Kiwis³ – Ein Leben am Ende der Welt

Was ist ein/e Kiwi? Eine Frucht? Ein Vogel? Ein Mensch? Sowohl als auch! Neuseeländer bezeichnen sich selbst als „Kiwis“ wegen ihrem Nationalsymbol, dem flugunfähigen Kiwi-Vogel. Und auch die „Kiwi Fruit“ trägt ihren Namen in Andenken an das liebe Federvieh. Tja, so viel solltest Du schon wissen, wenn du nach Neuseeland willst. Weißt Du überhaupt, was auf Dich zu kommt? Vielleicht hilft Dir mein kleiner Erfahrungsbericht dabei, einen Eindruck zu bekommen. Keine Angst, hier beißt niemand außer die Sandflies!

Neuseeland – um ehrlich zu sein, hatte ich selbst nur eine rudimentäre Vorstellung davon als ich mich zu meiner Reise ans andere Ende der Welt entschlossen habe. Irgendwie grün, sehr herr-der-ringe-mäßig, weit weg. Das war’s auch schon. Was soll ich sagen, das trifft es ziemlich gut!

Nach einem ca. 30stündigen Flug, bin ich Anfang Oktober 2011 in Wellington angekommen, an einem lauen Frühlingstag, der die schönste Stadt Neuseeland gleich im schönsten Sonnenlicht präsentiert hat. Die blaue Stadt zwischen den grünen Hügeln, da habe ich mich das erste Mal verliebt.

Die ersten vier Wochen habe ich in Lower Hutt, einem Örtchen ungefähr 20 Minuten von Wellington, bei einer Gastfamilie gewohnt und in der Wellington Business School einen Englischkurs besucht. Der Unterricht war keine Offenbarung, aber die Mitarbeiter waren unglaublich hilfsbereit und engagiert und meine Gastfamilie ein kleiner Glücksgriff. So konnte ich mich in aller Ruhe eingewöhnen und habe einen Einblick in eine echte Kiwi-Familie bekommen.

Da es in Lower Hutt und Wellington viel zu entdecken gab, war mir eigentlich nie langweilig, vor allem, weil schon ein einfacher Einkaufsbummel in einem fremden Land ganz schön spannend sein kann. Wer weiß schon, was zum Beispiel „Mehl“ auf Englisch heißt? Gleichzeitig wurden von der Schule auch viele Aktivitäten und Ausflüge organisiert. Über ein Wochenende sind wir nach Picton gefahren und mit Delfinen geschwommen, das war ziemlich cool.

Leider wurde die Wellington Business School ein paar Wochen später geschlossen, so dass Experiment e.V. jetzt mit einer anderen Schule zusammenarbeitet, über die ich nicht viel sagen kann. Wenn sie nur halb so gut ist, wie die WBS, dann solltest Du aber in guten Händen sein.

Ich bin jedenfalls nach einem unvergesslichen Monat in Lower Hutt nach Norden gereist, um in Taranaki mein erstes Projekt zu meistern. Fünf Wochen lang habe ich auf der Avonstour Rarebreed Farm in der Nähe von Stratford gelebt und gearbeitet. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass die Farm mitten im Auenland gelegen war mit Blick auf den einsamen Berg, so dass ich mich sofort ein zweites Mal verliebt habe.

Während meiner Zeit auf Avonstour habe ich sehr viel erlebt und gelernt. Ich habe Unkraut gejätet, Schafe getrieben und Enten gefüttert. Außerdem habe ich jeden Sonntag auf dem Farmers Market geholfen und dabei festgestellt, dass es ganz schön schwierig ist auf Englisch zu rechnen. Manche Aufgaben waren für mich kleines Stadtkind mehr als gewöhnungsbedürftig, zum Beispiel das Hühnerrupfen, aber jetzt habe ich eine viel bessere Vorstellung davon, wo und wie mein Essen entsteht.

Die Familie war sehr nett und hat einem das Gefühl gegeben, dazu zu gehören. Neben mir gab es auch immer noch andere Helfer und Besucher auf der Farm, so dass es trotz der Abgeschiedenheit nicht zu einsam wurde. Neben der Arbeit ist das Vergnügen auch nie zu kurz gekommen. Einmal sind wir in der Nacht Possums jagen gegangen, ein anderes Mal haben wir die Landwirtschafts- und Geflügelmesse in der nächsten Stadt besucht.

Nach der tollen Zeit in Taranaki war ich gespannt, wie das zweite Projekt werden würde. Diesmal hat es mich noch weiter nach Norden verschlagen, auf die Coromandel-Halbinsel. In Coromandel Town habe ich in der Gärtnerei der Driving Creek Railroad gearbeitet. Da habe ich vor allem Pflanzen eingetopft und Unkraut gejätet. Das war nicht schlecht, aber mein Chef war ein eher unkommunikativer Mensch, so dass ich mich oft nicht wie eine willkommene Hilfe gefühlt habe sondern mehr wie eine billige Arbeitskraft. Aber kochen konnte der Mensch ziemlich gut, das muss ich ihm lassen.

Zum Glück gab es auch in der Gärtnerei andere freiwillige Helfer, mit denen ich etwas unternehmen konnte, und, ganz wichtig, nebenan das Driving Creek Café, das zu meiner zweiten Heimat geworden ist. Ein ganz toller Hippieschuppen mit freiem W-LAN und dem besten Schokokuchen, den ich in Neuseeland gegessen habe. Alles in allem, möchte ich auch die Zeit in Coromandel nicht missen!
Nach meinen Projekten bin ich noch bis Ende April 2012 kreuz und quer durchs Land gereist und habe viel erlebt. Ich habe den Milford Sound gesehen, bin die steilste Straße der Welt in Dunedin hochgelaufen, habe in Kaikoura Robbenbabys beim Spielen beobachtet und bin Kajak gefahren im traumhaftschönen Abel Tasman National Park. Außerdem bin ich in Taupo aus einem fliegenden Flugzeug gesprungen und in Waitomo durch eine Höhle gekrochen, in der mir das Wasser bis zum Hals stand. Und in Neuseeland ist das alles nichts Besonderes!

Experiment e.V. hat mich bei meiner Reise sehr unterstützt, vor allem vor dem Abflug. Für Menschen wie mich, die noch nie im Ausland waren, ist der Verein eine echt gute Anlaufstelle für all die Fragen, die sich im Vorfeld so ergeben. Das nimmt einem tatsächlich einen großen Teil, der nicht ganz unerheblichen Nervosität am Anfang. Auf den Vorbereitungstreffen ist es außerdem einfach vorab schon einmal Kontakte zu knüpfen, damit man nicht das Gefühl hat, ganz allein zu sein, aber keine Sorge, als Backpacker trifft man sowieso immer und überall neue Leute.

Alles, was Du für einen erfolgreichen Neuseeland-Aufenthalt brauchst, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Sei offen! Ach, und: Don’t panic!