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Victoria FWD Estland

Von Saunas und Glögi – mein Freiwilligendienst in Estland

Als ich während meiner Abiphase gefragt wurde, wo es für mich denn nach der Schulzeit hinginge und ich daraufhin erwiderte, dass ich einen Freiwilligendienst in einem Kindergarten in Estland machen werde, war die Reaktion daraufhin oft ein verwirrtes: „Wohin?“. Der Vater einer Freundin hatte erst nach fünf Minuten verstanden, dass ich über Estland und nicht Island sprach. Den kleinen EU-Staat im Baltikum schien niemand auf dem Schirm zu haben – auch ich nicht. Also ab nach Estland, dachte ich mir!

Ich hatte mich auch für Projekte in Italien und Dänemark beworben, doch direkt nach meinem Skype-Gespräch mit meinem Kindergarten wusste ich: ich möchte nach Estland, nach Tallinn, um genau zu sein. Die Chemie zwischen mir und meinen künftigen Kollegen stimmte vom ersten Moment an. Ein weiterer Grund für meine Wahl war, dass ich noch nie in Osteuropa, dem Baltikum, geschweige denn in Estland gewesen war. Ich wollte ein Land entdecken, in dem ich noch nie war und von dem ich kaum etwas wusste, und auch einmal eine andere Seite Europas kennen lernen. Dass Estland, aufgrund seiner Geschichte, gar nicht so anders ist als Deutschland, sollte ich erst während meines Aufenthalts in Estland erfahren.

Auch vom estnischen Wetter hatte ich vor meiner Abreise ein genaues Bild: Estland liegt im Norden, also ist es dort kalt und im Winter schneereich. So prophezeite es mir das Internet - und wenn es im Internet steht, dann muss es wohl stimmen, oder? Also kaufte ich im Hochsommer Winterstiefel und eine Daunenjacke, denn sicher ist sicher! Als ich dann Anfang September in Tallinn ankam, der erste Schock: Blauer Himmel, strahlende Sonne, 25 Grad. Ist ja gar nicht so kalt hier! Tja, das war die letzte Woche des estnischen Sommers, die ich noch miterleben durfte, danach ging’s bergab mit den Temperaturen. Monatelang blieb der Himmel -  bis auf wenige Ausnahmen -  durch dichte, graue Wolken verdeckt. Der Schnee jedoch blieb größtenteils aus. Auch Estland bleibt vom Klimawandel nicht verschont. Wir Freiwilligen waren enttäuscht, die Esten noch mehr.

Aber egal – in Estland lernt man auch bei schlechtem Wetter, das Leben zu genießen! Also futterte ich mich während des Winters einmal quer durch Tallinns Cafés. Außerdem belegte ich einen Estnisch-Kurs an der Uni Tallinn, um der Landessprache näher zu kommen. Dort lernte ich nicht nur Estnisch, sondern auch coole Leute aus aller Welt kennen, die nach Estland gezogen waren, um dort einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Wir wuchsen schnell zu einer Gemeinschaft zusammen und trafen uns bald auch außerhalb des Unterrichts.

Die internationale Atmosphäre - ob in meinem Sprachkurs oder unter den Freiwilligen -  genoss ich sehr. Allgemein traf man in Tallinn laufend neue, junge Menschen aus aller Welt, die zum Studieren oder Arbeiten - meist in der IT-Branche - in die Stadt gekommen waren. So war es nach einer Weile normal, dass man in einer Bar Billard gegen Finnen spielte oder mit Brasilianern und Russen ins Gespräch kam. Es war relativ leicht, mit anderen Zugezogenen in Kontakt zu kommen, denn wir hatten alle dasselbe Problem: wir fanden keine estnischen Freunde! Esten sind allgemein eher zurückhaltende Menschen, so dass es schwierig war, Freundschaften mit ihnen zu schließen. Zudem versteckten sich die jungen Esten die Woche über in den Schulen und an der Uni, so dass mein Bild von der Bevölkerung zunächst vor allem von Frauen über siebzig geprägt war, die ich jeden Tag im Bus antraf…

Doch zum Glück sieht das ESK-Programm vor, dass jeder Freiwillige einen Mentor, also einen Local als Ansprechpartner und potenziellen Freund, zur Seite gestellt bekommt. Ich hatte mit meiner Mentorin wirklich das große Los gezogen: von Anfang an waren wir auf einer Wellenlänge, so dass wir uns regelmäßig zum Kuchen essen oder Wandern trafen. Sie half mir sowohl bei der Registrierung im Einwohnermeldeamt als auch beim Verstehen der estnischen Bräuche und Traditionen, die manchmal echt zum Schmunzeln sind.

Auch meine Kollegen im Kindergarten waren mir gegenüber immer herzlich: besonders die Direktorin und meine Tutorin, also meine Ansprechpartnerin im Kindergarten, kümmerten sich sehr um mich und halfen mir, mich in Estland einzuleben. An meinem Geburtstag, auf den zufälligerweise der Tag meiner Ankunft fiel, wurde ich direkt mit Geschenken begrüßt, als Geschirr in unserer WG fehlte, wurde uns kurzerhand welches von Kollegen geschenkt, und zu jedem Feiertag oder Geburtstag kam das gesamte Kollegium zusammen, um mit Kaffee & Kuchen gemeinsam zu feiern. Die Atmosphäre unter den Mitarbeitern war wirklich sehr herzlich und familiär, so dass ich eher das Gefühl hatte, Teil einer großen Familie statt unter Arbeitskollegen zu sein.  

Doch nicht nur mit meinen Kollegen hatte ich Glück, sondern auch mit den Kindern verstand ich mich gut: in den ersten paar Tagen waren natürlich einige Kinder noch etwas schüchtern, was sich jedoch überraschend schnell legte. Ich arbeitete meistens in einer Gruppe von Zwei- bis Vierjährigen, welche niedlich und die meiste Zeit auch sehr umgänglich waren. Wir malten zusammen, bauten Legohäuser, spielten Fangen und machten gemeinsam Blödsinn. Wenn ich nicht gerade mit den Kindern spielte, half ich beim „Unterricht“ im Stuhlkreis, Essenverteilen oder Umziehen in Matschhose, Gummistiefel, etc. Während meines Projekts lernte ich viel über die Entwicklung von Kindern: wie sie lernen, was sie in welchem Alter bereits können und so weiter.

Es war nicht immer einfach, sich eigene Projekte für die Kinder auszudenken, da sie noch sehr klein und ihre motorischen Fähigkeiten noch nicht weit entwickelt waren. Zudem war ich natürlich durch mein bescheidenes Estnisch in meiner Kommunikation eingeschränkt. Meine Tutorin konnte zwar sehr gut Englisch sprechen und übersetzte, wenn nötig, für mich; doch wünsche ich mir oft, selbst besser mit den Kindern kommunizieren zu können. Nichtdestotrotz versuchte ich auch, eigene Aktionen zu starten und backte so z.B. zur Weihnachtszeit mit den Kindern Vanillekipferl.

Nach einigen Monaten fühlte ich mich dann sicher genug, um auf Estnisch vor dem gesamten Kindergarten eine Präsentation über Deutschland zu halten. Ich war an dem Tag sehr nervös, doch die Kinder schien es nicht zu stören, dass ich manche Wörter etwas ungewohnt aussprach. Und auch von meinen Kollegen bekam ich viel positives Feedback. Daraus entwickelte sich die Idee, den Kindern einmal die Woche spielerisch Deutschunterricht zu geben. Einige Kinder nahmen bereits am wöchentlichen Englischunterricht teil, der von einer speziell ausgebildeten Kindergärtnerin erteilt wurde und den ich mir zur Vorbereitung meines eigenen Unterrichts auch anschaute. Dabei bekam ich selbst mit, mit welchem Spaß die Kinder lernten und wie stolz sie am Ende der Stunde auf sich selbst und das neu Erlernte waren. Inspiriert und motiviert bereitete ich meine eigene erste Unterrichtsstunde vor, bei der ich den Kindern mit Hilfe von Legosteinen, Liedern und Gruppenspielen die Farben auf Deutsch beibringen wollte. Leider musste ich meinen Deutschunterricht nach kurzer Zeit einstellen, da ich wegen des Coronavirus vorerst nicht mehr in den Kindergarten kommen durfte.

Auch einige fürs Frühjahr geplante Trips musste ich deswegen leider absagen. Dennoch bin ich dankbar für die Reisen, die ich vor dem Ausbrauch der Pandemie machen konnte. Dank seiner Lage ist Tallinn ein idealer Startpunkt für Städtetrips in die (Haupt-)Städte der Nachbarstaaten. So besuchte ich während meines Freiwilligendienstes Helsinki, Riga, Vilnius und Sankt Petersburg. Aber auch innerhalb Estlands reiste ich und schaute mir beispielweise die Studentenstadt Tartu oder den Badeort Pärnu an. Im November organisierte meine estnische Organisation ein Outdoor-Wochenende, bei dem wir zwei Tage durch die Wälder und Moore Estlands wanderten und in der Natur campten. Auch die von der estnischen National Agency organisierten On-Arrival- und  Midterm-Trainings waren tolle Erfahrungen, bei denen ich sowohl andere Freiwillige aus ganz Europa kennen lernte als auch neue Erfahrungen machte, z.B. meinen allerersten Saunagang erlebte, Poker spielen lernte oder bei Sonnenuntergang eine Schneeschuhwanderung über ein verschneites Moor machte (Dies war die einzige Woche, in der wir Schnee hatten J).

Doch meine Zeit in Estland war nicht nur rosig; es gab auch Momente, in denen Tränen flossen. In denen ich mich fragte, was ich hier eigentlich mache. In denen ich das Gefühl hatte, meine Zeit zu verschwenden. Wäre es nicht besser gewesen, ich hätte nach der Schule sofort mit dem Studium angefangen? Heute kann ich diese Frage mit einem klaren „Nein!“ beantworten. Ich habe in dieser Zeit so viele Dinge fürs Leben gelernt, neue Erfahrungen gemacht und Freundschaften geknüpft, die ich für Nichts auf der Welt missen möchte! Durch den Kontakt zu Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern, das Anpassen an eine neue Kultur mit einer mir unbekannten Sprache und nicht zuletzt die Arbeit mit Kindern habe ich viel gelernt. Da ich das erste Mal wirklich alleine, also ohne meine Eltern wohnte, und „arbeiten“ ging, lernte ich auch viel über den Umgang mit Geld, Verantwortung sich selbst und anderen gegenüber und das WG-Leben. Insgesamt bin ich durch die Erfahrungen, die ich während meines Freiwilligendienstes gemacht habe, als Person sehr gewachsen.

Auch nach meinem Freiwilligendienst möchte ich auf jeden Fall Teil der ESK-Community bleiben und selbst als Mentorin einem ausländischen Freiwilligen dabei helfen, sich in Deutschland zurechtzufinden und uns Deutsche besser zu verstehen.