Mein Schüleraustausch in Estland – Kultur, Freizeit & Schule
Im Schüleraustausch in Estland konnte Robin eine neue Kultur kennenlernen, eine neue Sprache lernen und viele spannende Erfahrungen sammeln. Mehr davon erzählt er Dir in diesem Bericht.
Meine Entscheidung für Estland
Hi, ich bin Robin und war für 1 Jahr in Estland. Estland ist der nördlichste der drei baltischen Staaten. Ich war dort für ein ganzes Schuljahr. Dieses Programm ist sehr klein, nicht viele gehen für ein Auslandsjahr nach Estland. Warum habe ich es gemacht? Ich hätte ja genauso gut in die USA gehen können oder in andere sehr beliebte Länder.
Nun, ich wollte etwas Unbekannteres entdecken – ein Land, in dem man nicht viel über einen Austausch oder gar einen Schüleraustausch hört. Wie ist es, direkt an Russlands Grenze zu leben? Wie leben Menschen in einem so modernen post-sowjetischen Staat? Dies waren einige Fragen, die ich mir vor meinem Austausch gestellt habe.
Beratung
Bei mir hat es ungefähr im September 2023 angefangen, dass ich mich ernsthaft für einen Austausch interessiert habe. Jedoch wusste ich damals nicht so wirklich, wie ich anfangen sollte. Also habe ich mich von der Erasmus+-Lehrerin unserer Schule beraten lassen.
Dank ihr bin ich auf die Organisation Experiment gekommen, unter anderem durch das großzügige Stipendienangebot. Schließlich bekam ich ein Stipendium der Kreuzberger Kinderstiftung.
Vor der Beantragung wurde mir gesagt, dass man eine besonders gute Chance hätte, wenn man sich ein nicht englischsprachiges europäisches Land aussucht und für ein ganzes Jahr geht.
Damals wollte ich ursprünglich sehr gerne nach Kanada, nur kostentechnisch ging das leider nicht. So habe ich in Europa nach Alternativen gesucht und bin auf Estland gekommen. Würde ich heute meine Entscheidung für Estland verändern? Auf gar keinen Fall! Diese Zeit dort war wirklich unglaublich toll, und für kein Land der Welt würde ich diese Erfahrung eintauschen wollen.
Vorbereitung
Dann ging es an die Vorbereitung. Diese geschah circa im Januar/Februar 2024 mit der Bewerbung und dem Gruppenauswahlgespräch. Anschließend kam das Vorbereitungsseminar, und schon dort wusste ich, wie gut dieses Auslandsjahr werden würde. Dort hat es mir sehr viel Spaß gemacht, und man hatte die Möglichkeit, schnell Freund*innen zu knüpfen. Endlich wurde man so richtig auf das Auslandsjahr eingestimmt.
Dann gab es noch ein länderspezifisches Seminar. Dort habe ich erfahren, dass es noch eine andere Person gibt, die nach Estland geht. Allerdings war er beim Meeting nicht da. So hatte ich trotzdem die Möglichkeit, den Ehrenamtlichen einige Fragen zu stellen.
Die große Reise startet
Schließlich bekam ich meine Gastfamilie zugewiesen, und dann saß ich auf einmal im Flugzeug nach Tallinn. Am Flughafen wurden wir von einer Ehrenamtlichen der estnischen Organisation ASSE Eesti abgeholt.
Nachdem wir noch auf ein paar andere gewartet hatten, wurden wir am Abend in ein Camp gebracht, das im Prinzip ein Orientierungsseminar war und noch einmal vier Tage ging. Insgesamt waren wir 12 Austauschschüler*innen (4 Italiener*innen, 3 Japaner*innen, 2 Taiwaner*innen, 2 Deutsche und 1 Australier).
Gastfamilienwechsel
Nach den vier Tagen wurde ich von meiner Gastfamilie abgeholt. Allerdings lief es von Anfang an nicht unbedingt gut. So kam es, dass wir von beiden Seiten aus gesagt haben, dass ich wechseln werde. Wenn mich jemand nach meinem größten Struggle in Estland fragt, war es vermutlich diese Situation.
Schließlich kam ich erst einmal für 1,5 Monate in eine Übergangsgastfamilie in der Nähe, damit ich weiterhin die gleiche Schule besuchen und meine dortigen Freund*innen und Kontakte nicht verlieren konnte. Zum Glück meldete sich eine Familie aus dem gleichen Ort und war bereit, mich aufzunehmen. Bei ihnen war ich dann für die restlichen 7–8 Monate.
Mein Alltag in Kadrina
Ich habe in Kadrina gelebt – von der Infrastruktur her eine Kleinstadt mit ein paar Supermärkten, ärztlicher Versorgung und sogar einem Bahnhof. Das alles bei 3.000–4.000 Einwohner*innen.
Frühstück
Mein typischer Tag begann damit, dass ich um 7 Uhr aufstand, mich fertig machte und frühstückte. Meine Gasteltern waren zu dem Zeitpunkt oft schon aus dem Haus und meine kleinere Gastschwester auch schon im Kindergarten. So war ich mit meinem Gastbruder (12 Jahre alt) morgens allein. Er konnte sehr fließend Englisch und war relativ selbstständig. So konnten wir uns immer ziemlich gut beim Frühstück unterhalten und sind dann oft auch gemeinsam zur Schule gegangen.
Schule
In der Schule hatten wir die klassischen Fächer, die wir auch aus Deutschland kennen. Die Schule ging an langen Tagen bis 16:30 Uhr und an kurzen bis 14:00 Uhr. Es gab auch eine Mensa für das Mittagessen, und dieses war für alle Schüler*innen gratis, da die Regierung diese Kosten übernimmt.
Freizeitaktivitäten
Nach der Schule hatte ich oft noch andere Aktivitäten, meistens Badminton, das ich zweimal in der Woche gespielt habe, oder estnischen Volkstanz, den ich für mich entdeckt habe. Estland hat eine große Sing- und Tanzkultur und ist sehr stolz darauf. Ich finde, wenn man sich nicht auf die Kultur einlassen kann und nichts Neues ausprobieren möchte, mit dem man vorher nie etwas zu tun hatte, dann ist ein Auslandsjahr nichts für einen.
Der estnische Volkstanz wird meistens zu zweit getanzt (Junge und Mädchen). Anfänglich war mein Ziel, mich für das große Tanzfest (Tantssupidu) in Tallinn zu qualifizieren. Jedoch war ich der einzige Junge meines Jahrgangs, sodass wir leider nur das lokale Fest besuchen konnten. Es war trotzdem eine mega Zeit, und ich denke super gerne daran zurück.
Zeit mit meiner Gastfamilie
Mit meiner Gastfamilie haben wir viele Ausflüge gemacht, besonders in den Ferien in Spas. Und vertraut mir: Estnische Spas sind ein anderes Level. Das liegt wahrscheinlich auch an der dort sehr ausgeprägten Saunakultur. So sind wir auch relativ oft in die Sauna gegangen – so gut wie jede*r Este*in hat eine Sauna bei sich zu Hause.
Ansonsten haben wir abends oft einfach ein paar Filme geguckt. Samstags war immer Familienabend. Dort haben wir dann ein kleines Snackbuffet aufgebaut und einen Kinderfilm geschaut (natürlich auf Estnisch). Wir sind auch sehr oft zu meiner Gastgroßmutter gefahren, die eher ländlich lebte und ein großes Grundstück hatte. Sie war immer sehr herzlich zu mir, und dort haben wir beispielsweise auch unseren Heiligabend verbracht.
Am Wochenende sind wir öfter in die Nähe des Meeres gefahren, da meine Gastfamilie sich dort ein Ferienhaus baut. So habe ich auch handwerklich einiges mitgenommen.
Kultur in Estland
Die Küche in Estland ist sehr fisch- und suppenlastig. Anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, aber irgendwann freut man sich richtig darauf – und jetzt vermisse ich es natürlich.
Sprachlich ist Estnisch natürlich etwas schwerer zu erlernen. Man kann es ungefähr mit Finnisch vergleichen. Ich persönlich habe am Anfang etwas gebraucht für die Basics, aber später, so von Dezember bis Januar, hatte ich den Flow drin. Zuerst habe ich mich für die A2-Prüfung angemeldet und diese bestanden. Später habe ich die B1-Prüfung wegen fünf Prozent leider nicht bestanden. Da ich nach dem Ablegen dieser Prüfung noch einen Monat in Estland war, behaupte ich gerne, dass ich B1 habe.
Was ich definitiv in Erinnerung behalten werde – neben der tollen Kultur – ist das Militärcamp, das uns von der Schule angeboten wurde. Für drei Tage haben wir dort in Zelten geschlafen, insgesamt 20 Leute, und hatten typische militärische Übungen wie Marschieren, Kommunikation, Orientierung, Tarnen und noch ein paar andere. Das wurde immer als Workshop vorgestellt, und wir durften es nachmachen. Die Anmeldung war natürlich freiwillig, jedoch gibt es in Estland eine Wehrpflicht. Somit macht es Sinn, sich früh mit dem Militär auseinanderzusetzen.
Fuchs-und-Gott-Woche
Eine weitere Sache ist die Fuchs-und-Gott-Woche. Das Konzept fand ich besonders spannend. Vielleicht kennen ja einige von Euch die berühmte Mottowoche – diese war so ähnlich, jedoch am Anfang des Schuljahres. Jede*r Zwölftklässler*in (Abschlussjahrgang) bekam eine*n Zehntklässler*in (1. Jahr der Oberstufe, in dem ich auch war). Diese konnten dann an verschiedenen Tagen unterschiedliche Mottos festsetzen, bei denen sie thematisch mit uns machen konnten, was sie wollten.
Zum Beispiel bekamen alle am ersten Tag ein Ei mit Tape in die Hand geklebt. Wenn wir es zerstörten, mussten wir eine nicht appetitliche Flüssigkeit trinken, die aus allem Möglichen zusammengemischt war.
Am Freitag, dem letzten Tag, gab es dann die „Feuertaufe“. Wir hatten keinen Unterricht, sondern mussten den ganzen Tag in der Schule oder auf dem Sportplatz verschiedene Aufgaben machen, wie zum Beispiel zusammengebunden laufen, Macarena tanzen und vieles mehr. Definitiv eine unvergessliche Tradition.
Ausflüge mit meiner Austauschorganisation
Natürlich waren auch die Ausflüge, die wir mit der Organisation gemacht haben, sehr besonders. Helsinki war am besten. Aber wir waren auch in Riga und in Stockholm.
Ein Austausch in kleineren Ländern lohnt sich
Ich finde, gerade ein unbekannteres, kleineres Land wie Estland kennenzulernen, ist sehr interessant, anstelle der größeren Länder, die man ja irgendwie schon mehr oder weniger „kennt“.
Wagt den Schritt und findet den Mut, einen Austausch in kleineren Ländern wie Estland zu machen.
Ich bedanke mich fürs Lesen!
Euer Robin

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