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Bäume

Ein ganzes Jahr in Schweden

Ein ganzes Jahr nach Schweden! In ein Land in dem ich vorher noch nie war, was für mich aber ein weiterer Grund war, warum es gerade Schweden sein sollte. Ich wollte unbedingt in den Norden. Die Fremde zieht mich nun mal besonders an und dabei eine Sprache zu lernen für die es in der Schule kein Angebot gab, erschien mir reizvoll und nach einer einzigartigen Möglichkeit.

Ich hatte mir fest in dem Kopf gesetzt, mit dem Zug anzureisen und so begann meine Reise am Berliner Hauptbahnhof auf dem Bahnsteig des Nachtzuges nach Stockholm Central. Ich war vorher noch nie alleine Nachtzug gefahren, aber ich freute mich auf ein Abenteuer. Allerdings hatte ich im Großraumabteil gebucht, weswegen es sich nicht wirklich nach einem Nachtzug anfühlte. Aber ich hatte glücklicherweise zwei Sitze für mich alleine auf die ich mich halbwegs bequem legen konnte und sogar ein wenig schlief. Ich musste dann ganz frühmorgens in Malmö aus dem Zug aussteigen, weil sich dort anscheinend die Wagenreihe änderte um dann den Rest bis Stockholm auf einem anderen Platz zu verbringen. Die grüne, mit Seen übersäte Landschaft die ich aus dem Zugfenster sah, stimmte mich schon euphorisch und in Stockholm klappte der Umstieg in den Zug, der mich zu meiner Gastfamilie bringen sollte, glücklicherweise reibungslos. Ich wurde dann am Bahnhof von meiner Gastmutter und meiner jüngsten Gastschwester, die 8 Jahre alt ist, abgeholt. Wir fuhren mit dem Auto zum kleinen roten Haus in einer Siedlung etwas außerhalb der Kleinstadt, wo ich meinen Gastvater, meine andere Gastschwester (10 Jahre) und die beiden Katzen kennenlernte.

Der Wald, in dem es im Sommer massenhaft Heidelbeeren und Preiselbeeren gibt und der ein bisschen aussieht, wie ein verwunschener Märchenwald, ist hier nicht weit entfernt. Eine Sache, auf die mich meine Gastfamilie gleich am Anfang mitnahm, die unter den Schwed*innen sehr beliebt ist, war einen Ausflug in den Wald um dort bei einem kleinen Unterstand, die es vereinzelt gibt, Würstchen überm Feuer zu grillen. Außerdem gab es Fika. Fika – ist ein wesentlicher Bestandteil der Schwedischen Kultur. Wenn man das Wort bei Google Translate eingibt, spuckt es „Kaffee“ aus, was aber nicht im Geringsten das einfasst, was Fika wirklich ist. Das Wort ist eigentlich unübersetzbar ins Deutsche. Fika bedeutet in Schweden, wenn man in Gesellschaft zusammensitzt, etwas trinkt (das beliebteste Getränk in Schweden ist dabei Kaffee, schwarz und aus der Filtermaschine) und dazu etwas isst. Wie zum Beispiel Zimtschnecken, Prinzessinnentorte oder eine der anderen vielen schwedischen Fika-Kreationen.

Sogar noch vor meinem ersten Schultag durfte ich die Schule schon mal sehen und wurde von meiner zukünftigen Mentorin herumgeführt und bekam einige Informationen. Da ich ins Gesellschaftskundeprogramm gehe, habe ich die Fächer Mathe, Geschichte, Englisch, Sport, Schwedisch und Naturkunde. Dazu noch Psychologie, Gesellschaftskunde und außerdem zweimal die Woche 20 Minuten Lesen. Die Stimmung zwischen Lehrkräften und Schüler*innen ist sehr angenehm und beruht ziemlich auf gleicher Augenhöhe. Ich habe generell den Eindruck, dass schwedische Menschen sehr darauf bedacht sind alle mit einzuschließen und es viel auf Gleichberechtigung geachtet wird. Toiletten sind zum Beispiel fast überall, auch im Kino, in der Schule oder am Bahnhof nicht geschlechtergetrennt, was echt fortschrittlich ist und ich finde, davon sollte sich Deutschland echt mal eine Scheibe abschneiden. Außerdem haben wir persönliche Computer und eine digitale Lernplattform auf der wir Aufgaben hochladen und Feedback bekommen. Fast alles andere an Matherial wie Bücher und Stifte wird einem auch zur Verfügung gestellt und das Schulessen ist für alle gratis.

Den ersten Schnee gab es hier schon im Oktober, der allerdings schnell wieder wegschmolz. Generell ist es auch deutlich kälter als zuhause. Im November war es sogar einmal -17° C kalt! Ich konnte also auf weiße Weihnachten hoffen. Vor Weihnachten gibt es hier aber noch das Luciafest. Das Luciafest gehört zur Vorweihnachtszeit in Schweden und wird am 13. Dezember gefeiert. Ich bekam glücklicherweise die Möglichkeit im Luciachor der Musikschule, in der ich auch Bratschenunterricht nehme, mitzusingen und so stand ich zusammen mit anderen Mädchen und jungen Frauen am Lucia Tag in weißen Gewändern, Kranz im Haar und Kerze in der Hand in der Kirche und sang ”Sankta Lucia!”, andere traditionelle Lucia-Lieder und schwedische Weihnachtslieder. Die Stimmung war wirklich besonders, sehr feierlich und irgendwie heilig. Für mich eine „Once in a Lifetime“-Erfahrung, die ich sehr genoss. Es war allerdings sehr schwer, so viele neue Liedtexte auf Schwedisch zu lernen, die die anderen schon seit ihrer Kindheit kennen und dann noch die Altstimme dazu zu singen. Daher mimte ich auch einen guten Teil der Lieder. Das sei wohl jedoch nicht riesig groß aufgefallen, wurde mir gesagt.

Vor meiner Abreise hatte ich mir schon mal ein kleines bisschen Schwedisch beigebracht. Ungefähr so viel, dass ich mich vorstellen und etwas im Restaurant bestellen konnte. Von richtigen Unterhalten war ich gefühlt Lichtjahre entfernt. Doch ich war von Anfang an sehr motiviert, so schnell wie möglich die Sprache zu lernen und es half sehr, dass meine Gastfamilie schon von ganz am Anfang an erst auf Schwedisch und wenn ich es gar nicht verstand auf Englisch mit mir sprach. So verstand ich immer mehr und mehr und fing an, auch selber zu sprechen. Nach ungefähr 2 Monaten sprachen wir ziemlich viel Schwedisch und benutzen Englisch noch, um einzelne Begriffe oder Ausdrücke zu erklären oder, wenn es um etwas sehr Wichtiges ging, bei dem alle alles verstehen sollten. Jetzt, nach 5 Monaten fühle ich mich nun immer sicherer in der Sprache und mir fällt immer mehr auf, wie viel Schwedisch auch mit dem Deutschen gemeinsam hat.

Alles Liebe aus Schweden,

Malina

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Gastfamilie in der Stadt