Ein Schuljahr in Costa Rica

„Costa Rica? Da kommen doch die Bananen im Supermarkt her!“ oder „Cool, ich wusste gar nicht, dass man auch auf spanischen Inseln ein Austauschjahr machen kann!“ – Sätze wie diese hörte ich öfter, nachdem ich erzählte, dass ich für ein Jahr nach Costa Rica gehen werde. Dass Costa Rica kein Urlaubsort in Spanien, sondern ein eigenständiges Land in Mittelamerika ist, wusste ich schon durch Wikipedia-Artikel und Reiseführer. Diese warnten aber auch vor Giftschlangen, Skorpionen und bewaffneten Überfällen. Dementsprechend war ich schon ziemlich aufgeregt, als klar war, dass ich ein Jahr in diesem Land verbringen werde. Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommt.
Vielleicht kann ich gleich vorweg sagen, dass mir die Skorpione, Giftschlangen, Totenkopfäffchen, Tukane und andere exotische Tiere im ganzen Jahr nur bei Ausflügen in den Regenwald begegneten. Und Malaria habe ich auch nicht bekommen. Man braucht also wirklich keine Angst haben.

Als ich im Juni 2012 bei meiner Gastfamilie ankam, musste ich mich zunächst daran gewöhnen, dass sie fast überhaupt kein Englisch sprach und ich von Anfang an mit meinen wenigen Spanischkenntnissen klar kommen musste - was aber ganz gut funktioniert hat. Ich hatte fünf Gastgeschwister, die aber fast alle schon über 20 Jahre alt waren, bis auf die Jüngste, mit der ich mir auch ein Zimmer geteilt habe. Was besonders an der Kultur der Costa-Ricaner, der „Ticos“, auffällt, ist, dass die Familien sehr stark zusammenhalten. Daher habe ich auch meinen Gastbruder, der eigentlich in Tibás wohnt, jede Woche mindestens zwei Mal gesehen. Meine anderen Gastgeschwister lebten sogar noch mit uns zusammen. Die Großeltern, die eigentlich in Zarcero leben, kamen auch öfters zu Besuch, und wir besuchten sie alle zwei Wochen auf dem Land. Es war also immer etwas los bei uns!
Morgens gab es immer zum Frühstück Gallo Pinto, das sind mit Paprika, Zwiebeln und Salsa Lizano angebratene Bohnen mit Reis, Spiegelei und gebratenen Plátanos, welches meine Gastmutter für die gesamte Familie vorbereitete. In den ersten Wochen bekam ich davon immer ziemlich starke Bauchschmerzen, weil es schon ziemlich schwer im Magen liegt, aber man gewöhnt sich daran und nach einiger Zeit hat es mir dann doch geschmeckt.
Die ersten Tage, nachdem ich angekommen war, hatte ich schulfrei und bin mit meiner älteren Gastschwester ein bisschen in Lagunilla herumgelaufen, unserem Stadtteil in Heredia.

Meine erste Schule in San Roque de Barva besuchte ich zusammen mit meiner jüngsten Gastschwester, die so alt war wie ich. Das CEC war winzig – es bestand aus einem Kindergarten, einer Grundschule und jeweils einer neunten und einer zehnten Klasse à 15 Schüler. An meinem ersten Schultag stürzten sich die Schüler meiner Klasse sofort auf mich und löcherten mich mit Fragen, die ich kaum verstand, aber sie waren alle ziemlich nett zu mir. Fast niemand passte im Unterricht auf, wir spielten oft Schach, unterhielten uns, was mein Spanisch deutlich verbesserte, was die Lehrer aber nicht zu stören schien. Da die Schule sehr weit von unserem Zuhause entfernt war und ich ein paar Probleme mit meiner Gastschwester hatte, weil wir dadurch, dass die Schule unglaublich klein war, denselben Freundeskreis teilten, entschied ich mich nach einem halben Jahr die Schule zu wechseln. Die Entscheidung habe ich nie bereut – meine neue Schule, das Colegio Santa María de Guadalupe in Santo Domingo war mit geschätzt 1000 Schülern deutlich größer und ich konnte bequem mit dem öffentlichen Bus hinfahren, für den ich pro Fahrt vielleicht 60 Cent bezahlte und jedes Mal wieder ein Erlebnis war – Busfahren in Costa Rica ist etwas ganz besonderes. Da ich nun auf einer katholischen Schule war, waren wir alle darum bemüht Montagmorgens während des Gebets in der Schulkapelle wach zu bleiben – gar nicht so leicht wenn der Unterricht um 7.00 Uhr beginnt. Trotz der Nonnen und der konservativen Einstellung (wer beim Küssen erwischt wurde, bekam Strafpunkte) war die Schule ziemlich modern. Wir hatten sogar ein eigenes Volleyball- und Cheerleaderteam, die regelmäßig zu Wettkämpfen fuhren. Außerdem gab es unter anderem einen Judoclub und eine Marimba Musikgruppe, denen ich sofort beitrat und dort unglaublich liebe Menschen kennenlernte. Mit der Marimba-Gruppe traten wir oft in der Schule beim Acto Cívico auf, einer Art Vollversammlung der Schule, bei der die Nationalhymne und die Hymne der Schule gesungen wird, und dann alles weitere angesagt wird. Aber wir fuhren auch an andere Orte, zum Beispiel zu Festen von anderen Schulen oder Gemeinden. Das waren unbeschreiblich schöne Erlebnisse.

In der Freizeit fuhr ich öfter ins Zentrum von Heredia, traf mich mit Freunden zu einem Eis oder einem der vielen, leckeren Fruchtsäfte, die fast an jeder Straßenecke verkauft werden. Manchmal fuhren wir auch in die Mall, manchmal auch nach San José in den großen, zentralen Park namens „La Sabana“ oder nach San Pedro zum Inlineskaten.
Generell kann man im Valle Central wirklich viel unternehmen, da es das Ballungszentrum Costa Ricas ist.

Wenn man die Gelegenheit dazu bekommt, zu reisen, sollte man sie unbedingt nutzen! In Costa Rica gibt es von Regenwald über Kaffeeplantagen bis Traumstrände wirklich alles zu sehen.
Ich habe die „Ticos“ größtenteils als unglaublich hilfsbereite, höfliche Menschen erlebt, die in den Moment hinein leben, nicht viel von Planung halten, aber trotz ihrer Gelassenheit irgendwie zuverlässig sind. Die meisten, besonders ältere Menschen, aber auch viele Freunde von mir, sind sehr religiös und vertrauen auf die Kraft ihres Glaubens. Sie tragen zwar auch viel Temperament in sich, aber übermitteln eine inspirierende Lebenslust, wie man sie in Deutschland nur selten erlebt. Nicht umsonst gehört dieser Ort mit der Größe Niedersachsens zu den glücklichsten Ländern der Welt.

Meret

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Experiment-Austauschschülerin mit costa-ricanischer Freundin