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Viktor FWD Portugal

Wie ich mich in Portugal noch besser kennenlernte

Mit 28 Jahren denkt man sich, man kennt sich selbst schon ein wenig...neun Monate Portugal haben mir gezeigt, dass es immer noch mehr über mich selber zu entdecken, zu verstehen und zu akzeptieren gibt.

Im “Surf Clube de Viana” (Viana do Castelo) gibt es kaum Routinen. Kein Tag verläuft exakt so wie erwartet und Flexibilität und Anpassungsfähigkeit werden zum höchsten Gut.

„Anpassungsfähigkeit? – hab ich. Kultur-Schock? – doch nicht in Portugal, doch nicht ich.“

Die Realität holte mich ein und brachte zwei Monate Anpassungsphase an Arbeitszeiten, Essenszeiten, Organisation, Klima, Sprache, Bett und neue Umgebung. Heißt im Klartext – täglich übermannende Müdigkeit. Nichts desto trotz war der Beginn eine herrliche Zeit. Ich hatte den Jackpot gezogen und durfte täglich Schulkinder beim Surfen Lernen sowie den Club in diversen organisatorischen Belangen unterstützen. Nur hatte ich mich eben überschätzt bzw. die, auf mich zukommenden, Anforderungen unterschätzt. Learning? – nicht zu Beginn alles auf einmal rocken wollen, sondern Körper und Geist Zeit geben um anzukommen.

Das Leben in Viana findet im Winter eher hinter verschlossener Tür statt. Wer nicht surft oder einen anderen guten Ausgleich zu den sehr verregneten, kurzen Wintertagen hat, kann sich da schon mal in der klassischen Winterdepression wiederfinden. Mein Glück (neben dem Surfen natürlich) war das Zusammenleben mit einer italienischen Freiwilligen, das mich eher unfreiwillig eine Menge gelehrt hat. Wir haben einen komplett anderen Rhythmus gefahren, hatten Schwierigkeiten bei der Verständigung und waren dennoch in der gleichen Lage. Obwohl ich mich bereits als geduldigen Menschen betrachtete, hatte ich hier eine neue Chance diese Eigenschaft weiter auszubauen. Mein Ego stand mir lange Zeit im Weg zu verstehen und zu akzeptieren, dass die Kompromisse, die ich mich tagtäglich eingehen sah, nicht einseitig waren. Learning? – Perspektivwechsel!

Da kann man mitunter schon hart mit sich selbst in Gericht gehen. Mein Selbstbild wurde u.a. in Punkto Toleranz, Geduld, Einfühlungsvermögen und Selbstlosigkeit neu definiert bzw. besser ausdifferenziert.

Die Erfahrung, die ich in Portugal machen durfte, hat mich nicht verändert. Sie hat mir geholfen mich besser zu verstehen. Mein Bedürfnisse zu kennen, zu akzeptieren und einzufordern. Mir auch mal zu erlauben, mir einzugestehen, was mich ausmacht, wie ich in bestimmten Situationen handle, wer ich nicht bin und dass ich nicht immer zu einer Übereinkunft mit anderen kommen muss. Gleichzeitig ist mir klar geworden, dass, nur weil ich mich z.B. für verantwortungsbewusst halte, das nicht heißen muss, dass ich mich nicht auch mal anders verhalten kann ohne später an meinem Selbstbild zweifeln zu müssen.

Überhaupt erscheint es mir, dass sich selbst zu verstehen und seine Eigenschaften und Grenzen auszuloten eine der größten und wichtigsten Herausforderungen darstellt. Meine Zeit in Portugal hat mich bei dieser Herausforderung in jedem Fall ein großes Stück weiter gebracht. Obwohl ich dachte, ich wüsste schon das meiste über mich...