Mein Auslandsjahr in Schweden – Polarkreis bis Südschweden

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SAW Teilnehmerin

„Warum hast du Schweden gewählt?“ Ich glaube, das ist die meist gestellte Frage, die ich vor meiner Abreise gefragt bekommen habe und auch hier in Schweden wurde ich das häufig gefragt.

Die Antwort ist nicht ganz leicht. Meistens antwortete und antworte ich mit: „Ich möchte die Sprache lernen und ich finde Schwedens Natur sehr schön.“, jedoch fasst das nicht in Worte, wie sehr ich mich zu diesem Land hingezogen gefühlt habe schon bevor ich hier war.

Meine Ankunft in Schweden

Meine Reise alleine begann in Berlin am Flughafen. Das war alles sehr hektisch und aufregend, weil ich noch nie zuvor alleine geflogen bin und ich bis zum Boarding hoffen musste, dass ich meine Geige mit ins Handgepäck nehmen kann. Es ist jedoch alles gut gegangen und auch das Umsteigen in Stockholm war kein Problem (bis auf das ich den Fahrstuhl nicht gesehen habe und meine zwei schweren Koffer eine Treppe runter hieven musste). Als ich gelandet bin habe ich erst mal einen kleinen Schock bekommen, da es hoch im Norden doch sehr viel kälter ist, als es in Deutschland diesen Sommer war. Aber ich habe mich auch sehr gefreut, da mir in dem Moment bewusst geworden ist, dass ich jetzt ein Jahr lang hier wohnen darf. Meine erste Gastfamilie wohnt im schwedischen Inland und deswegen mussten wir vom Flughafen drei Stunden bis zu meinem neuen Wohnort fahren. Auf der Fahrt habe ich schon gleich mehrere Rentiere aus nächster Nähe gesehen und ich habe mich total gefreut, weil ich sie noch nie in freier Wildbahn gesehen habe. In Nordschweden gelten Rentiere jedoch als nicht ganz so intelligent, da sie gerne auch mal vor Autos laufen. Ich fand sie jedoch einfach nur unglaublich süß und anmutig.

Neues Land – Neue Erfahrungen

Der zentrale Punkt eines Austausches in Lappland ist natürlich der Schulbesuch. In Schweden wird sehr viel Wert auf eine gute Ausbildung gelegt. Das hat mich sehr positiv überrascht, da wirklich versucht wird, dass die Schüler keine Unkosten haben, um zur Schule zu gehen. Papier, Stifte, Bücher und Laptops werden kostenlos ausgeliehen bzw. geschenkt. Auch das Schulessen ist umsonst. Das Klima in der Schule ist sehr freundlich. Man duzt alle und der Umgang miteinander ist generell sehr locker. Ich habe mich mit meinen Lehrern dort sehr gut verstanden und mit meiner Mentorin hatte ich einige sehr lange Gespräche, die gut und gerne auch mal eine Stunde oder mehr lang sein konnten. Eine der besten Erlebnisse, die ich gemacht habe war, die Fjällwanderung. Wir sind mit der Schule in den Norden zum Wandern gefahren. Die Natur dort ist atemberaubend und man will sich am liebsten den ganzen Tag nur umgucken und Fotos machen. Leider war es sehr kalt, aber immerhin kann ich jetzt von mir behaupten, dass ich bei ca. 0 Grad zwei Nächte innerhalb des Polarkreises in einem Zelt geschlafen habe. Auf der Rückwanderung haben wir eine Rentier Herde gesehen, was total surreal wirkte aber auch einfach nur schön war. Ich bin es nicht so gewohnt zu Wandern und ich hatte auch, da ich keine passenden Wanderschuhe hatte einige Blasen schon direkt nach dem ersten Tag, aber es gab auch Schüler, die die Strecke (ca. 10 Kilometer) gerannt sind. Mit voller Ausrüstung, Wanderschuhen und Rucksack! Das fand ich sehr eindrucksvoll aber auch einschüchternd, da ich mich dann noch langsamer gefühlt habe.

Wechsel der Gastfamilie

Da es mit meiner ersten Gastfamilie nicht wirklich gut geklappt hat, weil wir uns nicht verstanden haben und komplett unterschiedlich waren, habe ich Ende November die Gastfamilie gewechselt. Mein Weg führte mich in den Süden Schwedens, also klimatisch ein riesiger Unterschied. Da es wegen meines Gepäcks Probleme beim Fliegen gab (und ich auch lieber Zug fahren wollte, bin ich ab Jörn (das liegt mitten in der Pampa) mit dem Nachtzug nach Stockholm und dann weiter zu meiner neuen Gastfamilie gefahren. Die Reise mit dem Nachtzug war eine sehr abenteuerliche Erfahrung. In Jörn sind nur ca. drei andere Leute mit mir zugestiegen. In der Wartehalle dort habe ich lustigerweise einen Deutschen getroffen. Das war schon wirklich ein sehr großer Zufall. Als der Zug dann kam war es von der Stimmung her ein bisschen eine Mischung aus Polar Express und dem fahrendem Ritter. So, als ob man irgendwo gestrandet ist und aufgelesen werden muss. Ich glaube die Dunkelheit und der Schnee haben dazu auch noch sehr beigetragen. Sich bei der neuen Gastfamilie einzuleben habe ich mir persönlich erst mal sehr schwer vorgestellt, aber es ging alles viel besser als erwartet. Ich wurde warm und herzlich aufgenommen und ich bin sehr froh, dass ich jetzt auch Interessen mit meiner Gastfamilie teile. Das macht es auch sehr viel einfacher, miteinander zu reden und sich zu verstehen.

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SAW Teilnehmerin

Das Lucia-Fest

Da ich erst so spät auf eine neue Schule gekommen bin, durfte ich leider beim Lucia Konzert nicht mitsingen. Das Lucia-Fest wird am 13. Dezember gefeiert und ist ein fester Bestandteil der schwedischen Weihnachtstradition. Ein Mädchen (oder auch ein Junge) ist die Lucia und bekommt einen Kranz mit Kerzen auf den Kopf. Sie führt den „Luciazug“ in der Kirche an und steht auch während des gesamten Konzertes vor dem Chor. Am 13. Dezember bin ich früh morgens mit meiner Gastmutter aufgestanden und wir haben zusammen die Live - Übertragung aus der Domkirche in Göteborg angeguckt. Nach dem Luciakonzert in der Schule gab es Glögg (sozusagen ein schwedischer Glühwein/-punsch,  der sehr beliebt ist und häufig mit Mandeln und Rosinen getrunken wird) und Pfefferkuchen. Mein Weihnachten war dann aber eher ruhig und entspannt, deswegen kann ich nicht so viel darüber berichten. Für mich war das wichtigste wirklich einfach die Vorweihnachtszeit.

Wie geht es mit meinem Schwedisch voran?

Die große Frage ist natürlich: „Wie geht es mit meinem Schwedisch voran?“

Und da kann ich sagen: eigentlich sehr gut. Am Anfang hatte ich mit dem sprechen, schreiben und vor allem mit den Vergangenheitsformen große Schwierigkeiten, aber jetzt läuft es sehr gut. Das Lernen ging für mich sehr schnell und ich kommuniziere mit meinen Mitschülern, meiner Gastfamilie und meinen Lehrern komplett auf Schwedisch. Natürlich vergesse ich auch oft mal Wörter aber einem wird hier sehr gerne dabei geholfen den richtigen Ausdruck zu finden. Für mich ist es kein Problem auf Schwedisch die Aufsätze mitzuschreiben, die die anderen in meiner Klasse auch schreiben und ich habe sogar auf meinen Schwedisch-Aufsatz ein A bekommen (das ist hier die Bestnote).

Jetzt momentan passiert hier sehr viel für mich. Ich habe übermorgen eine Ballettvorstellung auf die ich schon sehr gespannt bin. Natürlich nimmt das Training auch sehr viel Zeit in Anspruch aber es macht auch sehr viel Spaß sich auf ein Ziel zu konzentrieren. Nach der Vorstellung bereiten wir uns dann auf die Prüfungen im Mai vor. Ich bin schon sehr gespannt, wie das ablaufen wird, da ich noch nie eine Ballettprüfung mitgemacht habe. Ich bin gespannt, was noch auf mich zukommt. Der Winter hält ja jetzt noch ein bisschen an, aber im Frühling wird es wahrscheinlich mehr Aktionen geben, die man machen kann und ich freue mich schon darauf spazieren zu gehen und Radtouren zu machen, wenn es endlich warm wird.

Eure Jorid

 

Jorid verbringt als Stipendiatin von Experiment e.V. ein Schuljahr in Schweden.