Ein unvergessliches Erlebnis: 3 Monate Gastfamilienaufenthalt und Freiwilligendienst in Ecuador

Mein erster Eindruck von Ecuador war eine riesige Menschenmenge als ich im Flughafen den gesicherten Bereich verlasse. Wie soll ich hier bloß meine Familie finden???

Aber das war dann zum Glück überhaupt kein Problem. Meine ecuadorianische Mama und ich haben uns auf den ersten Blick erkannt, und ich wurde sofort herzlich in die Arme geschlossen und mit „Mi hijita“ – mein Töchterlein, begrüßt. Ich wurde von der ganzen Familie und sogar der Nachbarin abgeholt und so konnte ich ganz beruhigt meine 4 Wochen Sprachkurs und Gastfamilienaufenthalt in Quito mit anschließendem Freiwilligendienst in einem Umweltprojekt beginnen.

Busfahren in Quito ist ein Erlebnis. Gleich am ersten Tag zur Sprachschule konnten wir uns gerade noch so in den Bus quetschen. Die Tür ging erst ein paar Straßenecken weiter zu. Am ersten Tag hat mich meine Mama noch begleitet, ab dem zweiten Tag musste ich mich dann alleine zurechtfinden. Die Busse haben nicht wirklich Nummern und fahren auch nicht nach einem Zeitplan. Vorne in der Windschutzscheibe steht ein Chaos von Namen und wenn der richtige dabei ist, muss man schnell winken, damit der Bus hält. Eine Busfahrt quer durch Quito, egal wo man einsteigt und wie weit man fährt kostet 25 Centavos. (25 US-Dollar-Cent). Der Fahrer selbst, kümmert sich nur ums fahren, für andere Sachen hat er keine Zeit, deswegen gibt es immer einen Begleiter, der das Geld einsammelt und das sollte man möglichst passend in der Hosentasche haben. Manchmal muss man beim Einsteigen bezahlen, manchmal beim Aussteigen und manchmal quetscht sich ein Begleiter durch den Bus und sammelt das Geld ein... Und damit auch wirklich keine Sekunde verschenkt wird, muss man während der Bus am Anhalten ist schon abspringen und während die letzte Person einsteigt, fährt der Bus schon wieder weiter...

In meinem Sprachkurs haben wir sehr viel Zeit mit Reden verbracht. Deshalb weiß Silvia, meine Lehrerin, so ziemlich alles über mich, meine deutsche Familie, meine ecuadorianische Familie, meine Arbeit und meine Kollegen in Deutschland... Sprachunterricht ist aber nicht nur in der Schule sitzen und lernen, sondern auch gemeinsam Ausflüge machen. So waren wir z.B. mal im Park, haben gemeinsam gekocht, waren an einem Obstverkaufsstand, wo mir so alle möglichen Obstsorten erklärt worden sind, und einmal haben wir mit einer anderen Schülerin und Lehrerin einen Ausflug zum Markt von Saquisilí gemacht. Dieser Markt ist kein Touristenmarkt, sondern ein typischer indigener Markt (und wahrscheinlich der dreckigste in ganz Ecuador). Und dieser Ausflug ist dafür gedacht, die Sprachschüler auf ihren Freiwilligendienst vorzubereiten, da nicht jedes der Projekte in einem Umfeld angesiedelt ist, das den Hygienevorstellungen einer ausländischen Freiwilligen entspricht. In Saquisili gibt es insgesamt 8 Plätze, auf denen jeden Donnerstag Waren aller Art feilgeboten werden, darunter der Großtiermarkt (mit Schweinen, Lamas, Schafen, Kühen…) und der Kleintiermarkt (mit Meerschweinchen, Hasen, Küken, Hühnern…). Leider haben wir auch Stände gesehen, an denen dreckiges Spielzeug und halbkaputte Schuhe verkauft wurden. Wahrscheinlich wurden diese Sachen auf den Müllhalden aufgesammelt und werden hier den Ärmsten der Armen verkauft. Auf jedem Marktplatz gibt es auch ein Haufen Essensstände, wobei die nicht gerade die Saubersten sind, und für europäische Mägen ist das Essen nicht geeignet. Und wenn man sieht, unter welchen Bedingungen z.T. die Tiere gehalten werden… Für uns war das ganze auf jeden Fall sehr beeindruckend, aber auch zum Teil etwas erschreckend…

An den Wochenenden und nachmittags nach dem Sprachunterricht habe ich mit meiner Familie und anderen Sprachschülern einige Ausflüge unternommen. Leider waren jedoch zu dem Zeitpunkt nur sehr wenige Sprachschüler anwesend und so bin ich an zwei Wochenenden sowie im Anschluss an meinen Freiwilligendienst alleine durchs Land gereist. Gerade als Frau und dazu noch Weiße muss man dabei ein paar Regeln einhalten, aber meistens bin ich von Ecuadorianern sehr freundlich und hilfsbereit empfangen worden. Auch in Quito hatte ich niemals Angst, da ich mich an die üblichen Regeln gehalten habe. Die Betreuer in der Sprachschule haben genau gesagt, wo man alleine hingehen darf und was man machen darf, aber zum Teil wird da auch etwas übertrieben. Die Ecuadorianer sind es einfach nicht gewohnt, dass wir Deutschen in der Regel schon mit 18 von zu Hause ausziehen und lernen selbständig zu leben. Aber an die meisten Ratschläge und vor allem auch an die Infos aus dem Reiseführer haben wir uns ganz brav gehalten. Damit habe ich trotzdem schon mehr von Quito gesehen, als meine Familienmitglieder und die Mitarbeiter aus der Sprachschule.

Meinen Freiwilligendienst habe ich im Bergnebelwald auf einer Ökolodge gemacht. Für meine Ankunft im Projekt war erst mal etwas Chaos vorprogrammiert. Meine Betreuerin bei Experiment wollte vorher noch mal telefonisch abklären, dass alles klappt und dass mich jemand vom Bus abholt. Als sie dann endlich jemanden erreicht hat, wusste niemand davon, dass ich kommen werde. Die einzige, die wohl meine Unterlagen hatte und Bescheid wusste hatte zwei Wochen zuvor gekündigt und war verschwunden. Aber ich hatte dann doch Glück und durfte kommen.

Die Santa-Lucia-Lodge (http://www.santaluciaecuador.com/) ist sozusagen mitten im Nirgendwo. Um dorthin zukommen, muss man vom nächsten Dorf erstmal 40 Min. mit dem Pick-up zu einem Parkplatz fahren (oder zu Fuß etwa 2- 3 Stunden laufen). Von dort startet dann der Aufstieg. Die Arbeiter der Lodge schaffen die 400 Höhenmeter in etwa 30 Min., ich brauchte dazu eine knappe Stunde. Das Gepäck wird zum Glück von Maultieren getragen.

Insgesamt ist das Volontär-Programm in Santa Lucía extrem reduziert worden. Früher war mind. ein Freiwilligendienstler ein komplettes Jahr im Dorf (Nanegal) und hat dort in der Schule bei Englisch-, Mathe- und Informatikkursen unterstützt. Dazu waren im Durchschnitt immer etwa 15 Volontäre in der Lodge. In der Zwischenzeit sind im Durchschnitt nur noch 2 Freiwilligendienstler anwesend und da es sehr viele organisatorische Änderungen gab, war unsere Betreuung leider nicht immer so, wie wir es uns gewünscht hätten.

Ein normaler Tag in Santa Lucía: 7.30 großes Frühstück, dann etwa 4 Stunden arbeiten, 12 Uhr zurück zur Lodge laufen, 13 Uhr riesige Portion Mittagessen, dann noch mal etwa 3 Stunden arbeiten, danach etwas Zeit zur freien Verfügung um auszuspannen, duschen, spazieren gehen… und um 19 Uhr noch mal eine riesige Portion zum Abendessen. Je nachdem, wie viel Sonne am Tag scheint, gibt es noch Licht bis ca. 20 Uhr (über eine Solaranlage wird Energie in einer Batterie gespeichert und wenn die Batterie leer ist, wird es plötzlich dunkel) und danach verschwinden alle mit Taschenlampe und Kerze ausgerüstet in ihre Zimmer. Manchmal sind wir nach dem Abendessen noch zusammengeblieben und es wurde Gitarre, Flöte und Trommel gespielt und dazu gesungen, oder wir haben bei Kerzenschein Karten gespielt.

Um Computer und Handy der Lodge aufzuladen wird ab und zu ein Generator angeschmissen. Und wenn ich morgens im Bett lag und den Generator hörte dann war das das Zeichen dafür, dass es heute frischen Saft gibt. Ansonsten wurde so ziemlich alles in Handarbeit gemacht. Teig für Brot und Kuchen wird per Hand geknetet, Zuckerrohr-Stücke werden mit Hilfe von Maultieren durch die Mühle gepresst, Wäsche waschen erfolgt am Waschstein – für ein paar T-Shirts noch relativ einfach, für die Bettwäsche und Handtücher von einer 20-köpfigen Touristengruppe etwas aufwendiger.

Die Arbeit war körperlich sehr anstrengend, vor allem weil wir auch sehr lange Wege mit vielen Höhenmetern zu Fuß gehen mussten (von der Kaffeplantage zur Lodge zurück habe ich z.B. eine knappe Stunde gebraucht). Aber mir hat die Arbeit sehr gut gefallen und ich fand es sehr spannend, ein „anderes Leben“ kennen zu lernen. Besonders interessant fand ich die Herstellung von braunem Zucker und was man alles aus dem Zuckerrohrsaft machen kann:

  • frisch gepressten Saft trinken
  • „Zuckerhonig“ ist gekochter Zuckersaft, aber etwa 1 Stunde weniger als der für den normalen Zucker und wird zum Süßen von Speisen genutzt
  • gekochten Saft mit Schokolade, Kokosmasse oder Erdnussbutter mischen
  • Melcoche – Zuckerbonbons oder -stangen zum lutschen
  • Panela (Zuckerblöcke)
  • brauner Zucker, wie wir ihn hier in Deutschland kennen

Außer der Herstellung von Zucker habe ich z.B. mitgeholfen, Unkraut auf den Zuckerrohr- Kaffe- bzw. Bananenplantagen sowie auf Wanderwegen mit der Machete zu entfernen und den neu angelegten Garten für das Anpflanzen vorbereiten. Gepflanzt werden kann aber nur, wenn der Mond richtig steht. Also haben wir die Erde umgegraben und dann mussten wir erst mal 2 Wochen warten, bis die Pflanzen gesät werden konnten.
Aber wir haben z.B. auch in der Küche mitgeholfen oder Ausbesserungsarbeiten an den Hütten gemacht und alles was sonst noch so an Arbeiten anfiel.

An den Wochenenden haben wir entweder einfach ausgespannt, sind wandern gewesen, haben fotografiert, in der Küche geholfen… Einmal haben wir eine Vogelbeobachtungs-Wanderung mit einem Führer gemacht. Wir hatten Glück und konnten zwei verschiedene Tukane beobachten. Und um den Andenfelsenhahn oder „Gallos de la Pena“ zu beobachten sind wir um 4 Uhr morgens, mit Taschenlampe bewaffnet, 2 Stunden gelaufen. Viel sehen konnte man von den Vögeln nicht, aber das Konzert, das die Männchen für die wenigen weiblichen Vögel dieser Art machen, ist spektakulär. Einen besonderen Ausflug habe ich mit einer anderen deutschen Volontärin gemacht: wir sind bis ins Tal runter und dann durch den Fluss mehrere Hundert Meter bis zu einem Wasserfall gelaufen. Das Wasser ging uns dabei z.T. bis zur Hüfte, aber es war ein sehr lustiges Erlebnis.

Im Anschluss an mein Projekt bin ich noch etwas durch Ecuador gereist und nach 3 Monaten war mein „Experiment“ leider viel zu schnell zu Ende. Ich konnte in dieser Zeit sehr viele schöne Erfahrungen sammeln, viele nette Menschen kennenlernen und in eine andere Kultur eintauchen – ein unvergessliches Erlebnis.