Hallo Ihr Lieben,

jetzt bin ich ja schon eine ganze Weile wieder zur├╝ck in Deutschland, trotzdem wollteich mich noch einmal bei Experiment bedanken, dass sie es m├Âglich gemacht haben, dass ich nach Kanada gehen konnte! Ich glaube ich hatte die bis jetzt beste Zeit meines Lebens dort. Die 3,5 Monate haben mich so beeindruckt, fasziniert und gl├╝cklich gemacht, dass mein n├Ąchster Besuch eigentlich schon f├╝r den n├Ąchsten Winter geplant war (das f├Ąllt jetzt leider wegen Corona aus, aber ich werde auf jeden Fall wieder hinfahren!).

Meine Reise nach Kanada

Die gesamte Reise war ein einziger Volltreffer. Schon in den ersten Wochen habe ich mich supergut mit meiner Gastfamilie verstanden, diese Beziehung hat sich in sofern gefestigt, als das wir am Ende alle heulend am Flughafen in Prince George standen und ich inoffiziell in deren Familie aufgenommen wurde. Die Arbeit mit den Schlittenhunden hat mich allerdings auch pers├Ânlich ver├Ąndert, es schafft viel Selbstvertrauen wenn man mit Hunden arbeitet, diese ausbildet, und zum Teil tagelang mit denen unterwegs ist.

Meine Gastmutter hat mich oft auf kurze Trips mitgenommen, meistens sind wir morgens in aller Fr├╝he noch vor dem Sonnenaufgang mit den Hundeschlitten losgefahren, jeder mit einem Team von 8 bis 10 Hunden. Dann sind wir den ganzen Tag durch die wirklich atemberaubende Landschaft gefahren, alles ist von einer dicken, pulverigen, glitzernden Schneedecke bedeckt. Es gibt dort fast keine Ger├Ąusche, das einzige Ger├Ąusch, das man h├Ârt, ist das leise Hecheln der Hunde und das Knirschen der Schlittenkuven. Bevor es dunkel wird, musste das Lager aufgebaut worden sein, damit die M├Âglichkeit, dabei Fehler zu machen, so gering wie m├Âglich gehalten wird. Mitten im Wald an einer Stelle zu ├╝bernachten, an der das GPS-Ger├Ąt nur wei├čen Bildschirm anzeigt, f├╝hlt sich genaso gef├Ąhrlich an, wie es sich anh├Ârt. Bei ca. -20 Grad m├╝ssen alle Vorbereitungen stimmen, damit man morgens wieder aufwacht. Aber bei uns war alles perfekt, Hotdogs ├╝ber dem Lagerfeuer zum Abendbrot, danach hei├če Schokolade und Kuchen und dann ein paar Stunden schlafen, bevor es dann am (wirklich sehr) fr├╝hen Morgen wieder losgeht. Am zweiten Tag sind wir meistens noch bis sp├Ąt in die Nacht gefahren, um ein Lager mussten wir uns ja nicht k├╝mmern, weil ir dann wieder zu Hause waren. Bei Nacht zu fahren hat mir erstmal ziemlich gro├če Angst gemacht (wahrscheinlich w├╝rde jeder mit ein bisschen gesundem Menschenverstand so empfinden). Immerhin gibt es dort echt viele gef├Ąhrliche Tiere und auch Unf├Ąlle mit dem Schlitten k├Ânnen Nachts viel gef├Ąhrlicher sein als tags├╝ber. Auch das Gef├╝hl, aus dem Wald heraus beobachtet zu werden, hat mich bis zum Ende hin nicht losgelassen. Allerdings kann man sich nach einiger Zeit damit beruhigen, dass die Hunde einen rechtzeitig warnen w├╝rden, wenn ein Tier kommt, wenn auch nicht durch Bellen sondern eher durch K├Ârpersprache. Wirklich ├╝berrascht hat mich die die Tatsache, dass Elche viel gef├Ąhrlicher sind, als alle anderen Tiere im kanadischen Winter. Ich dachte immer, die w├Ąren relativ friedlich, aber teilweise ist genau das Gegenteil der Fall, wenn man denen aus Versehen in die Quere kommt.

Der Winter in Kanada

Die k├Ąltesten Temperaturen hatten wir in einer Woche im Januar, da sind die Grade auf ca. -40 gefallen. Nat├╝rlich genau an dem Tag an dem meine Gastmutter und ich mit zwei kleinen Hundeteams nach Barkervile in die Berge fahren wollten. Das war wirklich eine coole Erfahrung, sogar die Atemlust gefriert sofort. Wie es dazu geh├Ârt, ist der Truck nicht angesprungen und war dann so unterk├╝hlt, dass wir ein kleines Feuer unter dem Motorraum anz├╝nden mussten um ├╝berhaupt etwas gegen die K├Ąlte ausrichten zu k├Ânnen.

Die Schlittenhunderennen

Das Beste an meiner Zeit in Kanada waren glaube ich die Schlittenhunderennen, an denen ich teilnehmen durfte. Dazu geh├Ârte zum Beispiel der Gold Rush Trail Sled Dog Mail Run, ein dreit├Ągiges Hunderennen, bei dem ├╝ber fast 100 km echte Post transportiert wird. Dieses Rennen endet in Barkerville, einer historischen Goldgr├Ąberstadt. Dort f├Ąhrt man mit dem Schlitten an der alten Poststation vor und gibt den Postsack, den man transportiert hat, ab. Dieses Jahr fanden die drei Tage bei allerbestem Wetter statt, strahlender Sonnenschein und Temperaturen von -5 bis -10 Grad, perfekte Temperaturen f├╝r die Hunde.

Mein letztes Rennen fand am Wochenende vor meiner Abreise statt ( Do-So, Mo Abreise um 10 Uhr morgens). Dort ist meine Gastmutter mit einem Team aus 8 Hunden bei einem 100 Meilen Rennen gestartet und ich habe beim Skijoring-Rennen mitgemacht. Skijoring habe ich als meine Leidenschaft entdeckt, man l├Ąsst sich nicht auf einem Schlitten von Hunden ziehen, sondern steht auf Skiern und ist mit einer Art G├╝rtel mit der Leine der Hunde verbunden. Beim Start meines Rennens gab es viel geschmunzel und ich wurde mitleidig bel├Ąchelt, immerhin war ich mit Abstand die Musherin mit der wenigsten Erfahrung. Noch dazu hatte ich keine richtige skijoring-Ausr├╝stung, mein Geschirr war selbst zusammengeknotet, ich hatte statt den ├╝blichen Langlaufski normale Abfahrtski mit den zugeh├Ârigen superschweren Skischuhen, mit denen man in teilweise schon sehr zerfahrenem Schnee nat├╝rlich nur schwer vorankommt. Ein weiteres Problem hatte ich mit der Wahl meiner Hunde, beim Skijoring sind maximal 2 Hunde erlaubt. Aufgrund einiger Verletzungen und dem schieren Alter einiger Hunde musste ich dann mit einem relativ alten Hund (12) und einem, der eigentlich f├╝r Langstreckenrennen ausgebildet wurde ( also einer, der sehr kr├Ąftesparend l├Ąuft), starten. Kein Wunder also, dass der Moderator erstmal ein paar Kommentare beim Start des Rennens abgelassen hat, immerhin hatte ich mit Abstand das kr├╝ppeligste Team. Aber, zur ├ťberraschung aller Anwesenden ( einschlie├člich mir und meiner Gastmutter), bin ich am ersten Tag an fast allen vorbeigezogen und bin als 2. ins Ziel gekommen. Daraufhin wurde aus einem Ich-nehme-mal-so-zum-Spa├č-teil-Rennen auf einmal ein Ich-will-und-werde-hier-etwas-gewinnen-Rennen. Also haben wir eine richtige Rennvorbereitung aufgezogen und ich habe es an den weiteren Tagen geschafft, meinen Platz mit Abstand zu verteidige, sodass sich die mitleidigen Blicke relativ schnell in Erstaunen umgewandelt haben. Von dem Preisgeld, dass ich gewonnen habe, sind meine Gastmutter und ich am Abend essen gewesen und haben am n├Ąchsten Morgen, dem Morgen meiner Abreise, nochmal fett gefr├╝hst├╝ckt.

Meine n├Ąchste Reise nach Kanada ist also schon in Planung, ich wurde von verschiedenen anderen Mushern bereits als Handler angeworben, sogar einer aus dem tiefsten Yukon ist dabei.

Vielen Dank f├╝r die Erm├Âglichung dieser fantastischen Zeit! Ich k├Ânnte jetzt wahrscheinlich ein Buch ├╝ber meine Erlebnisse schreiben, auch wenn ich ja nur dreieinhalb Monate da war…

Ganz herzliche Gr├╝├če

Eure Sonja