Sechs Wochen Freiwilligendienst in Nepal – Arbeiten im Kopila Children Home

“Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon.“ (Aurelius Augustinus)

Nachdem ich nach der 10. Klasse zehn Monate als Austauschschülerin in den USA verbracht hatte, war mir klar, dass ich wieder ins Ausland will, aber eben nicht nur als regulärer Tourist. Da Amerikas Kultur Europa sehr ähnelt, wollte ich etwas komplett anderes, so fiel die Wahl auf Nepal. Also meldete ich mich für einen Freiwilligendienst bei der Organisation Experiment e.V. an, mit der ich schon damals in die Vereinigten Staaten gereist bin.

Die erste Woche habe ich in der Hauptstadt Kathmandu in einem Hostel verbracht, in dem ich Freiwillige aus der ganzen Welt kennenlernte. Täglich besuchte ich einen von der Organisation angebotenen Sprachkurs, während ich den Rest des Tages damit verbrachte, die bekanntesten Sehenswürdigkeiten zu erkunden.
Ein Gang durch die Straßen Kathmandus ist intensiv. Mit allen Sinnen nimmt man unzählige Dinge in kürzester Zeit war: Gerüche – Gewürze, Abgase, herumhängendes Fleisch; Lärm – Autos hupen, Hunde bellen, Verkäufer preisen ihre Ware an; Eindrücke – eine Kuh blockiert die Straße, eine Ziege wird auf einem Motorrad transportiert, ein Mann trägt ein Duzend Reissäcke auf seinem Rücken. Alles wirkt so bunt und willkürlich. Immer wieder kann man neue Tempel entdecken, Kathmandu wird nicht umsonst das Tal der tausend Götter genannt. Leider spürt man beim Anblick vieler Tempel die Zerstörung des großen Erdbebens vom April dieses Jahres. Raus aus der Großstadt ging es für drei Tage in Richtung Chitwan Nationalpark, wo ich unter anderem beim Wild-Wasser-Raften und auf einer Safari durch den Dschungel war.

Danach ging es auf zu meinem Projekt im Kopila Children Home, einem Kinderheim in Bhaktapur. Ein Schultag fing für die Kinder um 4 Uhr an: Hausarbeiten und Hausaufgaben wurden erledigt, danach wurde Frühstück gekocht, und zwar immer das nepalesische Hauptgericht Dal Bhat – Reis mit Linsensuppe. Gegen 9 Uhr begleitete ich die Kinder dann zur Schule und hatte ein paar Stunden Zeit die Stadt zu erkunden. Nachdem die Kinder wieder Zuhause waren, habe ich ihnen mit den Hausaufgaben geholfen oder ein Spiel gespielt. Gegen Abend half ich besonders gerne in der Küche. Abends gab es dann wieder Dal Bhat. Gegessen und gelernt wurde stets auf dem Boden. Die Schule fand normalerweise von Sonntag bis Freitag statt, dennoch konnte sich das auch mal ändern. Der Bus hat öfters gestreikt und das bedeutete, dass auch die Schule ausgefallen ist. Diese Tage habe ich dafür genutzt, mit den Kindern einen Ausflug zu machen, mal zu einem Tempel, in einen Park oder ins Kino. Das Kinderheim hatte eine Leiterin, die sich um alles Organisatorische kümmerte und Nähkurse gab, um ein wenig Geld zu verdienen.

Die 13 Kinder sind sehr selbstständig, diszipliniert und einfühlsam, was mich sehr beeindruckt hat. Sie putzen, kochen und lernen komplett selbst, ohne dass ihnen jemand wirklich hilft oder sagt, was zu tun ist. Sie behandeln sich gegenseitig mit so viel Respekt, wie man es kaum von so jungen Kindern kennt.
Das folgende Ereignis werde ich nie vergessen. Nachdem wir einen Ausflug gemacht hatten, lud ich alle Kinder auf Süßigkeiten ein. Jeder durfte sich etwas von einem Stand aussuchen. Der 11-jährige Dipesh suchte sich eine Tüte Chips aus und gab diese nur wenige Momente danach an ein Straßenkind ab, da er meinte, dass dieses es mehr brauche als er selbst.
An meinem letzten Tag im Kinderheim backte mir die Leiterin als Abschiedsgeschenk einen Bananenkuchen – auf dem Herd. Zum Abschied habe ich den Kindern Fotos gedruckt und jedem ein paar Worte geschrieben.

Meine letzte Etappe meines Nepalaufenthalts verbrachte ich im Annapurna Gebirge. Eine 1-wöchige Trekkingtour mit faszinierendem Panorama. Tausende Stufen bin ich hoch gewandert, dennoch war es der Sonnenaufgang auf dem Aussichtspunkt „Poon Hill“ wert. Von dort konnte man mehrere 8000 m hohe Berge im Morgenrot betrachten. Außer den vielen Treppen wanderte ich durch Schluchten, über Brücken und durch Wälder. Auf dem Rückweg von der Wandertour gönnte ich mir zum Abschluss meiner Reise einen lang ersehnten Wunsch – Gleitschirmfliegen.

In den sechs Wochen in Nepal habe ich vor allem gelernt, dass man nicht viel materiellen Besitz braucht, um glücklich zu sein. Ich schätze nun die hier selbstverständlichen Dinge, wie der Zugang zu sauberem Trinkwasser oder Strom, viel mehr als zuvor. Und ganz wichtig – Nepal ist keinesfalls ein schlechterer oder besseres Ort zum leben, es ist dort einfach nur anders. Ich habe so viele inspirierende Leute kennengelernt und bin dankbar dafür, die Möglichkeit meinen Horizont zu erweitern gehabt zu haben.

Alina