"Sharing is caring" - IJFD 2016 in Indien

„Ich gehe für sechs Monate nach Indien und werde dort an einer Schule arbeiten, die Kinder mit besonderen Bedürfnissen betreut“. Diesen Satz habe ich vor einem halben Jahr so oft gesagt, dass er mir schon zum Hals raushing. „Warum nach Indien? Ist das nicht gefährlich?“ War oft die Reaktion. Ich erinnere mich an die Momente voller Aufregung, Zweifel und Vorfreude. Habe ich die richtige Entscheidung getroffen als ich mich für ein IJFD in diesem Land beworben habe? Aber letztendlich kam ich immer zu gleichen Antwort: eindeutig ja!

Jetzt sitze ich hier, auf meinem gepackten Rucksack und lasse meinen Freiwilligendienst Revue passieren. Haben sich meine Erwartungen erfüllt? Habe ich erlebt was ich erleben wollte? Ist Indien so, wie ich es mir vorgestellt habe?

Ich habe 174 Nächte bei meiner indischen Gastfamilie geschlafen, drei mal täglich südindisches Essen verspeist, mich indisch gekleidet, leider nur ein kleines Bisschen der lokalen Sprache erlernt und natürlich 125 Tage im „Chethana Trust“, meinem Projekt, unterrichtet.

Ich schaue nun auf eine spannende, erfüllte und auf jeden Fall glückliche Zeit zurück. Ich lache, über Dinge, die mir bei meiner Ankunft unglaublich kompliziert und fremd vorkamen. Zum Beispiel Busfahren. In Indien ist ein Bus nie voll. Es wurde einfach noch nicht genügend gedrückt. In Indien läuft die Kuh eben über die volle Kreuzung. Sie hat eben Lust. In Indien wird aus dem Eimer geduscht. Das spart Wasser. In Indien sind Zwiebeln, Knoblauch und Chili die Grundzutaten eines jeden Rezepts. Weil es dann schön intensiv und feurig schmeckt. Ich könnte ewig so weitermachen, aber da gäbe es kein Ende. Denn Indien ist ein Land voller Gegensätze, voller Farben und Gerüchen, voller Menschen und Tieren. Fühlt man sich abseits der Innenstadt manchmal wie im Streichelzoo, so quillt der Markt vor Einkäufern, Händlern und Ware über. Ein besonderes Land eben.

Ich werde einiges hier vermissen. Zum Beispiel, dass ich jeden Morgen begeistert mit „Good Morning Akka!!“, Akka bedeutet Schwester, begrüßt werde. Viele Kinder, zwischen sieben und achtzehn Jahren alt, stürmen auf mich zu, jeder möchte zuerst den Abklatsch-Morgengruß bekommen. „Oota Aitu?“ Ob ich schon gegessen, und vor allem was auf dem Frühstückstisch stand, das ist nicht nur bei den Kindern eine wichtige Frage, sondern generell in Indien.

Nach dem morgendlichen Gebet setzen sich alle an ihren Platz, jeweils am Tisch ihres Lehrers. Je nachdem wie viele Lehrer zur Verfügung stehen habe ich zwischen zwei und sieben Kinder. Nun wird das ABC, Zahlen und kurzer Wörter geübt. Ich muss sagen, dass ich zu Beginn etwas schwer getan habe, da die Unterrichtsmethoden hier stark auf seitenweise Abschrieben beruhen. Ob das so sinnvoll ist? Ich habe mich aber damit abgefunden, dass die Kinder zwar nicht die Laute eines Buchstaben, dafür aber die Schreibweisen der Wörter können. Sie diktieren sich quasi das auswendig gelernte Wort selbst. Da tatsächlich einige Kinder lesen und schreiben können, habe ich für mich persönlich beschlossen, kein anderes Lehrsystem einzuführen und mit dem zu gehen, was mir erklärt wurde.

Ich muss sagen, die drei Morgenstunden Unterricht ohne Pause waren nicht nur für die Kinder anstrengend. Schließlich sind so junge Schüler ja meist voller Energie und wollen sich bewegen. Sie ruhig zu halten hat mich schon das eine oder andere Mal an meine Grenzen gebracht. Dafür haben Kleinigkeiten, lustige Ereignisse, mir immer wieder gezeigt, wie schön die Arbeit aber ist, selbst wenn ich für mich gelernt habe, dass ich ihn nicht mein ganzes Leben machen möchte. Zum Beispiel der autistische Junge, der zwischen seinem Zahlengebrabbel plötzlich anfängt, den Ketchup-Song zu singen. Oder als das andere Kind ausgerutscht ist und sich dann beim Boden entschuldigt hat. Oder als die kleine, deren Hirn durch epileptische Anfälle geschädigt wurde, mich anstarrt, lächelt und mir schließlich quer durchs Klassenzimmer einen Luftkuss schickt. Diese Momente sind einfach herzerwärmend. Aber auch die seltenen Fortschritte, wie das erste Mal die Zahlen von eins bis zehn richtig schrieben oder als das Subtraktionsprinzip verstanden wurde sind die Momente, die einen antreiben.

Ich hatte sehr viel Glück mit meinen Lehrer-Kolleginnen, sie waren neben Ansprechpartnerinnen auch stets Freundinnen, die sich für mich interessiert haben und mir immer geholfen haben, wenn ich dies wollte. Durch sie und durch die Schulleiterin, die übrigens eine sehr bewundernswerte, fleißige und interessante Frau ist, habe ich auch viel über die indische Mentalität gelernt, vielleicht sogar mehr als durch meine Gastfamilie da meine Gastmutter nur Kannada spricht. So wurde ich gefragt, ob ich verheiratet sei, wie das so mit der Stellung zwischen Mann und Frau in Europa sei und was sie persönlich an Indien lieben bzw. daran stört.

Meine Gastfamilie war, so denke ich, eher unkonventionell. Zwei verwitwete Schwestern, die mit ihren Kindern gemeinsam in einem Haus wohnen. Meine Gastmutter hat, laut meiner Gastschwester, die fließend Englisch spricht, seit dem Tod ihres Mannes keine Lust mehr auf feiern, darum habe ich zuhause nicht so viel der unzähligen hinduistischen Feiern mitbekommen. Was natürlich nicht heißt, dass man diese irgendwie nicht bemerken könnte, schließlich wird dann in den Straßen wild getanzt, gefeiert und manchmal schaut sogar ein geschmückter Elefant vorbei. Nein, in der Gastfamilie habe ich eher das praktische Leben in Indien kennengelernt. Wie man die leckeren herzhaften Frühstücksspeisen zubereitet, wie man die indischen Zeitangaben zu deuten hat, welche indischen Dailysoaps gerade angesagt sind und das Wäschewaschen auf dem Stein. Ich bin mir sicher, dass ich bei meiner Rückkehr in Deutschland einige Zeit brauchen werde, um mich wieder an das doch sehr andere Leben zu gewöhnen. Denn in Indien läuft die Uhr langsamer, die Menschen sind gesprächsfreudig, egal ob sie ihr gegenüber kennen oder nicht, „sharing is caring“ ist ein stets präsentes Motto und für einen Chai am Teastall ist immer Zeit.

Für mich war diese Zeit, diese sechs Monate sehr wichtig. Ich habe habe mich einer neuen Kultur geöffnet, viel über mich und meine Prioritäten gelernt, hoffentlich etwas von meiner Kultur an die Menschen weitergegeben und wunderbare Freunde gefunden.
Ich kann es gar nicht glaube, dass diese sechs Monate schon vorbei sind und würde meinem Selbst vor einem Jahr auf jeden Fall raten, dieses Abenteuer zu wagen.