Ein Jahr Freiwilligendienst in Dänemark

Vor einem Jahr ungefähr kam ich in Hertha an. Hertha, das ist das Dorf, in dem ich arbeite. Es besteht aus einer Lebensgemeinschaft von behinderten und nicht behinderten Menschen, die in einer kleinen Dorfstruktur gemeinsam leben. An möglichst allen Dingen sind sowohl Menschen mit, als auch ohne Behinderung beteiligt, beispielsweise in den verschiedenen Workshops: Es gibt eine Gärtnerei, einen kleinen Bauernhof mit etwa zehn Kühen, eine Weberei und eine Bäckerei. Die Bäckerei sollte mein Arbeitsplatz werden. Doch als ich letzten Sommer hier ankam, wusste ich das noch nicht. Ich wusste nur dass ich das nächste Jahr hier verbringen sollte, in diesem Dorf, das zwar nett aussah, mir aber noch völlig fremd war.

Was in meiner ersten Woche alles passierte, weiß ich nicht mehr genau; zu viele Eindrücke, stürzten auf mich ein; und ich lernte viel zu viele Menschen kennen, deren Gesichter ich mir irgendwie merken sollte. Doch ein paar recht bruchstückhafte Erinnerungen habe ich noch: Zum Beispiel war ich an meinem ersten Tag so aufgeregt, dass ich beim Mittagessen gerade einmal eine Kartoffel herunter bekam. Und den ersten Tag in der Bäckerei verbrachte ich zu einem Großteil damit, die Knetmaschine für Teige sauber zu machen, weil ich offenbar sehr langsam darin war. Auch weiß ich noch, wie ich gemeinsam mit einer Frau die Aufgabe hatte, Müsli herzustellen. Was eigentlich keine schwierige Aufgabe ist – Haferflocken, Nüsse und Rosinen zusammen zu mischen – wurde jedoch zu einer echten Herausforderung, da ich noch kaum ein Wort dänisch kannte, und sie kein Englisch verstand. Mit viel Pantomime konnten wir uns dann am Ende doch irgendwie verständigen.

Auch werde ich nicht vergessen, mit wie viel Offenheit ich begrüßt wurde. Für viele der Behinderten war sofort klar, dass die neuen Freiwilligen nette Leute sein mussten, immerhin waren ja alle Freiwilligen bisher nett gewesen. Ich wurde daher von einigen sofort mit einer Umarmung begrüßt. Das erinnerte mich daran, wie ich einmal in der Schule von dem Freiwilligendienst erzählt hatte, den ich machen wollte. Ein Mitschüler sagte mir, dass die Arbeit mit Behinderten bestimmt nichts für ihn sei, da Behinderte oft „touchy“ seien. Doch obwohl ich im Allgemeinen nicht gerade die Person bin, die Berührungen übermäßig genießt (als Kind habe ich es zum Beispiel gehasst, gekitzelt zu werden), fand ich diese Umarmungen von (noch) Fremden nicht unangenehm, sondern einfach nett.

Auch die Leute, die am Anfang schüchtern waren, wurden natürlich mit der Zeit offener. Beispielsweise sollte ich einmal, als ich noch nicht lange hier gewesen war, mit einem Mann gemeinsam in der Bäckerei arbeiten, doch er sagte, er würde lieber allein arbeiten. Inzwischen arbeitet er gerne mit mir und erzählt jedem, der es hören will, dass wir ein Dreamteam sind.

Auch kulturell konnte mir Hertha einiges bieten. Immer wieder finden Konzerte statt, beispielsweise treten hier verschiedene Chöre oder andere Musiker auf. Besonders lohnenswert waren auch die Theateraufführungen. Von der „Zauberflöte“ über „Mamma Mia“ bis hin zum dänischen Klassiker „Jeppe på Bjerget” war während der Zeit, die ich hier war, alles dabei. Dabei ist es toll, den Fortschritt zu sehen: Am Anfang laufen mehr oder weniger alle verwirrt durcheinander, und am Ende steht ein Stück auf der Bühne, dass sich wirklich sehen lassen kann. Und es ist beeindruckend, wie jemand, der sonst stark stottert, plötzlich auf der Bühne überhaupt nicht mehr stottert, oder wie jemand, der meistens ziemlich schüchtern ist, auf der Bühne sehr selbstbewusst auftritt.

Ein besonderer Höhepunkt dessen war, dass wir auf einer großen Bühne vor einem etwa 400-köpfigen Publikum spielten. Wir hatten die Gelegenheit, vor Publikum aus ganz Skandinavien aufzutreten, welches sich zu einem Festival für Menschen mit Behinderung versammelt hatte. Bei diesem Festival steht Kunst, Sport und Kultur genauso im Vordergrund, wie Menschen aus anderen Ländern zu treffen. Bei dieser Gelegenheit lernte ich, dass ich mit dänisch eine Sprache gelernt habe, die es mir möglich macht, auch schwedisch und norwegisch größtenteils zu verstehen.

Übrigens – das mit der Sprache kam bei mir mehr oder weniger automatisch. Ich hatte vor Beginn meines Freiwilligendienstes ein bisschen mit Internet-Sprachkursen geübt und hatte deshalb schon ein paar kleine Grundlagen drauf, aber viel war es nicht. In den ersten paar Wochen saß ich bei Gesprächen immer daneben und habe mir gedacht, wie lustig diese Sprache klingt. Doch mit der Zeit hörte ich mich in die Sprache ein und stellte fest, dass es für Leute, die schon deutsch können, keine große Schwierigkeit ist, dänisch zu lernen. Ich besuchte auch einen Sprachkurs, doch muss ich sagen, dass mir das tägliche Sprechen mehr gebracht hat als der Kurs. Mein dänisch ist bestimmt nicht perfekt, aber ich komme im Alltag gut zurecht.

Die ersten fünf Monate meines Freiwilligendienstes hatte ich Dänemark nicht ein einziges Mal verlassen, doch im Dezember ging es für mich dann das erste Mal zurück nach Deutschland. Der Moment, als ich im Bus sitzend die Grenze nach Deutschland überquerte, war sehr seltsam. Es fühlte sich ein wenig so an, als würde ich mich auf der Reise von einem Leben in ein anderes befinden. Die Vorfreude, meine Familie wiederzusehen, vermischte sich mit dem Gedanken, wie schade es doch war, Dänemark zu verlassen – auch wenn ich natürlich wusste, dass ich nach Weihnachten wieder zurück nach Dänemark reisen würde.

Seitdem war ich noch ein paar Mal mehr in Deutschland, und das Gefühl, dass ich zwei verschiedene Leben habe, ist nicht mehr ganz so stark. Als mich meine Familie dann hier in Dänemark besuchte, meinte ein ganz kleiner Teil in meinem Inneren allerdings doch noch, dass meine Familie jetzt in mein anderes Leben eindringen würde. Der restliche Teil von mir fand es hingegen großartig, meiner Familie all das zu zeigen, was seit einem dreiviertel Jahr für mich Alltag war und was meine Familie doch nur aus Erzählungen kannte.

Nun stehe ich kurz davor, Hertha zu verlassen, welches für das letzte Jahr mein zuhause war. Ich habe immer noch kein richtiges Gefühl dafür entwickelt, dass mein Jahr in Hertha schon in ein paar Tagen vorbei ist. Doch ich weiß, dass ich Hertha mit allen lieben Menschen vermissen werde und mich nichts davon abhalten wird, zu Besuch wieder herzukommen. Danke, Hertha, für ein wunderbares Jahr!

Swantje

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Landschaft in Dänemark