Zwischen Jandals, Kindy und Pavlova

Ein Jahr ist es nun her, dass ich dem ewigen deutschen Winter den Rücken kehrte und mich auf den langen Weg nach Aotearoa gemacht habe – Neuseeland, das Land der langen weißen Wolke.

Über das Land wusste ich eigentlich nicht sehr viel. Klar, Kiwis gibt’s da und Schafe, aber sonst? Wie kam es also dazu, dass es mich überhaupt nach Neuseeland verschlug? Der Gedanke, nach dem Abi ins Ausland zu gehen, stand schon lange fest, bloß das passende Programm war noch nicht gefunden. Im Internet stieß ich dann zufällig auf's Demi Pair Programm, welches mich sofort ansprach. Um mir einen persönlichen Eindruck zu verschaffen, fuhr ich noch mit zwei Freundinnen nach Berlin auf eine Messe, auf der Experiment e.V. vertreten war und nun war ich vollends überzeugt. Ja, Demi Pair, das ist das Richtige für mich! Und Neuseeland? Na, wenn schon, denn schon!

Ich sammelte also alle nötigen Bewerbungsunterlagen zusammen, was auch eine Weile brauchte, ab in den Briefkasten und dann dauerte es gar nicht lange, bis ich zum Vorbereitungsseminar nach Bonn eingeladen wurde. Auf dem Seminar traf ich ein paar andere zukünftige Demi Pairs und Freiwillige. Die Zeit verging wie im Flug und wir lernten super nützliche Dinge von den Ehemaligen. Es ging z.B. um mögliche Probleme mit der Gastfamilie, die Stadt Wellington, die lange Anreise nach Neuseeland und was man dafür alles beachten muss und natürlich auch ums Reisen. Ich hatte außerdem ein Interview in Magdeburg, bei dem es hauptsächlich um meine Bewerbung ging.

Knapp drei Monate später bekam ich meine Gastfamilie, bestehend aus Mama, Papa, einem Mädchen (4) und einem Jungen (1), mit der ich über Skype und E-Mails in Kontakt trat und wenig später ging es richtig los.

Auf Wiedersehen, Deutschland! Kia ora, New Zealand!

Der Flug war lang und ein wenig anstrengend, aber einmal angekommen, war das ganz schnell vergessen. Am Flughafen wurde ich sehr herzlich von meiner neuen Familie empfangen. Ich kam direkt in den heißesten Sommer, den das Land je erlebt hatte, so dass ich mit ihnen erst einmal an der waterfront Eis essen ging. Außerdem erlebte ich gleich hautnah den Zustand Wellingtons während der Rugby Sevens. Guter Start!

Gleich zwei Tage später ging es dann in der Schule und mit meiner Arbeit los. Die erste Woche bestand erstmal aus Kennenlernen und organisatorischen Dingen, wie dem Öffnen eines bank accounts. In der zweiten Woche begann dann der Sprachkurs. Ich war im General English Kurs, zusammen mit vielen Deutschen, die ich schon aus der Einführungswoche kannte, aber auch mit ganz vielen Menschen aus allen möglichen Ecken der Erde. Jeden Montag kommen außerdem neue Schüler an, jeden Freitag verlassen ein paar die Schule. Im Laufe der Zeit hatte ich also Kolumbianer, Chinesen, Spanier, Brasilianer, Argentinier, Vietnamesen und viele mehr in meiner Klasse. Auch die Lehrer/innen wechselten, so dass ich insgesamt drei wunderbare Lehrerinnen hatte. Der Unterricht ist alles andere als deutscher Schulunterricht. Wir sind immer etwa 10-12 Leute gewesen und haben viel geredet und dabei, ohne es zu merken, eine ganz Menge gelernt. Es gibt auch Hausaufgaben, aber die sind gut zu schaffen.

Das Einleben fiel mir leicht. Obwohl in Neuseeland so vieles anders ist, war ich doch sehr begeistert und fühlte mich gleich richtig wohl. Das lag daran, dass meine Familie nicht besser hätte sein können und daran, dass ich tolle Freunde gefunden hatte. Mit denen unternahm ich auch viel, wenn ich frei hatte. Wir sind z. B. mal ein Wochenende in den Abel Tasman auf die Südinsel gefahren und über Ostern ging es in den Norden nach Taupo und Rotorua und wir haben das Tongariro Crossing gemacht.

Das Leben und die Arbeit in meiner Familie waren toll. Ich war hauptsächlich für die Tochter da, die ich dreimal pro Woche vom „kindy“ abholte und mit ihr den Nachmittag verbrachte. Wir waren oft auf dem Spielplatz oder in der library und haben das ein oder andere Mal gebacken, was ihr sehr viel Spaß machte. Außerdem kochte ich einmal die Woche und passte ab und zu einen Abend lang auf beide Kinder auf. Ansonsten half ich einfach bei alltäglichen Dingen, wie Wäsche waschen.

Mit meiner Familie habe ich auch öfter etwas gemacht, wie einen bush walk, ice skating direkt am Meer oder, bei dem Wetter gar nicht anders denkbar, Eis essen am Oriental Bay. Zweimal haben wir dort sogar Delfine gesehen.

In Wellington kann man auch ganz tolle Sachen unternehmen. Sei es, einfach durch die Cuba Street zu streifen und in einem der hunderten von Cafés Halt zu machen, die waterfront zu genießen (ohne dabei wegzufliegen!), oder mit dem cable car zu fahren.

So schnell, wie diese Stadt meine zweite Heimat geworden war, so schnell musste ich sie auch schon wieder verlassen. Natürlich mit einem lachenden und einem weinenden Auge und es war gut zu wissen, dass ich meine Familie noch einmal ganz am Ende wieder sehen würde.

Zusammen mit einer Freundin aus meinem Kurs flog ich zunächst eine Woche nach Samoa. Dieser kleine Spontantrip war sehr abenteuerlich und eine tolle Erfahrung. Dann bereisten wir noch die nördliche Nordinsel und ich flog später auf die Südinsel, traf mich mit einer anderen Freundin in Christchurch und wir bereisten zusammen den größten Teil der Südinsel. Den Rest klapperte ich zum Schluss noch allein ab.

Die Zeit des Unterwegsseins war einzigartig. Ich habe so viel gesehen und erlebt und es war jeden Dollar absolut wert! Ob die Pinguine in den Catlins, Schnee im Mai, Schafherden auf der Straße, die sich da einfach auch nicht wegbewegen wollen, der erste Gang auf einem Gletscher oder skydiving in Motueka mit Blick auf Ozean und Schneeberge. Es lässt sich gar nicht alles erzählen und in Worte fassen, man muss es erlebt haben.

Die letzte Woche in Neuseeland verbrachte ich noch einmal in Wellington. Dort traf ich natürlich meine Familie wieder, aber auch meine Freunde. Es gab viel zu erzählen! Und wie immer ging die Zeit viel zu schnell vorbei und der schlimmste Teil stand bevor: der Abschied. Es war komisch zu gehen, war ich doch nach dem Reisen schon wieder zu Hause angekommen. Aber auf der anderen Seite der Welt wartete mein anderes Zuhause und freute sich auf mich.

Im Nachhinein war meine Zeit in Neuseeland eine der besten meines Lebens. Oder die beste. Es ist für viele bestimmt schwer, sich vorzustellen, ganz allein in ein fremdes Land zu fliegen und dort, wenn auch auf Zeit, zu leben. Aber ihr werdet sehen, es ist viel leichter, als man denkt und es wird wunderbar!

Experiment hat es mir durch die super Unterstützung und Organisation ermöglicht, so vieles zu lernen und mitzunehmen, ganz zu schweigen vom Englisch und dem lustigen Kiwi-Slang. Alle Fragen wurden immer schon beantwortet, bevor ich sie überhaupt stellen konnte und ich wurde über alles Wichtige rechtzeitig informiert.

Danke für viel mehr als eine Reise!