Image
Freiwilligendienst-Costa Rica-Landschaft

Sechs Monate Freiwilligendienst in Costa Rica

Costa Rica - die „reiche Küste“- so tauften die spanischen Eroberer das Land, als sie das erste Mal costa-ricanischen Boden betraten. Das erwartete Gold fanden sie nicht und trafen doch auf eine ganz andere Art des Reichtums: Natur, so divers wie in kaum einem anderen Land der Welt, mit einer unglaublichen Artenvielfalt und einer Fülle verschiedener Ökosysteme.

Auf all dies und mehr freute ich mich, als ich im Oktober 2019 in Frankfurt ins Flugzeug stieg und nach 13 Stunden vollbepackt und ziemlich aufgeregt in der Hauptstadt San José landete. Meine Nervosität erwies sich aber ziemlich schnell als unbegründet, denn von Anfang an stellten sich die Ticos – so nennen sich die Bewohner Costa Ricas selbst liebevoll-  durchweg als ausgesprochen herzliche und offene Menschen heraus. Besonders in meiner Gastfamilie fühlte ich mich vom ersten Tag an zuhause und verhielt mich schon bald selbst fast wie eine Tica. Das lag natürlich auf der einen Seite an der wunderschönen Sprache Spanisch, die durch den dortigen Slang nochmal ihren   besonderen Klang bekommt: So wird man auf der Straße mit „Buenas, cómo está?“ gegrüßt, der besorgte Westeuropäer mit „Tranquilo“ oder „no se preocupe“ beruhigt und auch das touristisch kommerzialisierte „Pura Vida“ bekommt man doch häufig von Einheimischen zu hören.

Aber auch durch das typische Essen lernte ich einen Teil der costa-ricanischen Kultur kennen. Meine Gastmutter war eine tolle Köchin und kochte traditionell, wodurch ich die Möglichkeit hatte, viele verschiedene „platos típicos“ kennenzulernen. Hier ist vor allem das „gallo pinto“ zu nennen,  eine Mischung aus Reis und schwarzen Bohnen, die schon morgens zum Frühstück mit Rührei und hausgemachten Tortillas serviert wird. Aber die heimische Küche besteht nicht nur aus Bohnen und Reis. Auf der lokalen Feria, dem Wochenmarkt, wird eine unglaubliche Vielfalt an exotischen Obst- und Gemüsesorten angeboten, von denen ich viele noch nie vorher gesehen hatte.

Mit einer großen Portion gallo pinto und einer Tasse Kaffee – auf den die Ticos besonders stolz sind- gestärkt, machte ich mich morgens dann auf den Weg zu meinem Projekt, einem kleinen Nebelwaldreservat 45 Minuten außerhalb der Stadt, welches schnell zu einem meiner absoluten Lieblingsorte in ganz Costa Rica wurde. So verbrachte ich jeden Tag viele Stunden in der Natur und kümmerte mich um Wildtierkameras, die im Wald nahe der Trails verteilt waren und Videos von für mich total exotischen tag- und nachtaktiven Tieren aufnahmen. Auch das Zusammenschneiden eines Info-Videos über die Fauna des Nebelwalds für Besucher gehörte zu meinen Aufgaben.

Abends lernte ich dann einen weiteren wichtigen Aspekt der Tico-Kultur kennen, durch den ich mich so richtig in das Land verliebte: das Tanzen. Zweimal wöchentlich nahm ich mit anderen Freiwilligen an einem Tanzkurs teil, in dem uns typische Tänze wie Salsa, Bachata oder Merengue beigebracht wurden. Hier drücken die Ticos ihr Lebensgefühl aus und das spürt man. Und an den Wochenenden brachten uns die echt zuverlässigen öffentlichen Busse zu Ausflügen an den Strand oder in einen der vielen Nationalparks des Landes, in denen sich besagte Vielfalt der Natur dann „en vivo“ bestaunen ließ.

Natürlich soll dieser Bericht kein Blick durch die rosarote Brille sein: Auch Costa Rica ist -trotz seiner im Vergleich mit den Nachbarländern Panama und Nicaragua sicheren und politisch stabilen Lage- kein perfektes Land und hat (wie übrigens jedes der Welt) noch an sich zu arbeiten. So spürte ich in meiner Gastfamilie stark die traditionelle Rollenverteilung der Geschlechter und auch bei costa-ricanischen Freunden ist der „machismo“ teils noch verankert.

Abschließend lässt sich nur sagen, dass ich eine wunderschöne und unglaublich lehrreiche Zeit an der „reichen Küste“ hatte, in der ich viel über mich selbst und ein fremdes Land gelernt habe, und anders als die spanischen Eroberer mit genau dem (und noch viel mehr) zurückgekehrt bin, nach dem ich gesucht habe: einem unbeschreiblich schönem halben Jahr, das ich nie vergessen werde. !En serio!

Eure Leonie