Sechs Monate Freiwilligendienst in Casablanca, Marokko

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Sechs Monate in Casablanca

Al Mamlaka al Maghribiya, das Königreich des Sonnenuntergangs – welch romantisches Schauspiel vor gebrochenem Licht – es hat mich angelockt: arabische Kultur, Kamelkarawanen in der Sahara, Oasen im Schatten von Dattelpalmen und Königsstädte wie aus 1001 Nacht. Doch; wie ist Marokko wirklich?

Insgesamt habe ich sechs Monate in Casablanca verbracht, der größten Stadt Marokkos mit rund sechs Millionen Einwohnern. Die Stadt ist das wirtschaftliche Zentrum des Landes, gehört allerdings nicht zu den Topadressen für Touristen, die sich eher den traditionellen Königsstädten wie Marrakesch und Fes zuwenden. Während meines Aufenthalts habe ich größtenteils Englisch und Französisch unterrichtet und konnte unterschiedliche Projekte der Partnerorganisation vor Ort, Social Voluntary Services, kennenlernen. Während meiner ersten drei Monate in Marokko habe ich an zwei Schulen unterrichtet. Gerade Französichkenntnisse waren sehr gefragt und ehe ich mich versah, wurde ich als Lehrer für französische Kommunikation eingesetzt und unterrichtete Schüler zwischen sechs und 18 Jahren. An der zweiten Schule konnte ich auch den Sportunterricht gestalten. Während der letzten drei Monate in Marokko arbeitete ich bei Chabaka Tamkine, einem Verein, der sich für Frauenrechte einsetzt, und ich unterrichtete weiterhin Englisch und Französisch – jedoch nicht mehr an Schulen, sondern in einem Waisenhaus. Beide Tätigkeiten waren hochinteressant. Bei Chabaka Tamkine erhielt ich einen Einblick in die herausfordernde Arbeit, Frauenrechte in Marokko zu stärken, und im Waisenhaus überbordende Dankbarkeit für meine dringend gebrauchte Unterstützung, den benachteiligten Kindern Perspektiven zu eröffnen.

Außerhalb der Arbeit in den Projekten lebte ich bei einer Gastfamilie im Viertel Sbata, welches rund zehn Kilometer vom Stadtzentrum entfernt liegt. Dorthin verirren sich normalerweise keine Touristen und den landesweiten Bekanntheitsgrad verdankt das Viertel dem täglich stattfindenden Markt, der alle Straßen des Viertels unter warenbeladenen Ständen, Wägen und Menschenmassen verschwinden lässt. Natürlich arbeiteten mehrere Mitglieder meiner Gastfamilie auf dem Markt und betrieben mit Erfolg den Verkauf von Schlafanzügen, die sich in Marokko besonderer Beliebtheit erfreuen. Ich lebte mit insgesamt elf Leuten in einem Haus – in Marokko leben unterschiedliche Generationen traditionell zusammen – und wurde vorzüglich aufgenommen und den Freuden marokkanischer Gastfreundschaft zugeführt. Darunter fällt zweifelsohne das Essen: Couscous, Tajine und vieles mehr aß ich wie es im Land üblich ist, gemeinsam mit allen von einem Teller und mit den Fingern.

Schnell war ich von der marokkanischen Kultur fasziniert, die sich in so Vielem von Altbekanntem aus Deutschland unterscheidet, und mich viel zum Nachdenken brachte. Vor einem solchen Kontrast über die eigene kulturelle Prägung nachzudenken, ist eine sehr lehrreiche Erfahrung! Natürlich unterscheidet sich Marokko kulturell auf augenscheinlichen Ebenen wie Mode, Musik und Tanz oder Religion von Deutschland. Aber gerade subtilere Ebenen zu verstehen, machte für mich den Reiz aus. Welche Stellung hat die Familie innerhalb der Gesellschaft? Welche sozialen Rollenverständnisse existieren? Was heißt Erziehung? Wie vollziehen sich Gespräche und soziale Interaktion? Welche Rolle spielt Zeit (oder spielt sie keine)? Wie sage ich „Nein“, wenn es das eigentlich nicht gibt? Dies ist nur eine kleine Liste an Beispielen, die sich endlos fortsetzen ließe, deren Ergründung allerdings den Charme eines kulturellen Austauschs ausmacht. Schließlich ist Marokko faszinierend im Hinblick auf die Bedeutung unterschiedlicher Sprachen. Gängig im Land sind Arabisch, Französisch und die Sprachen der Berber, u.a. Tamazight oder Taschelhit. Hinter die soziale Bedeutung dieses komplexen Sprachgefüges zu blicken, wartet mit vielerlei Erkenntnissen auf, denn eine der Sprachen zu beherrschen oder nicht zu beherrschen, ist unweigerlich mit sozialem Status, Einfluss und Macht verbunden. Ich selbst lernte während meines Aufenthalts Arabisch und den marokkanischen Dialekt Darija. Der schwierige Lernprozess ist natürlich noch nicht abgeschlossen, doch erhält diese Erfahrung auch über die geographische Entfernung meine Verbindung mit Marokko aufrecht.

Meine intensive Auseinandersetzung mit der marokkanischen Kultur beschränkte sich jedoch nicht auf Casablanca. An den Wochenenden hatte ich das Vergnügen durch Marokko zu reisen. Dabei bin ich besonders dem Projektkoordinator von SVS dankbar, der mir auf gemeinsamen Reisen die schönsten Flecken Marokkos zeigte und mich in die marokkanische Verhandlungskunst einwies. Ich lernte die wichtigsten Städte Marokkos kennen: u.a. Rabat, Fes, Tanger, Marrakesch, Agadir und Chefchaouen. Und ich konnte am Strand surfen lernen und das Gemüt vom turbulenten Alltag der Metropole Casablanca bei Wanderungen im Rif-Gebirge oder im Hohen Atlas zur Ruhe kommen lassen. Besonders schön war die Besteigung des Toubkal (4.167 m), der höchste Berg Nordafrikas, und die Wüstentour durch einen Sahara-Ausläufer nahe Merzouga, im Südosten Marokkos nahe der Grenze zu Algerien. Dadurch konnte ich auch die romantischen Vorstellungen von Marokko bedienen sowie bei einem Kamelritt durch die Wüste und einem Lagerfeuer unter endlosem Sternenhimmel die Zeit zurückdrehen.

Kevin

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Wüste in Marokko