10 Monate EFD in einem Seniorenheim in Strasbourg

„Oh je, willst du das wirklich machen in einem Seniorenheim zu arbeiten?“, „Muss doch voll schlimm sein zu sehen, wie schlecht es denen da geht…“ oder „Mit denen kann man doch eh nicht mehr viel anfangen oder?“ So reagieren die meisten Leute, wenn man ihnen erzählt, dass man 10 Monate in einem Seniorenheim verbringen will und auch ich selbst war vorerst verunsichert und etwas ängstlich, was meinen Freiwilligendienst angeht. Und jetzt ist die Hälfte meines Volontariats vergangen und ich bin einfach nur glücklich, was Arbeit, Umfeld und natürlich die Stadt Straßburg an sich angeht.

In unserem, mit 150 Bewohnern relativ großen Seniorenheim gehören ich und meine ungarische Mitfreiwillige zur „Equipe d’animation“, das bedeutet, dass wir mit unseren zwei französischen Kollegen für jede Woche ein Aktivitätsprogramm erstellen und durchführen. Die Animationen an sich sind dabei sehr abwechselnd und reichen von Backen/Kochen über Basteln bis hin zu Gedächtnistraining und Ausflügen in die Umgebung. Soviel zum allgemeinen Ablauf meiner Tätigkeit, doch was mich an der Arbeit wirklich begeistert ist der Kontakt mit den alten Leuten.

Inzwischen kenne ich die Omas und Opas hier so gut, dass ich sie nicht mehr als allgemein alte, abhängige Personen betrachte, sondern als eigenständige Charaktere, die so dermaßen unterschiedlich sind. Da gibt es dann die einen, die geistig noch total fit sind und jeden Tag eine neue Geschichte aus ihrer Kindheit/Jugend erzählen, währenddessen aber im Rollstuhl sitzen und in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt sind. Genau andersherum ist es in der „Unité Alzheimer“, wo die Bewohner ohne Hilfe laufen können, dabei jedoch mental stark beeinträchtigt sind. Man lernt hier jegliche Berührung und Kommunikation egal welcher Art so zu schätzen und es ist einfach schön für seine Arbeit ein, wenn auch teilweise schwer verständliches, „Merci“ zu bekommen. Es ist bewundernswert, was viele hier schon durchgemacht haben und wie trotz altersbedingtem Gedächtnisschwund teilweise Liedtexte, Gedichte oder Rezepte aus frühester Kindheit noch aufgesagt werden können.

Jeder Tag hier bestätigt mir aufs Neue, dass man vor dem Alter keine Angst haben muss und dass man im Seniorenheim nicht nur die letzten paar Monate „dahinsiecht“, sondern, dass es ein lebenswertes Leben voller Höhen und natürlich auch Tiefen ist!

Für mich zählt natürlich während meiner Zeit hier in Strasbourg nicht nur der Gedanke etwas Gutes zu tun und etwas zu erleben, sondern auch zu lernen: mit den alten Menschen umzugehen, selbstständig zu sein, sich in ein neues Umfeld einzugewöhnen, eine andere Kultur zu leben, eine andere Sprache zu sprechen, usw. Und ja, ich bin zufrieden! Jedem, der sich vorstellen kann einen Freiwilligendienst, in egal welchem Land und egal welchem Bereich, zu machen, dem kann ich nur raten, diese Idee wirklich zu verfolgen! Habt keine Angst vor dem Unbekannten und Fremden und lasst euch eine der wichtigsten Erfahrungen eures Lebens nicht nehmen!

Victoria