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Samantha Schmidtmann SAW China

Mein Auslandsjahr in China - Höhen und Tiefen

Es sind nun bereits einige Monate vergangen, seit meiner Rückkehr nach Deutschland. Ich stehe dem Auslandsjahr nun mit gemischten Gefühlen gegenüber. Feststeht jedoch, dass es trotz seiner Herausforderungen ein unglaublich lehrreiches und prägendes und leider auch viel zu kurzes Jahr meines Lebens darstellt und ich dafür extrem dankbar bin.

Ich erinnere mich noch genau an meine ersten Tage in China. Ich erinnere mich daran, mich gefragt zu haben, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Zugleich konnte ich noch nicht wirklich realisieren, dass ich nun wirklich ein Jahr hier verbringen sollte. Ich war in einem kleinen Dorf aufgewachsen. Plötzlich war ich in einer riesigen Stadt mit Millionen von Einwohnern, umgeben von Fremden, mit denen ich nicht kommunizieren konnte. Selbst das Essen schmeckte eigentümlich.

Die ersten Tage mit der Gastfamilie waren unbeholfen, schön reden werde ich das nicht. Es war unangenehm, nicht zu wissen, was von mir erwartet wird, von "Fremden" umgeben zu sein. Die ersten Wochen waren anstrengend, es war hart, den Anschluss in der Klasse zu finden. Ich bin meiner Gastfamilie und insbesondere auch meiner Gastschwester noch heute für ihre Geduld, ihre Gastfreundlichkeit und ihre Großzügigkeit dankbar. Denn es wurde definitiv besser und dies ist auch ihnen zu verdanken. So hat mir meine Gastschwester zweifellos dabei geholfen, mich in meiner Klasse wohler zu fühlen und auch meine Gasteltern sind mir stets freundlich begegnet, haben mich stets zu verschiedenen Orten und Veranstaltungen mitgenommen und mir viele Aspekte der chinesischen Kultur nahegebracht. Auch an das Essen habe ich mich auch schnell gewöhnt, und nach wenigen Wochen zu lieben gelernt.

Ich habe unglaublich viel in diesen 10 Monaten gesehen und gelernt. So haben die Reisen mit der Gastfamilie oder durch die Partnerorganisation und mit den anderen Austauschschülern mir einen Einblick in viele andere Städte Chinas und deren Besonderheiten gegeben. Interessant ist, dass jede Stadt Chinas einen eigenen Dialekt und eigene (Essens-)Spezialitäten besitzt. Auch Zhengzhou kann eine einzigartige Geschichte als eine der ältesten Städte Chinas vorweisen. Zhengzhou ist auch keine der sehr großen, modernisierten und prunkvollen Städte (wie bspw. Shanghai), die zur Repräsentation Chinas in den Medien gezeigt werden, was ich als sehr positiv empfunden habe, um einen anderen Blickwinkel auf China und die Lebensweise der meisten Chinesen zu bekommen.

Eine besondere Erfahrung hat für mich auch das sogenannte Militärcamp dargestellt. Dabei handelte es sich um eine Woche, in denen die ganze Jahresstufe einen "Ausflug" unternehmen musste, in dem sie das Militärleben erleben konnten. Dazu gehörten unter anderem das Leben in sehr minimalistischen Behausungen und dem Verbot von Handys, gemeinsames Marschieren, Tragen von Militäruniformen und nachmittags auch verschiedene (z.B. sportliche oder künstlerische) Aktivitäten. Die gewaltige Einschränkung von Freiheiten, das "sinnlose" Marschieren und die sehr notdürftigen Dorms (in denen bis zu 9 Leuten in einem Raum schliefen und die ganze, aus 11 Klassen bestehende Stufe nur acht Toiletten zur Verfügung gestellt wurden) sorgte natürlich zuerst für Unwille und Missfallen in den Austauschschülern, die an eine ganz andere Lebensweise gewohnt sind Interessanterweise wurden die Umstände von unseren Mitschülern einfach hingenommen, es schien nicht mal eine große Umstellung zu sein. Kein Wunder, die Schuldorms sind ähnlich aufgebaut, sie waren es gewohnt. Ich denke, diese Erfahrung war sehr augenöffnend und hat mir Dankbarkeit für den Luxus, den wir hier genießen, gelehrt,

Als besonders überraschend empfand ich auch die Andersartigkeit der chinesischen Kultur und Mentalität. So wirkte diese auf den ersten Blick nicht bedeutend anders von der deutschen Kultur, doch je mehr man in diese "eingetaucht" ist und sich einlebte, desto mehr wurde klar, wie anders China doch eigentlich ist. Offenheit und der Wunsch, wirklich zu verstehen, waren dafür eine wesentliche Voraussetzung. Die Partnerorganisation hat dazu zusätzlich für die Austauschschüler auch gelegentlich Angebote (wie beispielsweise zur Kalligrafie oder chinesischen Opern) bereitgestellt. Sehr positiv habe ich auch die Feste (wie Chinesisches Neujahr oder das Mondfest) in Erinnerung.

Ein weiterer positiver Aspekt meines Auslandsjahres war die Gastfreundlichkeit und Nachsichtigkeit, die Ausländern entgegengebracht wurde. Obwohl diese in der chinesischen Kultur ohnehin eine große Rolle einnimmt, zeigten sich Chinesen Ausländern gegenüber besonders geduldig und bereit, ihre eigene Kultur zu teilen. Dazu muss man auch sagen, dass Ausländer in China aber auch eine Seltenheit darstellen, zumindest in den weniger internationalen Städten. Insbesondere nicht asiatisch aussehende Menschen werden so einen gewissen "Star-Status" genießen können.

Das Auslandsjahr war definitiv nicht perfekt. So wünsche ich mir rückblickend, insbesondere am Anfang, weniger Zeit mit den Austauschschülern und mehr mit meinen chinesischen Klassenkameraden verbracht zu haben. Leider hatten die meisten Austauschschüler Probleme, sich vollständig zu integrieren, was schwieriger wird, wenn man beginnt, sich in der Ausländergruppe wohlzufühlen. Die Austauschschüler hatten getrennte Dorms von dem Rest der Schule, waren zusammen in den selben Klassen und hatten auch früher Schulschluss, weshalb man nach der Schule auch nur die Möglichkeit hatte, etwas mit anderen Austauschschülern zu unternehmen oder sich selbst zu beschäftigen. Dies war jedoch wohl notwendig, da die Nicht-Austauschschüler bis spät in die Nacht Unterricht hatten und man dies den Austauschschülern nicht zumuten wollte. So sollte auch das kein Hindernis darstellen, solange man in der Schulzeit, den Pausen und am Wochenende aktiv versucht, Freundschaften mit Mitschülern aufzubauen.

Auch konnte ich keine enge Bindung zu meiner Gastfamilie aufbauen, die ich in dem Programm leider nur am Wochenende sehen konnte. Außerdem - auch wenn ich damit persönlich keine Probleme hatte - sollte man sich darauf gefasst machen, dass man weniger Freiheiten genießt, wie z.B. hat man relativ frühe Ausgangssperren, insbesondere wenn man diese von zuhause gewohnt ist. Letzten Endes haben diese Regelungen jedoch ihre Berechtigungen und als Austauschschüler genießt man natürlich trotzdem mehr Freiheiten als die anderen Schüler.

Trotzdem habe ich das Auslandsjahr definitiv genossen. Es war ein wichtiger Abschnitt meines Lebens, der mir noch lange in Erinnerung bleiben wird und mich sehr geprägt hat. So wage ich es zu behaupten, dass ich in diesen zehn Monaten mehr erlebt und gesehen habe, als in mehreren Jahren davor. Ich hoffe, irgendwann zurückkommen zu können.