"Ich würde sofort dorthin zurückkehren" - Sechs Monate IJFD in Indien

Lena verbrachte sechs Monate in Mysore im Süden Indiens und arbeitete im Bildungsprojekt "Don Bosco Makkalalaya" als Lehrerin.

Sechs Monate. Eine lange, erfahrungs- und lehrreiche Zeit. Diese nun in passende Worte zusammenzufassen ist wahrhaftig eine kleine Herausforderung. Aber haben wir nicht so einige anspruchsvolle Aufgaben in dem vergangenen halben Jahr bewältigt? Tiefpunkte konkurrierten mit überwältigten Höhepunkten, Freude und Motivation trafen auf Trauer und Frust. Nicht immer lief alles glatt. Doch was zählt ist das Gesamtbild, die Erinnerungen, die einem bleiben. Und an diesem Punkt muss ich klarstellen, dass vor allem die Positiven mir tagtäglich durch den Kopf schwirren. Selbst die Negativen betrachtet man im Nachhinein aus einer humorvollen, amüsierten Sichtweise. Denn Fakt ist: Ich würde sofort dorthin zurückkehren.

Ich möchte gerne von einem Ort erzählen, bei dem ich mich stets geborgen, willkommen und zuhause gefühlt habe. Ein Ort, der meinerseits ein familiäres Gefühl in mir erweckte, welches mir bei meiner Gastfamilie manchmal gefehlt hatte. Mein Projekt. Eine Institution, welche sich um frühzeitige Schulabgänger kümmert, diese von der Straße zurück in die Schule holt und ihnen einen freien Zugang zu Bildung gewährt. Programme aller Art standen an der Tagesordnung. Das Nachholen des Schulabschlusses, das Erlernen von sogenannten „Life Skills“, Umgang mit dem Computer und viele weitere Angebote wurden einem bei Don Bosco Makkalalaya offengelegt. Das Projekt wurde durch Spenden finanziert, die Lehrer arbeiteten zum Teil freiwillig. Brüderlich und schwesterlich wurde zu jeder Mittagsstunde das Essen geteilt. Der Umgang untereinander war sehr respektvoll und herzlich, ein hohes Maß an Disziplin und Engagement wurde von Father, unserem sehr engagierten und motivierten Projektleiter gefordert. Ein gutes Benehmen stand an der Tagesordnung und auch die streng zu befolgende Pünktlichkeit war eher untypisch für indische Institutionen. Diese Disziplin ließ mich aber die Professionalität und Seriosität hinter meinem Projekt erkennen. Von den Schülern wurde viel Wertschätzung, Einsatz und Teamgeist verlangt. Werte wie Nächstenliebe, Ehrlichkeit, Fairness, Selbstverantwortung, Zielstrebigkeit und Zuverlässigkeit wurden gepriesen, so stand auch die individuell persönliche Entwicklung der Schüler im Fokus. Die Bescheidenheit von Father Francis John, seine fortwährend positive Art und seine Weisheit bewunderte ich stets aufs Neue. Ein Mann der Inspiration. Empathisch und stets mit vollem Einsatz dabei, bemerkenswert bei einem Alter von über 80 Jahren.

Mein Projekt und meine dortigen Mitmenschen werden in meinem Gedächtnis immer präsent bleiben, und mir Kraft schenken, wenn ich neuen Herausforderungen gegenüberstehe. Jeder solle die Chance nutzen sein Leben sinnvoll zu gestalten, wurde den Schülern tagtäglich bei der morgendlichen Meditation mit auf den Weg gegeben. Mir halfen die inspirierenden Ansprachen am Morgen immer um auf die wichtigen Dinge im Leben zu fokussieren und seinen Träumen und Wünschen mit Selbstvertrauen nachzugehen.

Meine Tätigkeit bestand darin zu unterrichten. Die Schüler waren teilweise ein ganzes Stück älter als ich. An diese Tatsache musste ich mich anfangs erstmal gewöhnen. Dennoch waren diese mir gegenüber immer sehr respektvoll gewesen. Anfängliches Unterrichten war von leichter Unsicherheit und Nervosität geprägt. Ich habe mir häufig die Frage gestellt, ob ich hierfür überhaupt qualifiziert war. Mit der Zeit wurde mir jedoch immer deutlicher, dass nicht das Alter, sondern das Bemühen das vorhandene Wissen zu teilen, im Vordergrund stand. Die Schüler ließen mich deutlich ihre Dankbarkeit spüren, was mir Kraft und Mut gab. Mit der Zeit bereiteten mir spontane, unvorbereitete Unterrichtsstunden keine Bauchschmerzen mehr. Ich lernte mir selbst und meiner Fähigkeit zu unterrichten zu vertrauen. Mein Selbstbewusstsein wuchs immens, was auch an dem vielem positivem Feedback lag, welches ich erhielt. Geduld, Empathie, Kreativität und Verantwortungsbewusstsein waren mir bei meiner Arbeit als Lehrerin hilfreiche Eigenschaften. Auch wenn meine täglichen zwei bis drei Unterrichtsstunden mich von der Menge her deutlich nicht überforderten, hatte ich das Gefühl einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen. Ich bereitete die Schüler auf ihre Englischprüfungen vor, war stolz, als ich viele dieser bestehen und ihre schulische Laufbahn fortsetzen sah. Ich denke im Lehrerberuf hast du die Möglichkeit viel in dem Leben der Schüler zu bewirken, ins besonders was ihre Motivation und Selbstvertrauen angeht.

Die Betreuung von FSL India war konstant immer sehr gut gewesen. Zumindest in Mysore habe ich immer einen verständnisvollen Ansprechpartner gehabt, welcher stets sehr bemüht war eine gute Unterstützung zu sein. Meine zwei Koordinatoren waren sehr offene, liebenswerte Menschen, die mich auch in schwierigen Situationen begleiteten wie beispielsweise Krankenhausbesuche oder mir nach dem Verschwinden meines Portemonnaies halfen.

Den indischen Alltag habe ich mit Offenheit und Ruhe versucht zu meistern. Die langen und überfüllten Busfahrten, schwache bis sehr starke Magenprobleme, das tägliche Feilschen auf dem Markt, Essen mit der rechten Hand, waschen mit dem Eimer, bettelnde Mütter mit ihren Kindern auf dem Arm, teils sehr schlechte Hygienebedingungen, verwandelten sich von Herausforderungen zu Gewohnheiten! Vieles ist einem nach einer Weile vertraut, vieles bleibt einem jedoch auch bis zum Ende fremd. So ist mir die Indische Mentalität stets noch ein Rätsel. Vieles beruht auf Tradition, weniger auf logisches Denken. Dies steht im krassen Kontrast zu unserer deutschen Lebensweise. Manchmal hatte ich das Gefühl einer völlig verqueren Denkweise gegenüberzutreten. Schlussendlich wurde an dieser Stelle aber auch mein Interesse erweckt. Viele Verhaltensmuster wurden von mir übernommen. Der wackelnde Kopf, die große Vorsicht mit den Füßen, der sehr direkte Umgang und das genaue Beobachten seiner Mitmenschen, die knappe Ausdrucksweise in der englischen Sprache, eine große Vorliebe beim Essen mit der rechten Hand, ein ungewohnt großes Interesse an Preis- und Essensdetails und die innere Ruhe und Gelassenheit in schwierigen, nervenaufreibenden Situationen. Ein Hoch auf das ‚No Problem‘, welches alle Probleme des indischen Alltag in Luft aufzulösen schien.

Im Sinne des Globalen Lernens habe ich vieles mitgenommen. Erschreckenden Umweltproblemen war ich tagtäglich ausgesetzt. Die Fahne des naheliegenden brennenden Müllberges stieg nicht selten hoch in mein Zimmer. Die Menschenrechte waren nicht vergleichbar mit den unseren in Deutschland und auch die Rollenverteilung von Mann und Frau fand zu einem großen Teil noch auf sehr konventioneller Ebene statt. Miserable Zustände der Straßenhunde und Straßenkatzen ließen einen kalten Schauer meinen Rücken runterlaufen. Ich habe an Aufklärungsmärschen teilgenommen, welche dazu dienten, Hygienebedingungen aufzuklären, und an Postkartenaktionen partizipiert, welche die indische Regierung dazu aufforderten für mehr Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Sicherheit im eigenen Land zu sorgen.

Außerdem habe ich verstanden, dass ein Land die unterschiedlichsten Facetten aufweisen kann. Indien ist ein Land voller Vielfalt und Kontraste, wo die Moderne auf Tradition trifft. Reich auf Arm. Westliche auf östliche Kultur. Diese gegensätzlichen Welten erlebte ich am eigenen Leibe. Meine letzten Monate waren von regelmäßigen Wochenendausflügen nach Bangalore geprägt. Eine Stadt, welche alles zu bieten hat. Hier haben sich westliche Perspektiven und Lebensweisen verbreitet und zu einem großen Teil durchgesetzt. Der Wechsel zwischen Mysore und Bangalore hat sich stets befremdlich angefühlt.

Ich habe an Diskussionen über die Vor- und Nachteile einer arrangierten Ehe teilgenommen. Habe die deutsche Bildung mit der indischen Bildung vergleichen können. Nicht nur bezüglich der angebotenen Bildungspalette, sondern auch was dessen Wertschätzung betrifft. Das friedliche Miteinander verschiedenster Religionen kennengelernt und bewundert. Den Unterschied von einem größtenteils noch auf Tradition beruhenden Staates und einem von Tradition fast befreiten Staates kennengelernt. Traurigkeit wurde in mir erweckt, als mir das geringe Bewusstsein für Tradition in Deutschland bewusst wurde. Ich wünsche mir, dass dieses Bewusstsein in Indien bestehen bleibt, aber dennoch Offenheit gegenüber Neuem gegeben ist.

Mitnehmen werde ich eine fortwährende Bescheidenheit und friedfertige Grundeinstellung, ein Gefühl von Wertschätzung, dass wir in ein solch luxuriöses Leben hineingeboren wurden. Vieles wird hier als so selbstverständlich angesehen, was man in einer anderen Kultur, in einem anderen Land oftmals hart erkämpfen muss. Die Freude am Teilen wird mir hoffentlich noch lange erhalten bleiben. Flexibilität und Spontanität, was ungewohnte und fremde Situationen betrifft, eine gewisse Durchsetzungskraft ohne welche man im indischen Alltag untergegangen wäre und Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem.

Ich betrachte meinen IJFD als sinnvollen Einsatz, als eine gute Möglichkeit sich selbst weiterzuentwickeln und zu lernen mit schweren und fremden Situationen umzugehen. Der Horizont wird in solchem Umfang erweitert, wobei sowohl die guten, als auch die schlechten Erfahrungen dazu beitragen! Ich wurde im Projekt mit herzlichen Armen empfangen und meine Tätigkeiten als Lehrerin wurden sehr geschätzt.

Indien erweckte in mir Faszination und Bewunderung. Das anfangs derart Fremde hat sich zu einem Teil von mir entwickelt. Es gibt so viele kleine Dinge, welche mir in meinem deutschen Alltag nun fehlen. Ganz vorne stehen die indische Herzlichkeit und das gut gewürzte Essen. Der von mir anfangs als hektisch, chaotisch und lautstark wahrgenommene indische Alltag hat sich als eine von Gelassenheit geprägten und von Stress befreiten Welt offenbart, welche tief in meinem Herzen immer präsent sein wird. Wann ich dorthin zurückkehren werde ist nur eine Frage der Zeit.