"So vieles sehe ich jetzt mit anderen Augen..." – Sechs Monate IJFD in Indien (2015)

Unsere Teilnehmerin Laura hat während ihres Internationalen Jugendfreiwilligendienstes (IJFD) in einer Schule gearbeitet. Sie berichtet hier von ihrer Zeit in Indien, die sie sehr geprägt hat:

Seit circa einem Monat bin ich nun zurück in Deutschland. Die Unterschiede zu Indien könnten nicht größer sein, so kommt es mir vor. Deutschland im Februar: kalt, grau, die Menschen sind oft schlecht gelaunt und verstecken sich in ihren Häusern. Indien im Februar: es wird wieder heißer, die Papaya Saison erreicht ihren Höhepunkt, es ist laut, es ist bunt, die Menschen leben jeden Tag bewusst.

So vieles sehe ich seit ich zurück bin mit anderen Augen. Die maßlose Menge an Konsumgütern wohin ich schaue. Die ganzen halbgrünen importieren Früchte im Supermarkt. Menschen, die mich komisch anschauen, weil ich ihnen im Bus die schwere Tasche abnehmen will. Das Wiedereingewöhnen geht langsam und fällt mir oft schwer. Aber ich genieße es auch wieder hier zu sein, meine Freunde und meine Familie um mich zu haben.

Mindestens einmal pro Woche telefoniere ich mit meinen Gasteltern. Ich sehe sie als meine indische Familie. Erst haben sie mich aufgenommen, weil ich mit meiner alten Gastfamilie Probleme hatte, und zum Schluss wollten sie mich nicht mehr gehen lassen.
Zuerst hat mir mein Gastvater, Adja; nicht zugetraut zu helfen. Ich durfte nicht einmal mein Geschirr abspülen, aber mit der Zeit haben wir alle zusammen eine feste Routine mit geteilten Aufgaben entwickelt, die uns geholfen hat uns mehr wie eine Familie und weniger wie Gast und Gastgeber zu fühlen.
Dotha, was soviel wie Oma heißt, spricht kein Englisch. Dadurch war ich gezwungen, mich in meinem unglaublich schlechten Kannada mit ihr zu unterhalten. Und man glaubt es kaum – mit einem Mal habe ich viel mehr gelernt. Das hat mir auch geholfen in der Schule die Lehrer und die Kinder besser zu verstehen, genauso wie Menschen auf dem Heimweg im Bus oder die Straßenhändler. Mein Highlight war es, mit einem Gemüsehändler ein 5-minütiges Gespräch zu führen!

Was meinen Alltag in der Schule anbelangt, so hat er sich in dem halben Jahr nicht groß verändert. Aber genau das war das Gute. So ein halbes Jahr klingt länger als es tatsächlich ist und bis ich mich auf das jeweilige Level meiner Schüler eingestellt hatte, sprich deren Stärken und Schwächen genau kannte, war die Hälfte der Zeit schon rum. Viele der Kinder sind mir so sehr ans Herz gewachsen, dass ich sie am liebsten in meinen Rucksack gepackt und mitgenommen hätte. Meine Lehrer-Kolleginnen waren für mich immer Ansprechpartnerinnen und Freundinnen. Die Leiterin der Schule bewundere ich sehr für ihre Arbeit, sie ist für mich zu einer Art Vorbild geworden.
Für mich war das schönste an meiner Arbeit in der Schule, zu sehen, wie sich die Kinder entwickeln, wie sie lernen. Manchmal war es schwer für mich, mich mit dem 'Lehrplan' zufrieden zu geben, da viele Dinge darin, wie stures Auswendiglernen, mir absolut sinnlos vorkamen. Ich habe dann immer versucht da einen Mittelweg zu finden, zum Beispiel als Ausgleich zum Englisch-Diktat habe ich die verschiedenen Kontinente mit meiner Gruppe besprochen. Es war auch oft schwer, die Geduld mit meinen Kindern nicht zu verlieren. Da sie Lernschwächen haben, waren oft meine einfachsten Erklärungsmethoden zu schwierig für sie und ich musste die Aufgaben fünffach wiederholen. Aber wenn sie dann etwas dazugelernt haben, war das das Größte für mich und meine Motivation wieder ganz da.

Generell habe ich die Inder, die ich kennengelernt habe, als sehr offen, nett und interessiert erlebt. Sie haben mir Fragen zu meinem Leben in Deutschland gestellt, aber vor allem waren sie auch alle bereit und sehr erfreut, wenn sie mir mehr über ihre Lebensgewohnheiten, Feste und Götter erzählen und zeigen konnten. Das Erklären scheiterte jedoch oft an unserer Sprachbarriere. Dann war es wichtig, dass ich einfach zugeschaut habe. Dabei habe ich am meisten gelernt. Egal, ob ich meiner Gastmutter beim Kochen zugeschaut habe oder bei einem Ritual im Tempel. Manchmal ist es mir schwergefallen, nicht unruhig zu werden, denn in Indien passiert alles etwas langsamer als in unserem leistungsorientierten Deutschland. Oft wusste ich auch nicht genau, was mich erwartet. Dann hieß es nur: "Tomorrow puja Jothi auntie's house." Auf Deutsch wäre das in etwa:"Morgen gehen wir zu Tante Jothi, denn sie feiert ein bestimmtes Fest zu Ehren der Götter". Puja bedeutet soviel wie Götteranbetung und das Puja bei Jothi stellte sich als Fest zu Ehren der Göttin heraus, die in dem Tulsi-Baum wohnt, den jeder Hindu im Garten hat. Um den Baum wurde ein Holzgestell mit ganz vielen Kerzen errichtet und die ganze Familie, die zusammengekommen war, sang Lieder während sie den Baum umrundeten. Es erinnerte mich an Weihnachten und war wunderschön anzuschauen. Und obwohl ich am Anfang nichts Tolles erwartet hatte, stellte es sich als richtig schönes Familienfest heraus. Mit der Zeit habe ich versucht, mir jegliche Erwartungshaltung abzugewöhnen, denn in Indien habe ich gelernt, dass es immer anders kommt als man es sich vorstellt.

Alles in allem war mein Freiwilligendienst mit dem IJFD eine Erfahrung, die ich auf keinen Fall missen möchte! Ich habe sehr viele nette Menschen kennengelernt, sowohl Inder als auch Mitfreiwillige. Meine Gastfamilie hat mir vieles zum Hinduismus erklärt, sie haben mich zu allen Veranstaltungen mitgenommen und mich als Enkelin in ihre Familie aufgenommen.

Ich habe in Indien eine Welt entdeckt, die so anders ist als unsere hier in Deutschland und ich werde versuchen das Beste aus beiden Kulturen in mein Leben zu integrieren. Mein Aufenthalt in Indien hat mir gezeigt, wie verschieden Mentalitäten sein können. Nie hätte ich zuvor gedacht, dass sich die indische Denkweise so sehr von unserer westlichen unterscheidet, sei es bei den Essgewohnheiten, beim Familienverhältnis oder dem öffentlichen Leben. Während die Menschen vor einem deutschen Zug eine Schlange bilden, warten bis alle ausgestiegen sind und dann nacheinander einsteigen, versuchen die Menschen in Indien, sobald der Zug steht, gern auch mit Hilfe der Ellbogen, als allererster im Zug zu sein. Dabei spielt es keine Rolle, ob schon jemand ausgestiegen ist. Und obwohl das Einsteigen einem Kampf auf Leben und Tod gleicht, ist die Zugfahrt danach umso harmonischer. Jeder bietet jedem sein Essen an und man hält ein Schwätzchen. Diese Kommunikationsfreudigkeit würde ich mir in deutschen Zügen manchmal wünschen und versuche, nun auch hier offen zu sein und mit meinen Mitfahrern ins Gespräch zu kommen.

Mein Freiwilligendienst wird mich mein Leben lang begleiten und ich will auf jeden Fall zurück in dieses laute, bunte und manchmal verrückte Land Indien!