Freiwilligendienst in Argentinien – Fünf Monate in der Mate-Gesellschaft

Was ist Argentinien? Steak, Rotwein und Tango. Wenn man sich beim Überlegen noch ein bisschen ins Zeug legt, kommt man vielleicht sogar noch auf Evita, dann aber eher zusammenhängend mit Madonnas „Don’t Cry for me Argentina“ und dem dazugehörigen Musical, Empanadas und auf die Hauptstadt Buenos Aires. Das ist zwar weder schlecht, noch falsch, allerdings geht Argentinien weit über jenes Halbwissen hinaus. So richtig lernt man ein Land eben erst kennen, wenn man geraume Zeit dort verbringt.

Mit dem flexiblen Freiwilligendienst von Experiment e.V. verbrachte ich von November 2018 bis März 2019 fünf Monate in Córdoba, einer Provinz im Zentrum Argentiniens, nahe der gleichnamigen Hauptstadt und lernte das facettenreiche Land im Süden Lateinamerikas ausgiebig kennen, sei es im kulinarischen, kulturellen, landschaftlichen, linguistischen oder gesellschaftspolitischen Bereich. Während mein Projekt mit dem Titel „Unquillo Local Government“ in der Künstlerstadt Unquillo stattfand, die sich im Vergleich mit der Millionenstadt Córdoba eher als Dorf bezeichnen lässt, wohnte ich mit meiner Gastfamilie, bestehend aus einem jungen Ehepaar mit drei kleinen Söhnen, im stadtnahen Villa Allende, das in der Provinz nicht nur wegen seiner typisch cordobesen Aussprache, Vischa Aschende, sondern auch wegen seines vergleichbar hohen Lebensstandards bekannt ist.

Als ich vor meinem Aufenthalt erfuhr, dass ich, als langzeitiges und überzeugtes Einzelkind, gleich drei kleine Gastbrüder auf einmal haben würde, machte ich mir erst einmal Sorgen um meinen seelischen Zustand nach fünf Monaten in ständiger Gegenwart von drei Kleinkindern. Dennoch kam es, wie es so oft der Fall ist, anders als erwartet, und die Zeit, die ich mit meiner Gastfamilie verbrachte, wurde zur schönsten und erlebnisreichsten Zeit meines Aufenthaltes. Alfonso, der kleinste der Familie mit einem Jahr, entwickelte eine zunehmende Obsession mit meinen bunten Ohropax, die er genüsslich Tag ein Tag aus auf dem Boden in Reihen anordnete. Mit Gastón, der dieses Jahr fünf wird, baute ich mehr Sofaburgen als je zuvor in meinem Leben. Juan, der sieben Jahre alte Zweitklässer, sorgte dafür, dass ich durch Basketballspiele auf der Terrasse und Spaziergänge durch unser Viertel sogar ungewollt sportlich aktiv wurde. Allerdings waren es nicht nur die Jungs, die meine Gastfamilie so besonders machten. Leo und Diego, meine Gasteltern, nahmen mich mit auf Familienfeiern, die in Argentinien, wie wahrscheinlich überall in Lateinamerika, auf Grund der Größe der Familien eher größeren Ausmaßes waren, sei es zu Weihnachten, Geburtstagen oder einfach aus Spaß an der Freude, die so gut wie immer in Form eines Asados stattfanden.

Bei dem Stichwort Asasdo muss man auf die kulinarischen Gewohnheiten der Argentinier zu sprechen kommen, die tatsächlich gar nicht so fern ab von dem Klischee, in Argentinien würde man ja nur Fleisch essen, liegen. Als Asado wird ein Grillfest bezeichnet, bei dem nicht selten etwas, das nach einem kompletten Tier aussieht, auf den Grill geworfen und mit Salaten, Brot, Bier und Rotwein serviert wird. Fehlen darf dabei weder Mayonnaise, wahrscheinlich die beliebteste Sauce des Landes, ein Applaus für den Grillmeister, den sogenannten Asador, und ein Fernecito. Der Konsum des italienischen Kräuterlikörs Fernet Branca ist in Córdoba so hoch wie nirgends sonst auf der Welt. Nicht einmal in Italien verkauft sich der auf sich allein gestellt eher fragwürdig schmeckende Fernet so gut wie in dieser einen Provinz. Das Geheimnis? Man mische ihn in einem Verhältnis von einem Drittel zu zwei Dritteln Cola, vorausgesetzt man füllte sein Glas zuvor bis zum Rand mit Eiswürfeln. Mein Fazit: Pa‘ cuándo el Fernecito en Alemania? Es gibt nur ein Getränk, dem ich mehr kulturelle Bedeutung zusprechen würde als dem eben genannten: dem Mate. Nicht bloß als Getränk, sondern fast schon als Ritual, ist der aus Yerba-Kräutern bestehende Tee in allen gesellschaftlichen Klassen und in allen Provinzen des Landes verbreitet. Der Mate mit seinem anfänglich eher bitteren Geschmack bietet die Grundlage für alle sozialen Zusammentreffen. Auf der Arbeit, nach einem Asado, unter Freunden: einer hat immer einen Mate dabei. Eine besondere Erwähnung geht im kulinarischen Bereich an die Karamell-Creme Dulce de Leche, vor der auf der Suche nach Süßspeisen kein Entkommen ist, tatsächlich, wie erwartet, an die Empanadas und, nicht wie erwartet, an die italienische Küche.

Milanesas, Vitello Tonato, Lasagne? Und dann auch noch der italienische Fernet? Der italienische Einfluss auf das Land ist allgemein eher unbekannt und doch ist er nicht zu verkennen. Vom Essen über italienische Familiennamen bis hin zum teilweise italienischen Ursprung des einzigartigen argentinischen Akzents mit seinen Redewendungen, die man in anderen spanischsprachigen Ländern nie zu Ohr bekommen würde, lässt es sich deutlich erkennen: Kolonien hatten hier nicht nur die Spanier. Allerdings auch nicht nur die Italiener und Spanier. Nicht selten läuft man in Córdoba Zentrum an Läden mit deutschen Namen vorbei, deutsches Bier ist keine Seltenheit und sogar das Oktoberfest wird in den ehemaligen deutschen Kolonien gefeiert. Das Europäische ist in Argentinien nicht mehr wegzudenken.

Dies fällt ebenso auf, wenn man in Argentinien auf Reisen ist. Besonders die Hauptstadt Buenos Aires sieht an einigen Stellen aus wie ein zweites Paris. Dennoch lässt sich das europäisch wirkende Argentinien nicht überall entdecken. Je weiter man in den Norden des Landes vordringt, desto stärker lassen sich die eigentlichen Wurzeln des Landes, bestehend in denen der indigenen Bevölkerung erkennen. Das bergige und nahe den Iguazú-Wasserfällen sogar tropische Panorama lässt einen manchmal glauben, man sei in ein anderes Land gereist. Diese Vielseitigkeit ist das, was Argentinien für mich ausmacht. Das Land ist kulturell und landschaftlich divers, ist aber dennoch und trotz der enormen Fläche, in die Deutschland ganze acht Mal hineinpassen würde, durch Traditionen wie den Mate und das Asado verbunden.

Vielseitigkeit habe ich auch in meinem Projekt erlebt. Ich verbrachte meinen Freiwilligendienst in der Gemeindeverwaltung von Unquillo und war dort im sozialpolitischen Bereich tätig, wo ich mich auf die Rolle der Frau und das Thema Geschlechtergerechtigkeit in Argentinien konzentrierte. Meine Aufgaben bestanden in den verschiedensten Dingen. Ich hielt Seminare für Frauen mit Mikrobetrieben über die Funktion der sozialen Medien als geschäftsfördernde Werbemittel, ich erstellte eine Datenbank aller Mikrobetriebe in Unquillo, führte Interviews mit hauptberuflichen Künstlerinnen und arbeitete in der Sommerschule für Senioren. All dies half mir, die argentinische Gesellschaft besser zu verstehen. Leider ist diese derzeit stark von der fast schon konstant steigenden Inflation betroffen, die sich langsam auch im Alltag bemerkbar macht. Auch der andauernde Machismo, welcher die Geschlechterrollen immer noch traditionell aufteilt und die Frau somit benachteiligt, prägt die Gesellschaft. Allerdings ist der Feminismus besonders nach der Abstimmung über die Legalisierung der Abtreibung, welche nicht durchgesetzt wurde, von großer Bedeutung in dem Land, was ich am 8. März bei dem Frauenmarsch im Zentrum selbst erleben durfte.

Was ist Argentinien? Steak, Rotwein, Tango… Ja, zweifelsohne. Es ist dies und so viel mehr. Argentinien ist Vielfältigkeit in Kultur und Natur, Tradition im ständigen Austausch mit modernen Vorstellungen, der einzigarte argentinische Akzent, Menschen, die in problematischen Zeiten zusammenhalten, und die offene, kommunikative Mate-Gesellschaft.