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Freiwilligendienst-Laos-Landschaft

Mein Freiwilligendienst in Bopenyang - LAOS

Als ich den Leuten erzählt habe, dass ich nach Laos reise, erhielt ich ganz verschiedene Reaktionen als Antwort, von „Was willste denn da?“ über „Aha, und was machst du dann auf Laos?“ bis zu „Ist das nicht zu gefährlich?“ Ich kann euch vorwegnehmen, es war die richtige Entscheidung. Mit dem Projekt, der Stadt und den Leuten, die ich dort kennenlernen durfte hätte ich nicht mehr Glück haben können (wofür ich nicht zuletzt die Mitarbeiter von Experiment e. V. verantwortlich mache).

Es war eine spontane Entscheidung aus dem Bauch heraus. Ich wusste so gut wie nichts über das Land, außer, dass es ein Nachbarland von Vietnam und Kambodscha ist (Geschichtsunterricht Klasse 11, Kapitel Vietnamkrieg). Ich habe es mir sehr friedlich vorgestellt. Und ich hatte irgendwo gelesen, dass Luang Prabang, die Stadt in der ich leben würde, insgeheim als die „schönste Stadt Südostasiens“ bezeichnet wird. Als ich dann vom „Buddhistischen Tempelprojekt“ las, war es eine klare Sache.

Kurzes (wirklich oberflächliches) Laos-Porträt: Es leben ca. 5 Millionen Menschen im ärmsten Land Süd-Ost-Asiens, davon ca. 50.000 in der zweitgrößten, geschichtsträchtigen „Königsstadt“ Luang Prabang. Ein Königreich war Laos jedoch nur bis 1975. Heute nennt sich das Land „Lao People's Democratic Republic“, in der allerdings nur eine (kommunistische) Partei zugelassen ist. Über 70% der Einwohner leben von der Landwirtschaft. Das Land ist ethnisch bunt gemischt, es wird von 49 bis über 100 verschiedenen Ethnien und deren Untergruppen geredet. Amtssprache ist Laotisch, welches für viele Laoten allerdings Zweitsprache ist. Der Großteil der Menschen ist buddhistisch, ihnen wird, im Gegensatz zu Anhängern anderer Religionen, von der Regierung Religionsfreiheit garantiert. Die Alphabetisierungsrate ist sehr gering. 40% aller Laoten haben noch nie eine Schule besucht, davon der Großteil Mädchen und Frauen.

Umso froher bin ich, dass die Partnerorganisation von Experiment e.V. „GVI“, mit welcher ich dort tätig war, das schwache Bildungssystem in Laos erkannte. GVI bietet nun schon seit mehreren Jahren kostenlosen Englischunterricht für Jungen und Mädchen aus armen Verhältnissen an. Mit Englischkenntnissen stehen den Schülern beruflich deutlich mehr Türen offen: Gerade in der wunderbaren Stadt Luang Prabang ist der Tourismus ein rasant wachsender Sektor.

Zehn Wochen lang war ich Teil des Projekts. Ich habe fünf Tage die Woche täglich drei sehr unterschiedliche Klassen unterrichtet.

In der ersten Woche wurden wir von unseren Mentoren (GVI Mitarbeiter, die seit mehreren Jahren in Luang Prabang leben) mit zusätzlichen Trainings auf unsere Aufgabe vorbereitet, vor der wir alle großen Respekt hatten. Wir wurden ins kalte Wasser geschmissen. Ich stand in meiner zweiten Stunde mit meinen „Young Adults“ allein im Raum und durfte erklären, wie man „Present Continous talking about future arrangements“ verwendet – eben. Davon hatte ich vorher nie gehört und ich musste mich erst einmal selbst mit dem Thema vertraut machen. Auch wenn diese Klasse fachlich am anspruchsvollsten zu unterrichten war, hat es mir ihnen einen riesigen Spaß gemacht. Es waren ruhige, ambitionierte junge Männer, jedoch haben wir uns schnell aneinander gewöhnt und ich musste mir die ersten Neckereien anhören, denn – auch Lehrer machen Fehler (Zwinkersmiley).

Ein klarer Gegensatz zu dieser Klasse war meine Mädelsklasse. Sie waren frech, laut und vorwitzig und keine Stunde lief ab, wie im Vorhinein geplant. Diese Klasse ist Teil des sogenannten „Women Empowerment Project“, in dem es neben dem Unterrichten darum geht, das Selbstbewusstsein junger Frauen zu fördern. Da Mädchen in der Bildung benachteiligt sind, ist dieses Projekt ein wichtiger Bestandteil der Arbeit von GVI. Anfangs unterrichtete ich die wundervollen Mädchen alleine, bis ich tatkräftige Unterstützung von einem Volunteer-Kollegen bekam. Wir ergänzten uns gut: Er als Muttersprachler konnte auf Anhieb die besten Synonyme finden und half bei der Pronuncation (das ist übrigens das Wort, mit dem ich beim Spelling Contest gegen meine eigenen Schüler verlor), während ich meine Stärken auf grammatikalischem Gebiet hatte.

Die Grammatik war in meiner dritten Klasse, der Novizenklasse, zweit-, wenn nicht sogar drittrangig. Als ich mich das erste Mal in den Klassenraum auf dem Tempelgelände der zwölf kleinen orangefarbig gekleideten Monster begab, wurde mir direkt klar, dass mir mit dieser Klasse die größte Herausforderung bevorstand. Sie kamen frisch aus ihrer Mittagspause, waren dementsprechend aufgedreht und hatten gerade eine Einheit „Komm,-wir-machen-die-Fliesen-nass,-nehmen-Anlauf-und-schlittern-drüber“, hinter sich. Bis sie sich wieder ordentlich angekleidet hatten, auf ihren Plätzen saßen (bzw. ich war froh, dass sie überhaupt saßen und nicht herumtobten) und einigermaßen zur Ruhe gekommen waren, war die Hälfte der Stunde gefühlt ‘rum. Mein vorrangiges Ziel war, die Schüler spielerisch zum Lernen zu motivieren und ihnen die Aussprache der verschiedenen „Phonics“ nahezubringen – Grammatik war noch weit entfernt. Je lauter mir die Antworten entgegengeschrien wurden, desto höher – da konnte ich sicher gehen – war die Arbeitsbeteiligung. Rückblickend weckte diese Klasse alle Emotionen in mir, die man nur so erleben kann. Von Enttäuschung über Überraschung, bis hin zu überschwänglicher Freude und Begeisterung war alles dabei. Ich habe vielleicht mehr von ihnen gelernt, als sie von mir.

Nach einer Einheit „verrückte-Novizen-bändigen“ gönnten mein Teaching-Kollege und ich (ich hatte die lautere, er dafür die deutlich grausamere Klasse) uns oft in einem der schönen kleinen Cafés oder Restaurants in Luang Prabang ein Päuschen. Denn eins muss man der vielfach unterschätzten Mini-Metropole lassen: Kulinarisch kommt dort jeder auf seine Kosten. Und nicht nur das. Ich fühlte mich in der Stadt von erster Sekunde an wohl. Die Wochenenden habe ich damit verbracht, mit einer Kamera in der Hand durch das ehemalige Kolonialherrenviertel zu laufen, mich von dem Gewusel in den riesigen typisch asiatischen Markthallen treiben zu lassen, oder den Sonnenuntergang über dem Mekong anzuschauen – immer mit Blick auf die sanften Hügel der laotischen Berglandschaft im Hintergrund, die bei jedem Wetter wunderschön anzusehen sind.

Wir waren außerdem fast jedes Wochenende unterwegs, denn es gibt vielseitige Ausflugsmöglichkeiten im Umkreis von Luang Prabang. So liefen wir mit Elefanten durch den Dschungel, kochten traditionell laotisches Essen und halfen beim Reispflanzen auf einer Familienfarm mit. Das Highlight war allerdings die Bootsfahrt mit einem Schnellboot von Muang Ngoy nach Nong Khiaw, die einen an malerischen Karstlandschaften vorbeiführte. Ein Wochenende durfte ich dort, im Norden des Landes, verbringen.

Jedoch freute ich mich danach, wieder in meiner laotischen Lieblingsstadt zu sein. Denn über so eine lange Zeit ist mir die Luang Prabang’sche Lebensart ans Herz gewachsen, was nicht zuletzt an den überaus warmherzigen, offenen und humorvollen Menschen dort liegt. Unsere Arbeit als Englischlehrer wurde von ihnen geschätzt. Und auch das Zeitgefühl in Luang Prabang war ein anderes, welches mit unserem europäischen nicht zu vergleichen ist. Niemals habe ich einen Hauch von Hektik erlebt, eher musste ich mich auf mindestens 15 Minuten Wartezeit einstellen – Gewöhnungssache.

Und wenn mal etwas nicht planmäßig ablaufen sollte (eher Regel als Ausnahme) ist die Antwort darauf einfach „Bopenyang.“ – Alles gut. Ein Motto, welches ich für mich nach Deutschland mitzurückgenommen habe.

Eure Fabia