Wage den Sprung! – 4 Monate Freiwilligendienst in Guatemala

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Freiwilligendienst in Guatemala

Nach 30 Stunden, 3 Flugzeugen und 9.600 Kilometern, kam ich am 27. Oktober 2016 endlich in Guatemala-Stadt an. Die Uhrzeit war 5:45 Uhr, ich holte problemlos meinen Koffer und das neue Leben fing an.

Noch hatte ich keine wirkliche Ahnung was mich erwarten würde, aber bereit auf das Abenteuer fühlte ich mich definitiv. In den folgenden 18 Tagen wohnte ich mit einer sehr freundlichen Gastfamilie, besuchte einen Sprachkurs und durfte mit meiner Spanisch-Lehrerin, anderen Freiwilligen oder alleine die Gegend erkunden. In diesen ersten Wochen habe ich mehr über die Sprache, das Land, die Leute und ihre Traditionen gelernt als ich mir in so kurzer Zeit hätte vorstellen können.

Am 1. November ist Allerheiligen, also fuhren eine Gruppe von älteren amerikanischen Freiwilligen, der Projekt-Koordinator und ich nach Sumpango zum Drachenfest. Dort beobachteten wir die vielen Menschen, aßen gegrillte Maiskolben mit Limette und Salz und wurden von der Kunst und Schönheit der fliegenden Drachen bezaubert.

Ich konnte mich sehr schnell an den Rhythmus Guatemalas gewöhnen und habe interessanterweise keinen Kulturschock erlebt, obwohl wir im Vorbereitungsseminar und nach der Ankunft im Gastland mehrmals davor gewarnt wurden. Ich stelle mir vor, dass sich jeder mit einem fremden Land und einem neuen Leben anders abfindet. Aber wenn man unvoreingenommen und aufgeschlossen denkt, sollte man sich mit der neuen Situation sehr schnell anfreunden können. Die Freundlichkeit der Menschen, das gute Wetter und die Unterstützung der Partnerorganisation machen das umso leichter. Meiner Meinung nach kann es nach der Rückreise viel schwerer sein sich wieder an das „richtige Leben” in Deutschland zu gewöhnen.

Am dritten Montag nach meiner Ankunft in Guatemala ging es zum Projekt. Der Projekt-Koordinator hat mich eine Woche nach dem anderen deutschen Freiwilligen zum Parque Ecológico Corazón del Bosque gefahren. Am ersten Tag habe ich Mitarbeiter des Parks kennengelernt, im Restaurant Geschirr gesäubert und wurde mit dem Alltag des Parks vertraut gemacht.

Von Montag bis Freitag arbeiteten wir von 8 bis 17 Uhr. Mittagessen gab es im Restaurant – wir haben gemerkt, dass es für die Köchinnen etwas neu und mühsam war für zwei Vegetarier zu kochen. Aber geklappt hat es trotzdem und lecker fand ich es eigentlich immer.

Im Park haben wir Erde für den Bau eines Schwimmbads geschaufelt, mit Schubkarren Steine, Holz und Sand geschleppt, Müll aufgesammelt, im Restaurant geholfen, mit den Arbeitern im Wald geschuftet, eine Webseite und Flyer erstellt und unsere eigenen kleinen Projekte realisiert. Ich habe unter anderem Blumenkästen gebaut, bemalt und bepflanzt. Eines der Projekte des anderen Freiwilligen war Schlüsselanhänger anzufertigen, damit sie in dem kleinen Laden am Eingang verkauft werden konnten.

Es dauerte eine Weile, bis ich mich selbst wirklich in das Arbeitsumfeld des Parks integrieren konnte. Als Freiwillige möchte man erstens helfen, wo es geht und gebraucht wird, zweitens eigenständig produktiv sein können und gleichzeitig nicht im Weg stehen. Wenn man gut beobachtet, die Sprache besser beherrscht und Geduld hat, kriegt man nach einer gewissen Eingewöhnungszeit den Dreh raus. Ich würde sagen, je mehr Fragen man stellt, desto besser. Es kann auch manchmal schwierig sein, wenn man sich wegen der Sprache nicht verständigen kann wie gewohnt. Natürlich ist das Teil des Lernprozesses und man kann sich mit einem Lächeln und einer entgegenkommenden Haltung vieles einfacher machen!

Im Nachhinein war der wichtigste Teil meines Wohlbefindens in Guatemala die Herzlichkeit der Gastfamilie mit der ich lebte. Bei ihnen habe ich viel über die Tradition und Geschichte Guatemalas gelernt, aber auch über die gegenwärtigen Bräuche der K’iche’ Mayas. Mit der ganzen Familie habe ich mich super verstanden und die Erfahrungen, die ich mit ihnen gemacht habe, werden mir für immer in Erinnerung bleiben.

Die Menschen, die bei INLEX (die Partnerorganisation in Santa Lucía Milpas Altas) arbeiten sind auch unglaublich unterstützende, großzügige und gutherzige Leute. Nachdem ich bei der Arbeit im Wald mein Auge verletzt hatte und zurück nach Santa Lucía gefahren bin, haben sie mich bei ihnen zu Hause aufgenommen und dafür gesorgt, dass ich ärztlich untersucht wurde. Besser aufgehoben hätte ich nicht sein können.

Nach 4 Monaten, jeder Menge neuen Erfahrungen und nochmal 9.600 Kilometern, bin ich wieder in Deutschland, aber dieselbe bin ich nicht. In Berlin hat sich in dieser Zeit vielleicht nicht viel verändert, aber in meinem Leben und in meinem Herzen schon. Ich bin offener geworden, geduldiger, fröhlicher als zuvor. Ich habe viel gelernt und fühle mich für jegliche Herausforderung, die auf mich zukommen könnte, besser gewappnet. Die sonnigen Gesichter, die atemberaubende Landschaft und die Vielfalt an Farben in allen Aspekten des guatemaltekischen Lebens werde ich neben den Freundschaften, die ich dort geschlossen habe, sehr vermissen. Ich kann mir keine Situation vorstellen, in der es sich nicht lohnen würde, Zeit im Ausland zu verbringen, dort zu arbeiten und eine andere Art des Lebens kennenzulernen. Wage den Sprung!

Leonie