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Pécs in Ungarn

Nach Ungarn - was willst Du denn da?

Wie viele in meinem Alter habe ich mich zum Ende meiner Schulzeit immer wieder mit dem großen Thema Zukunft beschäftigt. Was möchte ich nach dem Abitur machen? Direkt studieren oder doch erstmal die Welt erkunden? Nach stundenlanger Google Suche und einigen Studieneignungstest später bin ich dann auf den Europäischen Freiwilligendienst gestoßen und die Entscheidung war schnell getroffen, ein EFD soll es werden.

Doch Europa ist groß, interessante Städte gibt es wie Sand am Meer und EFD Plätze so viele das es fast unmöglich erscheint den einen richtigen zu finden. Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich in Ungarn landen werde hätte ich vermutlich nur laut gelacht. Denn auch mich zog es in die großen Städte. London, Dublin und andere englischsprachige Metropolen weckten mein Interesse. Damit war ich allerdings nicht allein, und meine Chancen unter hundert anderen Bewerbern gleich null. Und so begann ich, mich mit anderen Ländern auseinander zu setzten und offen für neue Sprachen zu sein. Ich entdeckte völlig neue Möglichkeiten und lenkte meinen Fokus weg von der Stadt hin zu dem Projekt.

Letztendlich landete ich in Ungarn, rückblickend die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Es passierte zwar nicht selten, dass ich erstaunte Reaktionen und zweifelnde Fragen zu dieser Entscheidung bekam, aber auch die konnte ich schnell beruhigen und von den Möglichkeiten dieses Projektes überzeugen. Noch ein bisschen Koffer packen hier und Tschüss sagen da und schon ging es los in 10 Monate voller Abenteuer.

Meine Zeit in Ungarn verbrachte ich in der wunderschönen Studentenstadt Pécs. Mediterranes Flair, internationale Studenten und viel Sonnenschein waren meine ersten Eindrücke der Stadt. Von Ungarn hatte ich vor meinem EFD tatsächlich kein Bild vor Augen außer was man von den berühmten Sissi Filmen kennt. Natürlich habe ich versucht, möglichst viel über Land, Leute und vor allem die Sprache im Vorhinein zu lernen, bin dann aber doch einfach ins kalte Wasser gesprungen und hingeflogen. Und es ist genau diese Erfahrung, die mir jetzt die Sicherheit gibt, überall auf der Welt einen Platz zu finden und zurecht zu kommen. Zwar bin ich allein nach Ungarn gegangen, ohne jemanden zu kennen oder mehr als zwei Worte auf der neuen Sprache sprechen zu können doch habe ich schnell Anschluss gefunden und mich nie wirklich allein gefühlt. In meiner Organisation in Ungarn waren wir insgesamt 15 Freiwillige aufgeteilt auf 4 WGs mit jeweils 3-5 Menschen.  Mit zwei Österreichern und einer Italienerin lebte ich in der kleinen, aber feinen FunnyFlat. Niemals hätte ich gedacht, mich so schnell zuhause zu fühlen aber schon nach wenigen Tagen hatte ich mich im neuen Heim eingewöhnt. Über Schwierigkeiten des WG Lebens kann ich nicht viel berichten, da ich absolutes Glück mit meinen Mitbewohnern hatte. Außer ungewolltem Besuch in Form von Kakerlaken und Verlust von Privatsphäre hatten wir keinerlei Probleme.

Gearbeitet habe ich in einem deutschen Kindergarten. Da es in Pécs eine deutsche Minderheit gibt, der der Erhalt ihrer Kultur und Wurzeln sehr wichtig ist, war meine Aufgabe hauptsächlich mit den Kindern Deutsch zu sprechen und sie im Alltag zu begleiten. Das stellte sich Anfangs ein bisschen schwieriger raus als gedacht. Die Kinder haben wenig Deutsch verstanden und mussten sich erstmal an mich gewöhnen bis sie mit mir spielen wollten und mir vertrauten. Doch mit der Hilfe meiner Kollegen habe ich meinen Platz bei der Arbeit gefunden, wusste welche Aufgaben ich übernehmen soll und wo ich mich beim Basteln, Singen oder Tanzen kreativ einbringen kann. Von da an habe ich die Arbeit im Kindergarten sehr genossen. Es war ein gegenseitiger Lernprozess, ich habe den Kindern etwas beigebracht aber auch von den Kindern und vor allem der Arbeit mit Kindern viel über mich selbst und meine eigenen Grenzen lernen können. Was mir am Ende immer in Erinnerung bleiben wird ist die unendliche Liebe, die ich von den Kindern bekommen habe.

Doch das ist noch lange nicht alles, was ich von meinem Auslandsjahr mitnehme. Viele Reisen durch die östlichen Länder Europas, neue Kulturen und neue Freundschaften sind wohl die wichtigsten Erfahrungen meiner letzten 10 Monate. In einer Stadt neu anzukommen und kaum wen zu kennen, zwingt einen an kulturellem Programm teilzunehmen, neue Freizeitaktivitäten auszuprobieren und jede Chance zum Reisen zu nutzen. So habe ich in den ersten Monaten in Ungarn nicht nur einen Sprachkurs gemacht, ich habe mich auch im Salsa- und Hip-Hop tanzen ausprobiert, bin jedes Wochenende in eine neue Bar oder ein neues Café gegangen und habe sogar mein Glück auf dem Tennisplatz herausgefordert. Beeindruckt von neuen Preisen und einer neuen Währung mussten wir natürlich auch erstmal lernen mit Geld und der Organisation eines Haushaltes umzugehen. Glücklicherweise hatte ich viele Ferien oder Feiertage, die ich zum reisen nutzen konnte und auch sonst mangelte es nicht an Freizeit. Anfangs musste ich lernen, rauszufinden womit ich meine Zeit gerne nutzen möchte. Schnell bemerkte ich, dass es neue Themen und Gebiete sind, denen ich mehr Aufmerksamkeit schenken möchte. Durch die neuen Einflüsse in meiner Umgebung begann ich mich intensiver mit politischen und gesellschaftlichen Themen auseinanderzusetzen und mich mit meinen neuen Freunden drüber auszutauschen. Viele Abende vergingen wo wir gemeinsam am Tisch saßen und Diskussionen über Politik, Gesellschaft, Kultur und Musik führten. Und auch in den zwei Seminaren zusammen mit Freiwilligen aus ganz Ungarn schlossen wir nicht nur neue Freundschaften, sondern lernten unsere Augen für die Welt und was um uns herum geschieht zu öffnen und uns stark zu machen wofür wir stehen.

Abschließend kann ich jedem nur ans Herz legen, diese einmalige Chance zu nutzen und einen Freiwilligendienst zu machen, offen zu sein für Länder die man nicht als erstes mit einem Auslandsjahr verbindet und Projekten eine Chance zu geben die nicht die erste Wahl waren. Denn auch wenn nicht jede Erfahrung nur positiv sein wird und man am Ende immer Abschied von einer neuen Heimat nehmen muss, macht man Erfahrungen und schafft Erinnerungen, die einen ein Leben lang begleiten werden.

Eva