Eine zweite Heimat gefunden - Freiwilligendienst in der Türkei

Ich wollte immer schon, bevor das stabile Leben mit Job und fixen Wohnort beginnt, ins Ausland und etwas Soziales machen. Da die türkische Kultur so anders ist als die europäische und ich durch türkische Freunde einen kleinen Einblick in diese gewinnen durfte, wollte ich mehr über diese Kultur erfahren. Zwischen Abitur und Studium war ich bereits ein Monat als Au Pair in Istanbul. Leider waren die Erfahrungen, die ich dort machte, nicht sehr gut, da ich quasi als Angestellte nicht gut behandelt wurde. Trotzdem hielt mich nichts davon ab erneut in die Türkei zu gehen, neue Erfahrungen zu sammeln und mich überraschen zu lassen.

Ich war sehr froh darüber, dass ich bei meinem diesigen Türkeiaufenthalt von Experiment e.V. so gut betreut wurde. Von meiner Ankunft bis zur Beendigung des Projekts und darüber hinaus hatte ich stets sehr freundliche, hilfsbereite Ansprechpartner vor Ort und eine sehr gute Betreuung. Beinahe wöchentlich besuchte ich das Team in ihrem Büro, wurde mit türkischem Essen verköstigt und konnte über meine Erlebnisse berichten sowie Fragen zu jedem Thema stellen. Da ich mich vor meiner Reise in die Türkei schon ein wenig auf Türkisch verständigen konnte, war der „Einzelsprachkurs“, der von der Organisation angeboten wurde, nur wenig hilfreich. Für jene, die Türkisch nicht beherrschen ist dieser sicher von Vorteil, für Fortgeschrittene wäre ein Kurs mit richtigen Türkischlehrern wohl eher sinnvoll. Trotzdem konnte ich meine Sprachkenntnisse sehr verbessern, ich habe viele Menschen kennen gelernt, die mich dabei unterstützt haben und auch einige Freunde gewonnen, die nur Türkisch sprechen. Das hat mir sprachlich natürlich am meisten weiter geholfen hat. Praxis ist einfach das A und O.

Mit der Familie, bei der ich gewohnt habe, hatte ich anfänglich ein paar Schwierigkeiten. Die Mutter erwartete von mir, dass ich quasi meine gesamte Freizeit bzw. immer das ganze Wochenende mit den Kindern verbringe, damit der 11-jährige Sohn seine Englischkenntnisse verbessert. Auch abends sollte ich vor Einbruch der Dunkelheit (was im März 18 Uhr war) zu Hause sein. Da meine Hauptaufgabe allerdings das Volunteerprojekt war, also das Assistieren in Englischkursen einer Volkshochschule, und ich Freunde in Istanbul habe, die ich in meiner Freizeit sehen wollte, war ich erst sehr unglücklich mit dieser Situation und wollte dies verändern. Da ich in Kartal, sehr weit weg vom Zentrum, gelebt habe, war es umso schwieriger Freunde von der europäischen Seite zu treffen. Vor allem wenn man wo neu ist und ständig neue Menschen kennen lernt, sind ein paar Freunde und Freizeit für sich selbst einfach wichtig.

Ich habe mich sehr ausführlich und ehrlich mit der Mutter über alles unterhalten und wir konnten einen Kompromiss finden, den wir erst einmal für ein bis zwei Wochen ausprobierten. Dann würden wir weiter sehen, ob ich bleibe oder die Familie wechsle. Auch die Organisation hat mir in dieser Situation sehr weiter geholfen, ich hatte jederzeit die Möglichkeit die Familie zu wechseln und mein Betreuer setzte sich mit der Mutter in Kontakt, dass ich z.B. abends später nach Hause kommen kann, da ich schließlich teilweise auch bis halb 9 am Abend unterrichtet habe. Da ich die Familie wirklich wirklich gern hatte, die Wohnung an der Strandpromenade und sehr nahe zur Schule und zu den Öffis gelegen war, habe ich mich auch sehr bemüht mit dieser Familie einen gemeinsamen Weg zu finden. Von Woche zu Woche wurde es auch immer besser und wir konnten uns aufeinander einstellen. Der schüchterne Sohn hat sich mit der Zeit auch immer mehr an mich gewöhnt und wir konnten schließlich Freunde werden. Natürlich gibt es immer wieder Hochs und Tiefs, man lebt ja von heute auf morgen bei fremden Menschen und ist Teil der Familie, das braucht schon eine Eingewöhnungszeit, aber die Familie hat mich als richtiges Familienmitglied behandelt und ich habe mich extrem wohl gefühlt. Nach Beendigung des Volunteerprojekts bin ich noch weitere anderthalb Monate bei ihnen geblieben und sehe sie mittlerweile als meine zweite Familie an, zu der ich stets Kontakt halte.

Auch in der Schule habe ich viele positive Erfahrungen gemacht. Bei unterschiedlichen Klassen und Lehrern habe ich assistiert bzw. eigentlich meist selbst unterrichtet. Ich durfte mir aussuchen welchen Stoff wir machen, welches Thema, auf welche Art ich unterrichte ... Ich hatte bei fast jeder Lehrerin komplett freie Hand. Ich freute mich sehr über das Vertrauen, das mir geschenkt wurde und habe viele positive Rückmeldungen erhalten. Meine SchülerInnen waren ebenso sehr nett und ich habe richtig gespürt wie sehr meine Arbeit hier geschätzt wird. Das motiviert natürlich und wir hatten sehr viel Spaß gemeinsam. Abgesehen von den SchülerInnen lernte ich andere LehrerInnen kennen, durfte bei einem Goldschmiedekurs teilnehmen, wo ich schönen Schmuck erzeugt habe, und mir auch andere Kunstkurse anschauen. Da die Menschen so offen und gastfreundlich sind, ist es in der Türkei sehr leicht Freunde zu finden. Die Lehrerin, die mich betreut hat, ist mittlerweile eine sehr gute Freundin geworden, mit der ich später auch noch in den Urlaub gefahren bin und ebenso stets Kontakt halte.

Natürlich hatte ich auch negative Erfahrungen. Viele Menschen sind sehr sehr freundlich und hilfsbereit, aber viele wollen auch zu viel von einem. SchülerInnen oder Bekannte haben mich gefragt, ihren Kindern Englischunterricht zu geben bzw. sie zu treffen, damit sie Englisch praktizieren können. Gelegentlich habe ich Töchter der Schulmanager getroffen, allerdings muss man auch lernen nein zu sagen. Immerhin will man seine eigenen Freunde ja auch treffen und abgesehen vom Unterricht in der Schule muss man diesen ja auch vorbereiten, dann noch genügend Zeit für die Familie haben und vielleicht etwas Zeit für sich selbst. Die Zeit für mich selbst hatte ich eigentlich überhaupt nicht, allerdings ist das auch eher etwas europäisches, in der türkischen Kultur ist man immer gemeinsam und umgeben von Menschen. Daran gewöhnt man sich allerdings und es wird normal.

Problematisch als Frau war für mich vor allem der konservative Aspekt der Kultur. Zum Beispiel musste ich meinen Kleidungsstil anpassen, aufpassen mit wem man über welche Themen spricht (teilweise selbst wenn es Freunde sind) und zum Grossteil einfach meinen europäischen Lebensstil ablegen. Als emanzipierte Frau fällt einem das nicht immer leicht, man spürt einfach die abwertenden Blicke, wenn man sich nicht ganz richtig verhält. Aber man lernt ja und gewöhnt sich daran sich anzupassen. Trotzdem könnte ich mir so ein konservatives Leben auf Dauer nicht vorstellen. Auf der europäischen Seite Istanbuls ist das anders, vielleicht wäre es mir dort manchmal leichter gefallen, andererseits konnte ich so Einblick in eine ganz andere Kultur und in ein ganz anderes Leben, v.a. als Frau, bekommen. Ich habe wirklich viel dazu gelernt, nicht nur über die Kultur, sondern auch über mich selbst. Kurzfristig habe ich sogar überlegt, für ein Jahr in Istanbul zu bleiben und dort Arbeit zu finden, nachdem ich aber auf einem Kurzaufenthalt in Österreich war und mein einfaches Leben dort gesehen habe, wo man sich über nichts Gedanken machen muss, quasi nichts falsch machen kann und jeder lebt wie er/ sie will, habe ich mich dann doch dazu entschlossen nach einer Türkeireise zurück nach Österreich zu gehen. So habe ich es dann auch gemacht, ich bin teilweise mit der türkischen Familie gereist, teilweise mit Freunden und auch viel alleine. Ich bin so froh über alle Erlebnisse und Erfahrungen, die ich machen durfte. Ich werde immer eine starke Verbundenheit zur Türkei fühlen, habe viele Freunde gefunden, spreche mittlerweile relativ gut Türkisch und sehe die Türkei quasi als meine zweite Heimat an.

Ich rate jedem, einen Auslandsaufenthalt wie diesen zu machen, allerdings muss man auch immer den Mut haben etwas zu ändern, wenn man nicht zufrieden ist und keine Lösung findet. Da die Menschen hier so gastfreundlich sind und ihre Mentalität so herzlich warm ist, empfinde ich die Türkei als sehr geeignetes Land für eine Auslandserfahrung.

Marlene