„Ich lerne jeden Tag dazu“ – IJFD in Mexiko

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IJFD in Mexiko Reittherapie

Ich bin nun seit drei Monaten in Mexiko, genauer gesagt in Santiago de Querétaro, und arbeite in einem Projekt, welches Reittherapie für behinderte Kinder für nur sehr wenig oder gar kein Geld anbietet. Der Stall, die Cuadra Don Antonio, bietet aber auch normale Reitstunden an, deren Gewinn dann wiederum dazu verwendet werden kann, die Stipendien für die Reittherapie zu finanzieren. Denn so wird es auch behinderten Kindern aus den mittleren und unteren sozialen Schichten ermöglicht, das Angebot der Reittherapie wahrzunehmen.

Vielleicht fragt sich nun der ein oder andere, was denn Reittherapie genau ist, wie das abläuft, wie es den Kindern hilft und worin meine Aufgabe besteht. Wenn ich ehrlich bin, wusste ich das vor meiner Zeit in Mexiko auch nicht. Ich konnte mir darunter nichts Genaues vorstellen, weiß jetzt aber, dass es zum Beispiel darum geht, die Balance und das Gleichgewicht der Kinder zu stärken oder durch spezielle Bewegungsabläufe ihre Bewegungsfreiheit zu vergrößern. Außerdem kann durch den Kontakt mit Pferden ihr Verständnis und ihre Rücksichtnahme auf andere Lebewesen, seien es Menschen oder Tiere, erweitert werden. Abgesehen davon wird auch daran gearbeitet, ihre Konzentrationsfähigkeit zu erhöhen und sie zu beruhigen, so dass sie nach der Therapie einen ruhigen Gemütszustand haben. Dies ist zum Beispiel auch eine der Veränderungen, welche sich am schnellsten beobachten lässt, nämlich oftmals direkt nach der Therapie.

Allgemein ist das einer der schönsten Teile meiner Arbeit, die Fortschritte wahrzunehmen, zu merken, wie die Kinder Vertrauen zu mir fassen, von sich aus meine Hand greifen, mir unbedingt ihr Lieblingsspielzeug zeigen wollen oder auch, wenn sie einfach nur begeistert bei der Sache sind. So kommt es auch schon vor, dass ich einen fetten Kuss auf die Backe gedrückt bekomme, einer meiner kleinen Jungs nicht von meinem Arm runter will oder es auch mal zu Tränen kommt, weil jemand nach der Therapie nicht nach Hause will.

Doch natürlich machen nicht nur meine Kinder Fortschritte, auch ich lerne mit jeder Therapie dazu. Die ersten Tage hier war ich zum Beispiel hauptsächlich stummer Beobachter, habe dann damit begonnen, das Pferd während der Therapie zu führen und inzwischen übernehme ich auch Therapien selbstständig und darf den Kindern die Anweisungen geben. All das macht mir bewusst, weshalb ich hier bin und weshalb ich mich für diesen großen Schritt entschieden habe. Es macht mich so glücklich, die Fortschritte, die Veränderungen meiner Kinder sehen zu können, und es gibt mir das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Etwas, für das es sich lohnt, jeden Morgen aufzustehen.

Die andere Seite, meine persönliche Veränderung, zeigt mir, dass ich gelernt habe, mich anzupassen und nun soweit bin, dass meine Chefin mir vertraut, mir Aufgaben überträgt und ich bei Krankheit auch zum Teil alleine arbeiten darf.

All das, also auch, dass mir mit diesem Bericht plötzlich siedend heiß bewusst wird, dass bereits die Hälfte meines Aufenthaltes hier vorbei ist und ich mich komischerweise gar nicht so sehr darüber freue wie ich anfangs in meiner Eingewöhnungs- und Heimwehphase dachte, beweist mir, dass ich hier angekommen bin. So richtig. Ich habe mir hier langsam ein Leben, einen Alltag aufgebaut. Ich fühle mich hier wohl, bin glücklich und will gar nicht mehr daran denken, dass meine Zeit hier sich schon bald dem Ende zuneigt.

In meiner Freizeit gehe ich oft in den schönen kleinen Park in meiner Nachbarschaft und treffe mich mit einem Freund im Zentrum. Anfangs hat mir nach diesen Treffen immer der Kopf gedröhnt vor lauter Spanisch-Input. Inzwischen bemerke ich aber auch die Fortschritte, die ich durch so viele intensive und direkte Konversationen erreichen konnte und freue mich darüber natürlich sehr. Generell ist das hier, glaube ich, die beste Art und Weise eine Sprache zu lernen und sich Vokabeln aus möglichst vielen verschiedenen Bereichen und Wortfeldern anzueignen. Abgesehen davon liebe ich es, Zeit im Zentrum von Querétaro zu verbringen, durch die Straßen und Gassen zu schlendern, die Menschen zu beobachten, hier und da mich mal in die Sonne zu setzen, mich vom Treiben der Menschen abzusondern und einfach den Gedanken freien Lauf zu lassen. Denn selbst nach vollen drei Monaten hier entdecke ich noch immer mir bisher unbekannte Orte, Cafés und kleine Läden. Allgemein kann ich nur sagen, dass auch wenn ich mich hier gut eingelebt habe und inzwischen eine Art Alltag eingekehrt ist, mein Leben hier ein täglich neues Abenteuer ist und bleibt.

So kommt es auch, dass meine Zeit hier viel zu schnell vergeht. Ich habe bisher viel zu wenig von Mexiko gesehen, und auch wenn ich hier so langsam den Dreh raus habe und mir einbilde, zu wissen, wie alles funktioniert, kenne ich doch bisher nur einen so kleinen Teil von Mexiko, der Kultur, der Geschichte, von allem. Mein Plan ist, eventuell noch eine Art Back-Kurs bei meiner Chefin zu nehmen, beziehungsweise generell mich noch in der mexikanischen Küche zu üben. Genauso würde es mir sehr gefallen, einen Tanzkurs zu machen, um mir zumindest einen Teil der Lateinamerikanischen Tanzkünste anzueignen, denn gerade mit lokaler mexikanischer Musik fühle ich mich sehr mexikanisch-heimelig.

Ich glaube, ich könnte mein komplettes Leben hier in Mexiko verbringen und würde nie aufhören Neues zu entdecken und Abenteuer zu erleben. Ich bin unglaublich glücklich, diese Möglichkeit, ein anderes Land so intensiv kennenzulernen, haben zu dürfen und glaube diese inzwischen auch gebürtig wertzuschätzen. Denn hier bin ich auf viele Menschen getroffen, die noch nie in ihrem Leben außerhalb von Mexiko waren. Dies macht mir natürlich deutlich, welches Privileg ich doch besitze diesen Freiwilligendienst durchführen zu können.

Ich bin voll von Freude, Dankbarkeit, dem zufriedenen Gefühl für meine Kinder hier zu sein und der Aufregung auf alles, was noch kommen wird. Denn dieses Gefühl, welches durch meine Arbeit ausgelöst wird, wenn zum Beispiel meine Kinder bei meiner Abwesenheit nach mir fragen, kann ich gar nicht beschreiben. Auf jeden Fall habe ich noch lange nicht genug von meinem Leben hier!

Nora