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Schueleraustausch-Irland-Landschaft

Meine erste Zeit auf der grünen Insel Irland

Es ist Freitag, und ich laufe die Straße entlang. Musik erfüllt mich, die Sonne scheint mir ins Gesicht. Den ganzen Vormittag war es kalt und windig, aber jetzt gegen Viertel nach drei wird es ein bisschen wärmer. So viel zum typisch regnerischen Wetter in Irland. Man kann an einem Tag alle vier Jahreszeiten haben, das habe ich schon festgestellt. Auch wenn es Schnee nur sehr selten gibt – und wenn, dann nicht sonderlich viel. Ich überquere die Brücke, die über den schmalen Fluss führt, der durch Ennis fließt und lasse die kleinen bunten Läden hinter mir. Ein Mann spricht mich an und teilt mir mit, wie sehr es ihn freut, dass ich lächle. Das lässt mich nur noch mehr strahlen. Es sind die kleinen Momente, die mich glücklich machen und mir zeigen, dass es einfach unglaublich großartig ist, so eine Möglichkeit zu haben. Ich bin jetzt sieben Wochen hier und kann es immer noch nicht wirklich fassen.

Wie jeden Freitag hatte ich heute schon um 14.00 Uhr Schulschluss und bin danach noch mit ein paar Mädchen in die Stadt gegangen, da mein Gastbruder, der auf eine andere Schule geht, erst um 15.20 Uhr Unterrichtsende hat und wir zusammen von meinem Gastvater abgeholt werden, weil es zum Laufen zu weit ist. Und wie immer habe ich mir mit der anderen deutschen Austauschschülerin, die in Ennis wohnt, eine Packung Donats in Dunnes, einem großen Supermarkt, gekauft. Das ist mittlerweile schon so etwas wie eine Tradition geworden. Wir haben uns unterhalten (auf Englisch natürlich) und viel gelacht. Das ist unsere Zeit, denn in der Schule sind wir in verschiedenen Freundesgruppen. Es ist erstaunlich, wie schnell wir beide Anschluss gefunden haben. Direkt am ersten Tag, in meiner zweiten Stunde, bin ich auf ein Mädchen getroffen, dass mich eingeladen hat, die Pause mit ihr und ihren Freundinnen zu verbringen. Ich sollte vielleicht erwähnen, dass ich auf einer Mädchenschule bin, wovon ich zunächst nicht wirklich begeistert war, aber es ist cool, es mal ausprobiert zu haben. Auch wenn ich immer noch der Meinung bin, dass gemischte Schulen definitiv besser sind. Oder zumindest für mich. Naja. Auf jeden Fall habe ich hier schon gut Anschluss gefunden, und Englisch ist tatsächlich ebenfalls kein wirkliches Problem. Im Unterricht verstehe ich so gut wie alles. Und wenn ich mal ein Wort nicht weiß, dann gibt es ja noch das Internet.

Natürlich ist nicht alles immer leicht. Meine Gastschwester hat Cerebralparese und sitzt im Rollstuhl. Wir verstehen uns ziemlich gut, aber sie kann nicht sehr viel selber machen, da sie eine Hand so gut wie gar nicht benutzen kann und die andere auch nicht perfekt. Das heißt, man muss ihr viel helfen, und das kann manchmal ganz schön anstrengend sein. Aber alles in allem ist es eine unglaubliche Erfahrung und ich mag sie wirklich. Wir können uns gut unterhalten und machen viele Spaziergänge mit ihrer Guide-Hündin, die aber eher ein Haustier ist und anscheinend beschlossen hat, dass ich die richtige Person bin, um durch Anspringen und lautes Bellen etwas zu Essen zu bekommen.

Seit kurzem sind wir zu viert auf unseren Spaziergängen. Eine japanische Gastschülerin wohnt jetzt auch mit im Haus, aber das ändert tatsächlich nicht viel. Außer dass ich jetzt viel mehr Zeit unten in der Wohnküche verbringe - und weniger Zeit in meinem Zimmer. Insgesamt besteht meine Gastfamilie jetzt also aus meinen Gasteltern, meinem Gastbruder, der so alt ist wie ich, meiner 23-jährigen Gastschwester, die ihre beiden Zimmer im Untergeschoss hat, meiner 22-jährigen Gastschwester, die in Limerick aufs College geht und höchstens einmal pro Woche nach Hause kommt, und der japanischen Austauschschülerin, die eineinhalb Jahre älter ist als ich.

Ich habe schon so viel erlebt und gelernt. Das alles zu erzählen, würde Stunden dauern. Da sind tausend verschiedene Geschichten in meinem Kopf: unser Besuch bei den Cliffs of Moher, die Ausflüge nach Dublin und Bunratty, das Schwimmen im Meer. Oder wie die Hundeleine sich in einem Rad des Rollstuhls meiner Gastschwester verheddert hat. Wie wir vier Stunden lang spazieren gegangen sind, uns fast verlaufen hätten und mein Gastvater später meinte, dass er keine Ahnung habe, wo das Haus steht, bei dem wir umgedreht sind und von dem wir ihm ein Foto geschickt haben. Wie wir beim Kochen kreativ und im Supermarkt fast wahnsinnig geworden sind. Und, und, und… So viele Dinge und Erlebnisse, die es zu erzählen gibt. So viele Vorurteile, die es auszuräumen gilt.

Aber in diesem Moment – mit Bob Geldofs „The Great Song of Indifference“ im Ohr und dem warmen Sonnenschein im Gesicht – weiß ich, dass das erst der Anfang war. Meine Zeit hier ist noch lange nicht vorbei. Und ich bin mehr als glücklich darüber.