohnverhältnisse schaffte, und ein Flyer einer Austauschorganisation, der mir in der Schule auffiel, ließen dem Gedanken Taten folgen.

Wie verlief unser erster Versuch als Gastfamilie?

Und so starteten wir im Herbst 2021 mit unserem ersten Austauschabenteuer, das uns ehrlicherweise ziemlich enttäuschte. Wir gehören aber nicht zu den Leuten, die nach einer Erfahrung, die vielleicht anders verläuft als erhofft, die Flinte ins Korn werfen. Wir waren immer noch von der Idee überzeugt, dass das Dasein als Gastfamilie uns viele positive Erfahrungen bieten könnte, auf die wir nicht verzichten wollten.

Es ist für uns nicht nur der direkte kulturelle Austausch zwischen dem Gastkind und der Gastfamilie, der uns fasziniert. Es ist vor allem auch die Möglichkeit, im ganz Kleinen, nämlich im eigenen Zuhause, etwas für das Miteinander und die Akzeptanz von Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen zu tun und damit hoffentlich auch ein bisschen was zum Miteinanderauskommen und gegenseitigen Verständnis beitragen zu können.

Außerdem war uns klar: Ohne Gastfamilien gibt es für die vielen interessierten Schüler und Schülerinnen auch keine Möglichkeit des Austausches. Und so suchten wir nach einer anderen Organisation, mit der wir einen Neustart wagen konnten, und landeten bei Experiment. Die Videos der Gastkinder haben uns sofort fasziniert.

Welche Erfahrungen haben wir mit unseren ersten Gastkindern gemacht?

Ende August 2022 kam dann Delenn aus den USA zu uns nach Hause. Mit ihr zusammen feierten wir unser erstes Thanksgiving, das mittlerweile fester Bestandteil unserer Familienfeiern geworden ist, beschäftigten uns intensiv mit ihren Lieblingstieren, den Drachen, waren zusammen auf dem Jane-Austen-Festival in Bath in England, haben Venedig besucht und neben den großen Highlights eben auch einen ganz normalen Alltag gehabt – mit Schule, Hausaufgaben, im Haushalt helfen und allem, was so dazu gehört.

Nach unserer Zeit mit Delenn entschieden wir uns erneut, als Gastfamilie weiterzumachen, und Ende August 2023 zog Emilio aus Chile bei uns ein.

Diesmal hatten wir die besondere Konstellation, dass unsere Tochter Freja und er zusammen in die 10. Klasse gingen, was gut funktionierte. Emilio wurde zuerst in der Gruppe der Mädchen willkommen geheißen, dann fand er Anschluss bei den Jungs und schließlich wurden aus zwei bisher getrennten Freundeskreisen einer. So führte der Austausch also nicht nur zur Völkerverständigung, sondern auch zur Geschlechterverständigung. Zumindest in dieser Klasse.

Wie kam es dazu, dass zwei Austauschschüler*innen in unserer Gastfamilie lebten?

Im Austauschjahr 2023 gab es im späten Herbst/frühen Winter einige Gastkinder, die eine neue Gastfamilie suchten. Unsere Betreuerin hatte, seit wir sie kannten, immer zwei oder sogar drei Gastkinder gleichzeitig aufgenommen. Dass es diese Möglichkeit gab, war uns also nicht fremd. Wir hatten noch ein Zimmer frei, und so stellte sich irgendwann die Frage, ob wir dem Experiment-Team, das dringend Gastfamilien für die Wechsler*innen suchte, helfen könnten.

Warum benötigen Gastkinder manchmal eine neue Gastfamilie?

Wechselsituationen können sehr unterschiedlich sein. Oft bedeutet ein Wechsel keine massive Eskalation, sondern einfach, dass man gemerkt hat, dass das Austauschjahr einen Neustart braucht, dass die Chemie nicht stimmt oder dass sich im Umfeld der Gastfamilie etwas geändert hat, was die Fortsetzung eines Austauschjahres nicht möglich macht. Denkbar wäre z. B. ein plötzlicher Pflege- oder Krankheitsfall, der viel Kraft und Zeit bindet.

Egal, was der Grund ist, es ist immer von Vorteil, wenn Gastkinder, die eine neue Familie brauchen, möglichst schnell wechseln können, denn die Zeit des Austauschjahres ist begrenzt und es dauert ja immer ein wenig, bis man sich irgendwo neu eingelebt hat.

Wir kamen daher zu dem Schluss, dass wir das Zimmer herrichten und uns auf das doppelte Austauschabenteuer einlassen würden. Wir bekamen die Profile zugeschickt und entschieden uns für Allonah aus den USA, die wir eine Woche später am Bahnhof abholten. Nun wurde die Klassengemeinschaft um ein weiteres Austauschkind bereichert. Und aus dem Duo Freja-Emilio wurde ein Trio. Und auch das funktionierte gut.

Welche Vorteile haben zwei Gastkinder unter einem Dach?

Was uns von Anfang an daran gefallen hat, zwei Gastkinder unter einem Dach aufzunehmen, war, dass es den Gastkindern ein bisschen mehr Rückhalt in der neuen Umgebung bieten kann.

Wenn alles um einen herum neu ist, dann gibt es zumindest diesen einen Menschen, der genau diese Erfahrung auch gerade macht. Das kann vieles erleichtern, denn auch wenn man von völlig unterschiedlichen Hintergründen kommen mag, ist es doch immer ein verbindendes Element, dass man die Erfahrung eines Austauschjahres zusammen erleben kann.

Warum entscheiden wir uns immer wieder für zwei Austauschschüler*innen in unserer Gastfamilie?

Wir sind nach unserem ersten doppelten Austauschabenteuer bei dieser Form des Gastfamiliendaseins geblieben, weil wir uns, um ganz ehrlich zu sein, oft gar nicht zwischen den vielen interessanten Profilen entscheiden konnten.

Mit zwei Austauschschüler*innen in einer Gastfamilie besteht die Möglichkeit, nicht nur eine Kultur und einen Menschen kennenzulernen, sondern gleich zwei. Wir finden das sehr spannend. Man guckt gleich noch ein wenig weiter über den eigenen Tellerrand. Eben nicht nur in eine neue Himmelsrichtung, sondern gleichzeitig auch noch in eine andere.

Als Konsequenz hatten wir nach unserem ersten Double-Placement „Chile-USA“ im Anschluss die Kombinationen „Thailand -Italien“, „Thailand – USA“ und ganz aktuell „Australien-Mexiko“.

Vielleicht kann man sich vorstellen, was hier gerade los ist mit drei Fußballteams, die sich für die WM qualifiziert haben und es nun auch noch alle drei in die K.-o.-Runde geschafft haben. Auf jeden Fall ist unsere Auswahl an Teams, denen wir die Daumen drücken können deutlich angewachsen und wir denken an unsere Gastkinder in den USA, die ebenfalls mitfiebern, während wir auch dem englischen, mexikanischen, australischen und selbstverständlich dem deutschen Team dabei zusehen, wie alle um den begehrten Pokal kämpfen. Wir werden uns gegenseitig trösten, wenn eines unserer Teams ausscheidet, und miteinander feiern, wenn eines unserer Teams ins Finale einzieht. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt!

 

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