Sechs Monate Freiwilligendienst in Nicaragua

Mein Alltag im Projekt:

Während meiner Zeit in Nicaragua habe ich in einer Schule gearbeitet. Die Schule war keine öffentliche Schule sondern erinnerte mich an das, was man in Deutschland „Jugendtreff“ nennen würde. Die Kinder konnten zusätzlich zu ihrer regulären Schule freiwillig in das Projekt kommen und haben dort sowohl Unterstützung bei ihren Hausaufgaben als auch Unterricht in Fächern wie Musik, Tanz, Kunst und Englisch bekommen. Meine Aufgabe bestand im Wesentlichen darin, den Kindern Englisch beizubringen. In unserer Klasse waren Kinder im Alter von sieben bis siebzehn Jahren, bei denen wir mit den grundlegendsten Sachen in Englisch anfangen sollten. Ich war vier Tage in der Woche immer von 14 bis 17 Uhr im Projekt, wovon zwei Stunden Unterricht waren und eine Stunde Hausaufgabenbetreuung. Häufig blieb ich länger und spielte noch mit den Kindern. Zusätzlich zu meiner Zeit im Projekt mussten dann die Klasse auch vor-und nachbereitet werden. Einmal in der Woche hatten wir ein Treffen mit einer ausgebildeten Lehrerin von unserer Partnerorganisation vor Ort, die mit uns den Lernfortschritt, neue Lehrmethoden und Probleme besprochen hat. Am Anfang war es schwierig, ohne pädagogische Vorkenntnisse eine Klasse mit fast 20 Schülern zu unterrichten. Mit der Zeit wurde es etwas einfacher, da ich die Kinder immer besser kennen lernte und eine Linie in meiner Art und Weise zu unterrichten gefunden habe.

Mein Alltag in der Gastfamilie:

Nachdem ich einmal ziemlich am Anfang meiner Zeit in Nicaragua die Gastfamilie wechseln musste, wurde ich in meiner zweiten Gastfamilie sehr nett aufgenommen. Ich hatte mein eigenes Zimmer mit großem Bett, Klimaanlage und großem Fernseher. Das lag weit über dem Standard, den ich in Nicaragua erwartet hätte. Das Bad habe ich mir mit dem Rest der Familie geteilt. Meine Familie bestand aus meiner Gastmutter, meinem Gastvater, meinen drei Gastgeschwistern, ihren Partnern und deren Kindern. Alle wohnten in einem Haus und teilten sich jeweils mit ihrem Partner und dem Kind ein Zimmer, das nicht größer war als das, was ich allein bewohnte. Mein normaler Tagesablauf sah wie folgt aus: Ich stand morgens gegen acht oder neun Uhr auf, frühstückte dann und ging anschließend in die Sprachschule unserer Partnerorganisation. Dort bereitete ich mithilfe des Internets meinen Unterricht vor und pflegte mal mehr, mal weniger meine Kontakte nach Deutschland. Gegen Mittag ging ich wieder zurück zu meiner Gastfamilie und aß dort zu Mittag. Anschließend hatte ich meistens noch einen Moment Zeit, um mich von der Hitze etwas auszuruhen und fuhr später gegen Viertel vor zwei mit meinem Fahrrad zum Projekt. Im Projekt war ich dann bis mindestens fünf Uhr, manchmal spielten wir nach dem Unterricht noch mit den Kindern, dann wurde es auch gerne mal etwas später. Anschließend fuhr ich häufig zurück in meine Gastfamilie, aß mit ihnen zu Abend und hatte dann abends Freizeit, die ich je nach Laune unterschiedlich nutzte. Mit meiner Gastfamilie bin ich sehr gut zurechtgekommen. Sie waren sehr fürsorglich und kümmerten sich wirklich gut um mich. Das Essen fand mal mit allen zusammen stand, mal waren nur ein paar Familienmitglieder da und ab und zu aß ich auch alleine. Es war insgesamt ein lockeres Verhältnis.

Meine Betreuung durch die Partnerorganisation:

Als ich im Gastland ankam, holte mich trotz einiger Verspätung meines Fluges meine Betreuerin vor Ort vom Flughafen ab und brachte mich direkt in meine Gastfamilie. In den ersten drei Tagen in Granada, hatte unsere Organisation ein Orientierungsprogramm für uns organisiert. Wir schauten uns die Stadt an, erhielten Hinweise zum Verhalten vor Ort und lernten unser Projekt kennen. Die Partnerorganisation hat unter anderem zwei Sprachschulen, in denen ich mich regelmäßig aufhielt um das Internet zu nutzen. So hatte ich auch regelmäßig Kontakt zu meiner Betreuerin. Sie kümmerte sich im Großen und Ganzen gut um mich, ging mit mir zum Arzt als ich krank war und stand mir auch sonst zur Seite.

Meine Herausforderungen:

Am Anfang war die Sprachbarriere doch recht groß. Die wenigen Spanischkenntnisse, die aus der Schule hängengeblieben sind und die ich nicht während meines Studiums wieder vergessen hatte, beschränkten sich auf einen sehr begrenzten Basiswortschatz und reichten, sobald es über kurze oberflächliche Konversationen hinausging, nicht mehr aus. Aus diesem Grund entschied ich mich, direkt zu Anfang einen zweiwöchigen Sprachkurs zu belegen und frischte so mein Wissen wieder auf. Das beseitigte zwar immer noch nicht die Sprachbarriere, half mir aber etwas mehr Mut zu fassen. Nach dem Motto Learning by Doing lernte ich das meiste während der Gespräche, die ich auf Spanisch führte, mit meiner Gastfamilie, meinen Freunden und im Projekt. Es kostete mich eine Menge Zeit und Energie, die Sprache einigermaßen fließend aber nach wie vor alles andere als perfekt zu sprechen. Eine weitere Herausforderung stellte für mich der Gastfamilienwechsel am Anfang meiner Zeit in Nicaragua dar. Ich hatte mich gerade mehr oder weniger in meiner ersten Gastfamilie eingelebt, als mir von meiner Betreuerin mitgeteilt wurde, dass ich aufgrund einer Operation meiner Gastoma die Familie wechseln müsste. Nachdem es mich zunächst ziemlich aus der Bahn warf, war ich rückblickend betrachtet froh über den Wechsel, da ich mich in meiner neuen Familie super einlebte und sehr lieb aufgenommen wurde.

Da Granada für nicaraguanische Verhältnisse eine relativ touristische Stadt ist und zudem viele Freiwillige dort sind (so nahm ich es zumindest wahr), war es für mich zunächst schwierig aus dem Kreis der „Ausländer“ rauszukommen und außerhalb von Gastfamilie und Projekt Anschluss an die Einheimischen zu finden. So richtig gelang mir das erst, als der Großteil meiner „weißen“ Freunde abreiste. Ab diesem Zeitpunkt verbrachte ich mehr und mehr Zeit mit Nicaragüenses in meinem Alter. Dieser neu aufgebaute Freundeskreis half mir dann natürlich noch viel tiefer in die Kultur einzutauchen und meine Sprachkenntnisse weiter zu verbessern.

Was ich mitgenommen habe:

Viele der Dinge, die ich von meinem halben Jahr in Nicaragua mitgenommen habe, sind kaum in Worte zu fassen. Ich versuche trotzdem mal einen kleinen Einblick zu geben. Ich habe viele tolle Menschen getroffen, interessante Geschichten gehört und eine Lebenseinstellung kennengelernt, die es in ihrer positiven Art und Weise in Deutschland nur selten gibt. Natürlich habe ich auch meine Spanischkenntnisse um einiges verbessert. Ich bin als Fremde zu Fremden gekommen und als Freund von Freunden gegangen. Was bleibt? Es bleiben wertvolle Erinnerungen, Freundschaften, die ich nicht missen möchte, die Sehnsucht, die mich von Zeit zu Zeit überkommt, der Wunsch und der Wille zurückzukehren und ab und zu das Gefühl, einen Teil meines Herzens an Nicaragua verloren zu haben.

Sandra