Seit sechs Monaten zum Schüleraustausch in China

Als ich zuerst in China ankam, war ich sehr überrascht, weil das Leben hier tatsächlich sehr anders als in Deutschland ist. Viele Sachen, wie zum Beispiel das Schulleben, waren etwas gewöhnungsbedürftig, aber ich genieße es wirklich, hier sein zu dürfen.

Unterschiede im Schulsystem

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Nina mit Ihrer Gastfamilie in Zhengzhou, China.

Ich war sehr gespannt, die Unterschiede im Schulsystem kennenzulernen, wie zum Beispiel das tägliche Laufen auf dem Sportplatz, das Uniformtragen sowie die längeren Unterrichtszeiten. Die Schultage sind schon sehr lang und meine Freizeit ist jetzt seit Monaten extrem knapp. Bedingt durch die langen Schultage schlafen die chinesischen Schüler ab und zu während des Unterrichts ein und die Lehrer klopfen ihnen dann auf den Rücken oder rütteln sie wach. In der Schule müssen wir die Uniform tragen, die zwar nicht das modischste Kleidungsstück, aber sehr gemütlich ist. In meiner Klasse gibt es ein paar Mitschüler, die lieber ihre eigene Kleidung tragen und sie mit der Schuluniform kombinieren. Das wird auch toleriert. Wenn sie aber ausschließlich nur ihre Klamotten tragen, müssen sie vor der ganzen Klasse Kniebeugen oder ähnliches machen. Die Regeln sind strenger, aber daran gewöhnt man

sich mit der Zeit. Ich hatte erwartet, dass die Klassen sehr viel größer als bei meiner alten Schule sein werden, aber die Klassengröße ist nur geringfügig größer als in Deutschland. Bei den Unterrichtsfächern mache ich hauptsächlich nur beim Englisch Unterricht mit, da ich die Handschrift vieler Lehrer nicht entziffern kann und die Themen zu schnell durchgenommen werden. Demnächst plane ich allerdings, im Chemie Unterricht mitzumachen, da man das Vokabular und die Formeln besser lernen kann und nicht allzu lange Sätze schreiben muss.

Karaoke und K-Pop

Im Vergleich mit meiner Heimatsstadt mit ihren etwa 200.000 Einwohnern ist Zhengzhou sehr viel größer mit ca. 8 Millionen Einwohnern. Außerdem gibt es hier mehr zu sehen und einfach überall ist etwas los. Mit seinen Freunden geht man hier oft ins Kino, ins Restaurant oder in eine Karaokebar. Bevor ich nach China kam, hatte ich so etwas noch nie gemacht und es war so witzig, dass ich es auch mal zuhause vorschlagen werde, wenn man denn ein KTV dort findet. Ich bin auch ein großer K-Pop-Fan und es überrascht mich immer wieder, wie viele Lieder, die zum Beispiel in Geschäften gespielt werden, ich direkt wiedererkenne. In Deutschland wussten viele meiner Freunde leider noch nicht einmal, was K-Pop eigentlich ist und hier finde ich immer irgendwen, der sich gerne über die verschiedenen Künstler unterhält, was mich natürlich sehr glücklich macht. Außerdem habe ich herausgefunden, dass viele chinesische Schüler gerne japanische Musik hören, was ich nachvollziehen kann, da die Sprache sehr schön klingt, auch wenn es mich überrascht hat.

Chinesischer Alltag und Sightseeing

Dass sich China sehr schnell entwickelt, wusste ich, trotzdem hat es mich überrascht und fasziniert, wie viele Veränderungen ich innerhalb eines halben Jahres schon miterleben konnte. Zum Beispiel wurden in der Straße, wo ich bei meiner Gastfamilie wohne, alle fehlenden Bürgersteigmarkierungen bemalt, viele Läden haben neue Fassaden und einfach in jeder Richtung sieht man Kräne und Baustellen. Das Leben in meiner Gastfamilie unterscheidet sich meiner Meinung nach nicht viel von dem in Deutschland, außer dass wir den Vater nur manchmal sehen, da er in einer anderen Stadt arbeitet. Mit meiner Gastfamilie beziehungsweise der Schule und den anderen Austauschschülern sind wir auch schon etwas in China herumgereist. Zuerst haben wir uns die Kulturstadt Xi'an und die Terrakotta Armee angesehen. Die war sehr beeindruckend, weil man in jedem Gesicht eine einzigartige Persönlichkeit und einen individuellen Gesichtsausdruck erkennen konnte. Danach war ich für ein paar Tage in Hainan, einer beliebten Urlaubsinsel mit schönen Stränden, in Hongkong mit einer überwältigenden Skyline und an einigen weiteren Orten.

Um noch einmal auf das Schulleben zurückzukommen: Trotz der langen Unterrichtszeiten ist es erträglich, da man hier oftmals im Unterricht eine kurze Pause macht und danach weiterlernt. Manchmal fühle ich mich hier etwas einsam, aber dank neu gefundener Freunde und einer unterstützenden Gastfamilie vergeht das auch recht schnell wieder. Meine Gastfamilie kümmert sich fürsorglich um mich und wenn ich manchmal nicht weiß, was sie meinen, kommunizieren wir mit Gesten oder bedienen uns einfach des Handys. Ich würde jedem empfehlen, einmal einen Auslandsaufenthalt in China zu machen, da diese Erfahrung sehr lehrreich und die Kultur völlig fremd und dadurch extrem interessant ist.

Nina verbringt als Stipendiatin der Stiftung Mercator ein Schuljahr in China.