Menschen, Farben, Himalayas: Mein Freiwilligendienst in Nepal

Die Farben, in denen Nepal erstrahlt, lassen sich nicht in Worte fassen. So kräftig, klar und leuchtend. Die Gesichter der Menschen, die einem entgegen strahlen, verströmen Herzlichkeit, Wärme und aufrichtige Freude. Natürlich strahlen nicht immer alle und als Gast im Land wird man auch mit unterschiedlichen Blicken bedacht und vor Herausforderungen gestellt. Aber Nepal ist – trotz seiner atemberaubenden Farben – ja auch kein Bilderbuch. Es ist echt und ergreifend und lässt einen nicht mehr los.

In meiner ersten Woche in Nepal nahm ich über die Partnerorganisation vor Ort in Kathmandu an einem Sprach- und Kulturkurs teil, in dem wir grundlegende Phrasen und Konversationen lernten und Kathmandu erkundeten. Im Kurs traf ich andere Freiwilligendienstler aus der ganzen Welt, die mein Netzwerk in Nepal wurden und mit denen ich in den Nationalpark im Süden Nepals reiste und im Annapurna Gebirge wandern ging – eine meiner schönsten Erfahrungen in Nepal, so entspannend und weit weg von allem, auch wenn es gut tat, danach wieder in den Trubel des Waisenhauses zurückzukehren.

Das Projekt, in dem ich für meinen zweimonatigen Freiwilligendienst untergebracht war, ist das Waisenhaus Kopila in Bhaktapur, einer Jahrhunderte alten Stadt, gebaut aus rost-roten Steinen, Heimat von über 170 Tempelanlagen. Ein wenig Staub, aufgewirbelt von Karren und Motorrollern, spielenden Kindern, Kaufleuten und Touristen, schwebt durch die alten Gassen. Auf Plätzen werden die Reisernte und frisch getöpferte Waren zum Trocken ausgelegt. Das Waisenhaus liegt nicht weit vom Stadtkern entfernt zwischen kleinen Feldern und anderen Familienhäusern. Vom typischen flachen Dach aus hat man eine wundervolle Sicht auf die Dächer der Innenstadt und die Himalayas.

Hier fand ich mein nepalesisches zu Hause. Die Heimmutter und ihre 16 Kinder nahmen mich sehr herzlich auf und die jüngeren ergriffen ab der ersten Minute die Gelegenheit, einen neuen Spielpartner für Gummi Twist, Malen, UNO & Co. zu haben.
Das Spielen mit den Jüngeren war meine Hauptbeschäftigung im Waisenhaus. Da ich während einer Zeit voller Feiertage und Schulferien dort war, war entsprechend viel Zeit hierzu. Doch auch Hausaufgaben mussten erledigt werden und so lagen wir viele Stunden im leeren Spielzimmer auf dem Boden, die Kinder schrieben und ich leistete ihnen Gesellschaft und half mal hier, mal da.

Es war auch die Zeit des Drachensteigens. Der Himmel über Bhaktapur war übersäht mit Winddrachen, die Kinder und Jugendliche auf den Straßen, vor allem aber von den Flachdächern der Häuser aus in den Sonnenuntergang steigen ließen.
Wir hatten keine Drachen. – Aber Malpapier, Stifte und ein Kneuel Kordel. ,,Sister, let’s make kites! We also want to fly kites!” So wurde gebastelt und gemalt und ernsthaft überlegt, wie der Drache wohl am aerodynamischsten sein könnte. Und dann hingen sie da an Kordelschnüren vom Dach, die selbstgebastelten Drachen, zu schwer, um von leichten Winden getragen zu werden. Es machte mich traurig, dass unsere Kinder nicht so Drachen steigen lassen konnten, wie die anderen. Doch mit dem Gefühl war ich die einzige: Jeder Windstoß, der die Papierdrachen an ihren Fäden herumwirbelte ließ, wurde gefeiert und bejubelt und verbreitete stolzes Strahlen auf den Gesichtern der Winddrachenkünstler. Wieder was gelernt.

An einem Tag machten wir einen kleinen Ausflug zu einem alten Tempel gleich außerhalb von Bhaktapur. Die Busfahrt, der Tempel, das Picknick mit Bananen und Keksen und eine große Wiese zum Fangen spielen waren eine schöne Abwechslung für alle.
Eine weitere Abwechslung war das Nähprojekt der Heimmutter, ihres ältesten Ziehsohns und ihrer Schwiegertochter. Hier entwerfen und nähen sie Taschen, Laptoptaschen und Kulturbeutel aus alten Reissäcken und traditionellen nepalesischen Stoffen, um sich damit ein paar Rupie zu verdienen.

Wie in Nepal sehr verbreitet, aß auch die Kopila-Familie jeden Tag zwei Mal das nepalesische Nationalgericht Dhal Bhat: Reis mit einer Linsensuppe. Dazu gab es das Gemüse, was gerade auf dem kleinen gepachteten Feld wuchs. Die Kinder bissen dazu auch gerne in eine Chili – die sie mir zuliebe nicht gleich mitgekocht hatten. Das Essen in Nepal kann wirklich sehr scharf sein und mehr als ein Mal schossen mir die Tränen in die Augen – erst vor Schärfe, dann vor Lachen.
Weitere kulinarische Einblicke in die Kultur bekam ich, als ich zu traditionellen hinduistischen Familienfeiern eingeladen wurde und bei der Reisernte half.

Meine Zeit in Nepal war eine Lebenslektion, die ich in Deutschland nicht hätte lernen können und ich möchte weder sie, noch so tolle Menschen kennen gelernt zu haben, missen.

Jessica