IJFD-Zwischenbericht: Sechs Monate in dem Land mit tausend Gesichtern

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Freiwilligendienst in Indien

Das ewige Grün des tropischen Südindiens zieht an meinen Augen vorbei. So schön ist diese Naturpracht, dass ich mich gar nicht satt sehen kann. Mit den zwischen Palmen auftauchenden Häusern und kleinen Shops, die in unseren Augen etwas heruntergekommen aussehen, tauchen auch in meinem Kopf Fragen auf. „Bist Du wirklich bereit dafür? Weißt Du, was alles auf Dich zukommen kann?“ Das erste Mal habe ich soeben indischen Boden betreten und werde jetzt mit der Gruppe von Freiwilligen in das Camp von FSL gebracht, wo unser einwöchiges Orientierungsseminar auf uns wartet.

Angekommen sind alle fasziniert von dem schönen, direkt in der Natur liegenden Center, in dem wir von unglaublich aufgeschlossenen und netten FSL-Teamern willkommen geheißen und auf unseren Aufenthalt in diesem vielseitigen Land vorbereitet werden. Das geschieht durch Kennenlernspiele, Workshops und Sessions, die alle wichtigen Themen abdecken: Sowohl der Lebensstil in Indien, Wertschätzung der Kultur, Verhaltensregeln- und Tipps, kurze Einführungen in den Hinduismus und die indische Pädagogik, als auch persönliche Vorbereitungen auf die emotionale Belastung, die bei dem einen oder anderen wahrscheinlich etwas stärker ausgeprägt sein wird. Bei mir persönlich ist das zum Glück nicht der Fall. Ich habe mich sehr gut mit meinen sechs Monaten angefreundet und kann es kaum erwarten, was ich in diesem vielseitigen Land alles erleben und sehen werde. Je mehr Zeit ich hier verbringe, desto wohler und sicherer fühle ich mich hier. Das schwappt auch bis nach Deutschland auf meine Familie über, die nach jeder Nachricht etwas beruhigter wird. Allgemein habe ich den Eindruck, dass FSL India den perfekten Rahmen schafft, um sich sicher zu fühlen und sich orientieren zu können und trotzdem bleibt genug Freiraum für eigene Vorhaben und Wochenendreisen, sodass ich auch außerhalb meiner schönen Stadt noch etwas von Indiens Vielfältigkeit mitkriege.

In Mysore habe ich mich von Anfang an sehr wohl gefühlt, vor allem weil die Stadt für indische Verhältnisse als sehr saubere und kühle bekannt ist. Das Schönste ist aber, welches Glück ich mit meiner Gastfamilie habe: Seit dem ersten Tag wurde ich herzlich in der vierköpfigen Familie willkommen geheißen und fühle mich, als hätte ich am anderen Ende der Welt ein zweites Zuhause gefunden – ein unglaublich überwältigendes Gefühl. Als erste Freiwillige wird mir alles erklärt, Familienalben von Hochzeiten gezeigt, ich habe ein Kochbuch mit Rezepten von meiner Gastmutter angefangen, weil ihre indischen Gerichte einfach unglaublich gut schmecken. Wenn ich nach Hause komme, rennen mir die beiden Kleinen freudig entgegen und wollen ihre Lieblingsspiele mit mir spielen, am liebsten jede freie Minute. Auch die Oma hat tierischen Spaß an dem „Mensch ärgere dich nicht“-Spiel aus Deutschland, das inzwischen zu unserer Abendroutine geworden ist. Die Oma kann im Gegensatz zu ihren unbarmherzigen „Rausschmeißattacken“ im Spiel im echten Leben wirklich liebevoll sein, indem sie mir, wenn mich mal eine Erkältung erwischt, Tee ans Bett bringt und extra Essen kocht, das „very good for health“ sein soll. Ich wohne für zwei Monate mit einer Mitfreiwilligen aus Deutschland zusammen in einem Zimmer, was auch sehr gut funktioniert. Es ist schön jemanden zu haben, mit der man reden kann und zusammen nach Hause geht usw. Die Situation in der Gastfamilie könnte für mich also nicht besser sein und ich möchte gar nicht an den Abschied denken.

Ich bin in einer NGO namens ‚Don Bosco‘ eingesetzt, die sich zusammen mit den United Nations und UNICEF für Kinderrechte einsetzt. Es gibt mehrere Programme, die für Schulabbrecher, ärmere und ungebildete Jugendliche und ehemalige Kinderarbeiter ausgelegt sind. Um diese Jugend an die Bildung heranzuführen, gehen meine Mitfreiwillige und ich mit den Lehrern durch ärmere Gebiete und Slums, in denen sie Informationen über die Trainingsprogramme von Don Bosco geben. Wir begleiten zwar nur, aber es ist von der persönlichen Erfahrung sehr wertvoll, denn so bekommen wir die Chance, auch andere Teile der Stadt zu sehen und vor allem mehr über das tägliche Leben in Indien zu erfahren. Egal, wie arm die Familie ist, die Gastfreundschaft ist oberstes Gebot und das ist unglaublich zu sehen. Auch wird einem noch mehr bewusst, wie anders das Leben verläuft, wenn man an einem anderen Fleck der Erde geboren wurde. Viele Bilder, die ich bei der Arbeit vormittags sehe, regen mich sehr zum Nachdenken an. Es ist ein sehr schönes Gefühl, Mädchen zur Schule kommen zu sehen, die man zuvor in ihrer Familie besucht hat, zuhause arbeitend oder schon früh verheiratet. Dabei spielt es für die christliche Organisation keine Rolle, welcher Religion die Schüler angehören. Viele der Lehrer haben ähnliche Geschichten wie die Schüler hinter sich und wurden vom Father der Organisation aus der Kinderarbeit gerettet. Allein das inspiriert selbst Gutes zu tun, um etwas zurückzugeben und den Kindern eine gute sichere Zukunft zu verschaffen. Wenn man mal nachdenkt, mit was die meisten von uns in Europa beschenkt werden, ist es eine ganze Menge, was man zurückgeben kann.

Das Verhältnis zu den Kollegen in der NGO sowie in der anderen Schule, in der ich eine Stunde am Tag ‚Basic English Grammar‘ unterrichte, ist sehr gut. Das Unterrichten an sich war am Anfang eine sehr große Herausforderung für mich, da es das erste Mal für mich war vor einer 5., 6. und 7. Klasse mit 50 indischen Schülern zu stehen, ohne zu wissen, wie weit sie im Englischen sind. Da es auch keine Einführungszeit gab, musste ich selbst Initiative ergreifen und ich habe mir ein englisches Grammatikbuch einer Lehrerin ausgeliehen, das jetzt als Grundlage meines Unterrichts dient. Da ich täglich die letzte Stunde des Tages habe, in der inhaltlich nicht mehr so viel gemacht wird, versuche ich die Grammatik mit Spielen, Mindmaps und Aufgaben aufzulockern. Für mich ist es schwierig, den Grad zwischen ‚zu verspielt‘ und ‚zu trocken‘ zu finden, da ich auf mich allein gestellt bin. Inzwischen habe ich einen Weg gefunden, Dinge auf die ich Wert lege, wie Hörverstehen oder Lernen vor der Klasse zu sprechen und zu präsentieren, umzusetzen. Es fühlt sich für mich sinnvoller an, solche Dinge zu machen, die das Selbstbewusstsein der Schüler stärken, da die indische Pädagogik meist nur auf die Gruppe, weniger aber auf die Individuen, eingeht. Auch meine Bastelvorschläge kamen bisher bei den Lehrern und Schülern gut an.

Mit der „local language“ Kannada komme ich inzwischen ganz gut klar, obwohl ich keine Kannada class bekomme, ist es mir möglich, die wichtigsten Wörter aufzuschnappen und sie anzuwenden. So kann ich zur Überraschung und großer Freude der Einwohner zumindest kleine Gespräche führen und auch das ein oder andere Geschäft auf dem Markt lässt sich mit den richtigen Sprachkenntnissen viel preiswerter machen. Apropos Markt: Ich bin ja, wie gesagt, eine der glücklichen Freiwilligen aus Mysore, das heißt ich kann mich nachmittags nach der Arbeit mit anderen Freiwilligen auf dem Räucherstäbchen-, Obst- und Gemüsemarkt treffen und bei einem Becher Chai über unsere Projekte reden oder den netten Verkäufer nach Preis-, Reise- oder Verhaltenstipps fragen.

Ich merke selbst an mir, dass ich generell viel aufgeschossener werde und es mir viel leichter fällt andere Menschen anzusprechen. So kommen viele neue und schöne Bekanntschaften zustande, die sich teilweise zu einer Freundschaft entwickeln. Egal ob mitten auf der Straße, beim Schuhputzer oder mit Mädchen, die man jeden Tag im Bus sieht, überall wird man angesprochen oder einfach nur mit einem freundlichen `Welcome to India` oder ´Hast du gegessen?` begrüßt, was hier in einem Land, das viel von Armut geprägt ist, die wichtigste Frage ist. Das tägliche Leben wird trotz des Alltags nicht langweilig, da durch die ganzen Festivals, die in Indien gefeiert werden, immer was anderes los ist. Auch Wochenendtrips machen die Zeit hier sehr abwechslungsreich. So habe ich an einem International Team Leader Training von FSL India teilgenommen, durch das ich jetzt in der Lage bin, Workcamps für Freiwillige selbst mit zu leiten. Diese Erfahrung in der Multikulti-Gruppe war sehr bereichernd und ich plane ein solches Workcamp an meinen Freiwilligendienst anzuschließen, um noch mehr Erfahrungen zu sammeln und die Arbeit zusammen mit einem Team leiten kann. Ich hoffe, dass ich dabei noch mehr über mich hinaus wachse. Für mich ist das ein sehr positives Zeichen, dass ich eigentlich noch länger hier bleiben könnte. Ich habe Indien und das Leben hier schon sehr in mein Herz geschlossen. Verschönerungsarbeit in der Schule und ein Umweltprojekt ist in Planung, wird aber erst im zweiten Teil meines Aufenthalts und mit der Erlaubnis des Schulleiters umsetzbar.

Marta