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Irland

IJFD Irland - The Organic Centre

‚Ein halbes Jahr Irland‘ – Ein Plan, der oft nicht mehr schien als das: nur ein Plan, eine Idee. Oft war ich mir nicht sicher, ob ich das wirklich durchziehen würde, sechs Monate lang alleine in einem anderen Land. Ich glaube, bis ich im Flieger saß, war ich mir nicht sicher, ob ich das wirklich schaffe. Während allen Vorbereitungen schien meine Abreise Ende März noch ewig hin – und dann war es plötzlich so weit.

Gemeinsam mit vier anderen Experiment-Freiwilligen ging es los – mit dem Flugzeug von Frankfurt nach Dublin. Dort wurden wir von Anton, unserem Ansprechpartner von der irischen Partnerorganisation CTL, abgeholt. Anstatt direkt zu unserem Projekt ging es aber zuerst in den Süden, da wir – dank Corona – eine Woche Quarantäne auf der Leades Farm in Cork verbringen durften.

Nach einem, zum Glück für alle negativem COVID-Test, teilten wir uns auf: Zwei Freiwillige blieben auf der Farm, wir anderen drei fuhren mit Aisling von CTL einmal quer durch Irland: von County Cork in den fast nördlichsten Teil von County Leitrim. Die ca. fünfstündige Fahrt gab die tolle Gelegenheit, die vielfältige Landschaft Irlands zu bewundern. Sanfte grüne Wiesen mit Kühen und Schafen, schroffe steinige Hügel (auch mit Schafen), in jedem County etwas anders und doch immer wunderschön. Ich hatte vorher natürlich Bilder von Irland gesehen, hatte aber nicht gedacht, dass die Natur wirklich fast überall hier so aussieht wie auf den Postkarten und Reisebroschüren. Es war besonders für mich als Stadtkind ein riesengroßer Unterschied, zu dem, was ich von zu Hause gewohnt war, und noch immer berührt und begeistert mich die Landschaft hier.

Unser erster Stopp war das Organic Centre, unser Arbeitsort, ein 7½ Hektar großes Gelände am Ufer des Lough Melvin. Wir wurden der Managerin Jan vorgestellt und von ihr und Wez, unserem Haupt-Ansprechpartner, sehr herzlich in Empfang genommen.

Dann ging es auch schon weiter, ca. 4 km die Straße hoch zu unserer Unterkunft im kleinen Ort Garrison. Wir lernten unsere Vermieter*innen kennen, Peter und Pamela, ein sehr nettes Paar, und dann waren wir „zu Hause“. Unsere Unterkunft ist sehr gemütlich, jede*r hat ihr*sein eigenes Zimmer mit einem gemeinschaftlichen Bad, einer Küche und einem Wohnzimmer. Das Haus liegt etwa zwei Minuten Fußweg vom See entfernt, und direkt nebenan gibt es einen kleinen SPAR zum Einkaufen.

Das Lustige, naja, vielleicht eher Interessante an Garrison ist, dass es auf der anderen Seite der Grenze liegt. Wir arbeiten zwar in Irland, wohnen aber in Nordirland! Deshalb machte ich mir zuerst ein paar Gedanken, besonders vor der Abreise, da man ja doch immer wieder etwas von dem Konflikt hört, doch zum Glück waren alle meine Sorgen unbegründet. Die Grenze hier ist so gut wie unsichtbar, man merkt es eigentlich nur daran, dass die Straßenschilder von km/h zu Meilen wechseln. Es ist schon ein witziges Gefühl, jeden Morgen in die EU „einzureisen“ und sie dann am Nachmittag wieder zu verlassen. Spannend ist auch, dass man hier in Garrison eigentlich überall nicht nur in Pound, sondern auch in Euro bezahlen kann.

Unser erster Arbeitstag war ein Freitag, Jan holte uns morgens ab und dann gab es erstmal eine Tasse Tee. Man merkt hier schnell, dass der Tee den Iren sehr wichtig ist, es heißt hier jeden Tag um 11 Uhr für 20 Minuten „Tea Time!“, und daran halten sich auch alle gewissenhaft. Zu erst war ich etwas skeptisch dem klassischen Schwarztee gegenüber, doch inzwischen trinke auch ich ihn mit Begeisterung (und sehr viel Milch).

Das Organic Centre ist eine gemeinnützige und soziale Organisation mit Fokus auf Bildung und Aufklärung über biologischen Anbau, Nachhaltigkeit, Artenvielfalt und Klimawandel. Jan gab uns eine Tour, es gibt hier acht (inzwischen neun) Polytunnel, zwei Gärten, einen Obstgarten und ein großes Feld, dazu noch zwei Schuppen und das Hauptgebäude mit Büros, zwei Unterrichtsräumen, Shop und Café. Es ist ein riesiges Gelände, und man merkt wie viel Arbeit darin steckt, dass es sich seit seiner Gründung 1995 so verändert hat. Das Gelände ist immer offen für Besucher*innen und am Wochenende werden hier viele Workshops angeboten, an denen wir Freiwilligen umsonst teilnehmen dürfen. Von Gartenplanung und Pilze sammeln bis Yoga und Käse selber machen – die Themen sind vielfältig und alle sehr interessant.

Dazu kommt noch ein einjähriger Kurs über biologischen Anbau, an dem 15 Schüler*innen teilnehmen. Eigentlich sind sie die ganze Woche vor Ort und arbeiten mit, durch Corona war der Kurs aber seit Beginn im Februar nur online, das hieß für uns gab es eine Menge zu tun… Kuhmist um die Apfelbäume schaufeln, die Plastikplane über den neuen Tunnel spannen und im strömenden Regen in der Erde buddeln – die Aufgaben in den ersten zwei Wochen waren zwischendurch ganz schön anstrengend, und ich hatte mehr als einmal etwas Muskelkater. Es macht aber auch Spaß, und es ist toll fast den ganzen Tag an der frischen Luft zu verbringen.

Es gibt immer was zu tun im Centre, auch wenn die Schüler*innen inzwischen wieder zumindest in kleinen Gruppen kommen dürfen. Unkraut jäten, gießen, pflanzen, Beete vorbereiten... Langeweile kommt selten auf. Eines der größeren Projekte war (und ist immer noch) der neue Tunnel. Die Plane ist inzwischen über das Gerüst gespannt und befestigt, und nach und nach werden nun die Beete angelegt. Es ist sehr spannend mitzubekommen, wie so etwas von Beginn an fertiggestellt wird.

Donnerstags ist Erntetag hier. Es wird viel Salat angebaut, aber auch Kräuter und viele andere Dinge: Tomaten, Gurken, Kürbisse, Zucchini, Bohnen, Erbsen, Kartoffeln… Das Centre beliefert einige Geschäfte und Restaurants in der Umgebung, und donnerstags bringt Wez die Sachen mit dem Van raus. Wir dürfen manchmal mitkommen, und dann haben wir auch die Möglichkeit in Sligo, der nächstgrößeren Stadt, einzukaufen. Es gibt einen Lidl und einen Aldi, da fühlt man sich schon fast wie zu Hause.

Inzwischen haben wir auch schon etwas mehr von Irland gesehen. Anton von CTL nahm uns auf einen Tagesausflug zu ein paar Sehenswürdigkeiten in der Umgebung mit, u.a. an den wunderschönen Glencar Wasserfall und auf einen tollen Spaziergang an den Klippen in Mullaghmore. Wir haben auch schon ein Wochenende jeweils in Belfast und Galway verbracht, und waren bei den höchsten Meeresklippen Europas, Slieve League in County Donegal.

Das Haus in Garrison ist inzwischen wirklich „Zuhause“ für mich. Ich verstehe mich gut mit meinen zwei Mitbewohner*innen, und wir haben uns sehr gut eingelebt. Wir kochen abends abwechselnd für einander, und oft sitzen wir nach dem Essen noch zusammen und spielen Kartenspiele. Heimweh habe ich bis jetzt noch nicht gehabt. Natürlich vermisse ich meine Familie und Freund*innen schon, aber es ist auch ein schönes Gefühl, für mich selber verantwortlich zu sein.

An Vieles, das am Anfang ungewohnt und aufregend war, habe ich mich inzwischen gewöhnt. Dass auf Schildern immer alles in Englisch und auch in Irisch steht bemerke ich kaum noch, und das Fahren auf der linken Seite ist für mich zur Normalität geworden. Nur an die Straßen hier werde ich mich glaube ich nie gewöhnen – die sind oft sehr schmal und sehr kurvig, was das Fahrradfahren manchmal etwas abenteuerlich macht.

Meine restliche Zeit hier werde ich auf jeden Fall genießen und voll ausnutzen. Hier hin zu kommen, das wirklich durch zu ziehen egal welche Zweifel ich hatte, war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Die Zeit verfliegt so schnell, und sechs Monate kommen mir inzwischen fast schon zu wenig vor. Ich habe schon so viel gelernt, so viele tolle Sachen erlebt und faszinierende Menschen getroffen, und ich freue mich auf alles, was ich hier noch erleben werde.

 

Hannah

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