"Jetzt oder nie"

Als kleines Mädchen war Lehrerin mein Traumberuf. Und jetzt kurz vor der Rente dachte ich, jetzt oder nie, es wird höchste Zeit, daran zu schnuppern.

Gesagt, getan – Nach einem sehr interessanten und informationsreichen Vorbereitungsseminar von Experiment e.V. im Herbst starte ich gleich nach Neujahr meinen 3-monatigen Freiwilligendienst in Marokko. Der Flug dorthin über Paris verläuft ohne Vorkommnisse und ich lande pünktlich in der Hauptstadt Rabat bei Sonnenschein und angenehmer Temperatur von ca. 17°C. Ein Taxi bringt mich zu der Partnerorganisation (wo Karima übrigens immer erreichbar ist) und nach ein paar Orientierungsinformationen über Land und Leute holt mich meine Gastmutter ab. Meine vorübergehende Gastfamilie wohnt in der Medina (Altstadt) von Rabat und nimmt mich herzlich auf. Aufgrund eines kurzfristig einberufenen islamischen Feiertags muss ich eine komplette Woche in Rabat verbringen, bevor ich zu meinem eigentlichen Projektort weiterziehen kann. Diese erste Woche genieße ich bei milden Temperaturen und sonnengereiften Orangen. Die Woche ist zu kurz um diese wunderschöne Stadt zu erkunden.

Am 7. Tag nach meiner Ankunft darf ich weiterreisen, Richtung Atlas-Gebirge. Mein Projektort heißt Oulmes und liegt auf 1.200 m Höhe. Ein Taxi bringt mich dorthin, fast 3 Stunden durch die Berge, und kaum eine Ortschaft in Sicht. Das Wetter wird immer schlechter, dafür die Landschaft immer schöner. In Oulmes angekommen ist es um die 0°C bei Schneeregen. Der Ort hat ungefähr 7.000 Einwohner, ein College und ein Gymnasium, ein paar schöne Cafés und einen Park. Geschäfte wie in Deutschland gibt es nicht, Lebensmittel und andere Waren werden in kleinen Shops, auf der Straße und dienstags auf dem großen Souk (Markt) verkauft.

Meine Gasteltern, Abdellatif und Miriam, jeweils 36 und 21, erwarten mich mit einem herrlichen Hähnchen in Olivensauce und selbstgebackenem warmem Brot. Nach einer kurzen Ruhepause werde ich gleich mit meinem Lehrer-Betreuer vor Ort bekannt gemacht, der mir auch schon meine Aufgabe erklärt. Ich unterrichte nicht in einer Schule sondern helfe jeden Tag nach dem Unterricht den Kindern bei den Hausaufgaben bzw. gebe bei den älteren Schülern Konversationsstunden. Es spricht sich in der kleinen Stadt schnell rum, dass eine Französin vor Ort ist und die Nachfrage nach Unterrichtsstunden ist sehr groß. Nach Arabisch und der Berbersprache Tamazight wird Französisch als Amtssprache und 3. Sprache im Land unterrichtet. Die Kinder sind begeistert, kommen zwar nicht pünktlich aber regelmäßig zum Unterricht und wir haben viel Spaß miteinander.

Mein zweites Projekt bewegt sich rund um das Teppichweben. Mit meinen beiden „Chefs“ arbeite ich 3 Monate lang in einer kleinen kalten Garage und lerne, wie man aus 3 kg Schafswolle einen marokkanischen Teppich am Webstuhl anfertigt. Im Schnitt wird ein Teppich pro Tag gewebt, dies bedeutet körperliche Arbeit aber auch richtig Freude, wenn man am Ende vom Tag das Ergebnis sieht. Von meinen Kollegen bekomme ich auch einen „persönlichen“ Teppich zum Abschied, aus den vielen bunten Wollresten gewebt, den ich als Handgepäck nach Europa durchschleuse.

Meine Gast“groß“familie, die außer meiner Gasteltern, aus ca. 40 Mitgliedern besteht, ist super. Vom ersten Tag an bin ich herzlich willkommen bei allen und kann bei sämtlichen Müttern, Tanten, Omas, Kusinen, Schwägerinnen etc. ein-und ausgehen, werde als Familienmitglied betrachtet und zu allen Familienevents mitgenommen. Obwohl unser Häuschen ohne Heizung und ohne Warmwasser ist und die Temperaturen jede Nacht auf 0°C runtergehen, lerne ich, mich zu ernähren und anzukleiden wie eine richtige Marokkanerin, um nicht krank zu werden. Ein Besuch wöchentlich im Hamam macht sehr viel Spaß, genauso wie verschiedene Verwandtenbesuche in den Bergen, mit dem Esel weil der Bus nicht mehr hinkommt. Ziegen melken, Butter machen, Brot backen, Tajine und Couscous kochen, Minztee zubereiten und noch vieles mehr runden das Ganze ab. Neue marokkanische Freunde nehmen mich mit und zeigen mir Städte wie Meknes, Fes, Kenetra, Khermisset usw…
Dieser Aufenthalt war eine große Bereicherung in meinem Leben, die ich nicht missen möchte. Diese Monate haben mir ermöglicht, tiefe Einblicke in eine fremde Kultur und Gesellschaft zu bekommen und vieles zu verstehen oder aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Unzählige neue Menschen habe ich kennen gelernt, die alle warmherzig und gastfreundlich zu mir waren, mir offen und respektvoll entgegengekommen sind und denen ich an dieser Stelle herzlich für diese Aufnahme danke.

Und danke natürlich auch an die Organisation Experiment e.V., die mir diese Reise ermöglicht hat und mir im Vorfeld durch ein hervorragendes Vorbereitungsseminar viele Ängste genommen hat.