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Schüleraustausch Frankreich

Ein ganzes Jahr in Frankreich

Mein letzter Abschied in Berlin

Ich habe noch wenige Tage bis zu meiner Abreise. Das ist unglaublich. Ende August letzten Jahres kam ich total aufgeregt nach Frankreich und jetzt haben wir Anfang Juli. Diese 10 Monate fühlen sich wie ein ganzes Leben an und gleichzeitig ist es so, als würde ich gestern noch in meinem Zimmer in Berlin darüber nachgrübeln, was mitzunehmen ist. Zu Beginn malt man sich so viele Momente aus, die später anders verlaufen. Ich habe mich immer wieder gefragt, wie das Zusammenleben mit meiner Gastmutter wird und natürlich mit den Mitschülern.

Ich habe gelernt, dass man mit der Gastfamilie immer Kompromisse eingehen muss. Das ist normal und auch nicht ganz fremd. Beide Parteien müssen daran Arbeiten, um ein gutes Zusammenleben zu ermöglichen. Normalerweise sind die Betroffenen verständnisvoll für Missverständnisse. Sie tauchen immer auf, besonders zwischen verschiedenen Kulturen und Sprachen. Man sollte auch keine Angst vor ihnen haben, so lernt man die Unterschiede zwischen Menschen kennen. Ich habe festgestellt, dass man in der Schule eher auf Leute zugehen und auf gar keinen Fall hilfreiche Angebote ablehnen soll. Ich war mir oft unsicher und traute mich nicht wirklich, mich zu integrieren. Das Problem war bei mir die Sprache. Doch genau dafür bin ich gekommen, um sie zu lernen. In den ersten Wochen gab es von mir oft nur ein Lächeln als Reaktion, weil ich das Gesagte entweder nicht verstand oder einfach nicht schnell genug eine Antwort formulieren konnte. Das ist in Ordnung, nach und nach nahm ich an den Gesprächen und auch am Unterricht teil. Nach wenigen Wochen verstand ich auch endlich die Witze und konnte ehrlich mitlachen. Das Erlernen dieser Sprache war für mich ein großer Prozess mit vielen Etappen. Natürlich war ich oft ein wenig verloren und verstand nicht, was sich in meinem Umfeld gerade abspielte, aber genau das zählt. Es gehört zu einem Auslandsjahr dazu. Diejenigen, die ein ganzes Jahr in einem anderen Land verbringen, sind am Ende nicht mehr die „Austauschschüler“, sondern einfach Schüler wie alle anderen. Wäre ich z.B. nur für 6 Monate geblieben, hätte ich nur die Stufe erlebt in der ich mich noch einlebe, denn nach mehreren Monaten, ist dir dein Umfeld nicht mehr fremd, sondern ganz normal. Dieses „Einleben“ dauert für alle unterschiedlich lang, ich möchte nicht andeuten, dass kürzere Aufenthalte weniger gut sind. Jeder entscheidet für sich, wie lange man vom Alltag eine Pause einlegt und was ganz anderes erlebt.

Nach fünf Monaten wechselte ich meine Gastfamilie. Es war keine große Veränderung, ich blieb nämlich in derselben Familie, bloß war meine frühere Gastschwester jetzt meine Gastmutter. Ich blieb im selben Dorf, ging weiterhin auf dieselbe Schule und hatte trotz der Probleme mit meiner früheren Gastmutter weiterhin die überaus bekannten Gesichter ihrer Familie um mich. Dieser kleine Umzug tat mir sehr gut. Ich fühlte mich jetzt viel wohler, denn bei meiner früheren Gastmutter gab es nicht genügend „Kompromisse“. Ende Februar, wahrend den Winterferien, bin ich mit meiner Gasttante und Familie nach Bandol gefahren.

Meine Ferien in Bandol

Das ist im Süden Frankreichs, von Besançon brauchten wir sechs Autostunden und hatten während der Fahrt viel Spaß. Wir verbrachten eine tolle Woche dort. Daraufhin hatte ich wieder eine Woche Schule und schließlich kam die Ausgangssperre. Am letzten Schultag im März fanden wir das ganze ziemlich aufregend und ein bisschen verschreckend zugleich. Die ersten beiden Wochen Zuhause, ohne Schule zu haben, waren verwirrend und ermüdend. Keiner war auf das Coronavirus vorbereitet. Die Lehrer haben uns anfangs haufenweise Aufgaben für zu Hause mitgegeben. Ich saß noch länger an den Aufgaben, als sonst in der Schule. Die Wochen darauf waren etwas einfacher.

Mit meiner Gastfamilie arbeitete ich oft im Haus. Die Arbeit hat nicht immer Spaß gemacht, aber ich war froh, ihnen helfen zu können. In Frankreich durften wir uns für eine lange Zeit nur für eine Stunde und in einem Umkreis von einem Kilometer fortbewegen. Das wurde manchmal langweilig und einsam, ich hatte sogar nachgedacht, zurück nach Berlin zu gehen, entschied mich letztendlich aber dagegen. Für Wochen ging ich also nur für einen Spaziergang raus und arbeitete für die Schule. An den Wochenenden würde ich mit meiner Gastfamilie draußen im Garten arbeiten und anschließend grillen.

Am 18. und 19. Juni ging ich nach ca. 3 Monaten endlich wieder in die Schule, aber auch nur für 2 Tage. In diesen zwei Tagen würde ich nichts Wichtiges dazulernen, aber einige Klassenkameraden wiedersehen. Von 35 Schülern meiner Klasse kamen 10. Auf dem Gelände der Schule hatten wir einige Hygieneregeln und wir hielten uns an sie. Die beiden Tage waren lustig, wir waren alle froh, ein Stück Normalität zu bekommen.

Inzwischen habe ich versucht, meine Sachen etwas zu sortieren: Ich habe nicht genügend Platz im Koffer, um alles mitzunehmen. Beim Aufräumen finde ich ganz viele Zettel oder Kleidungsstücke, die mich an einen Moment hier in Besançon erinnern. Mein Auslandsjahr ist jetzt fast vorbei und rückblickend war es eine ganze Lebenszeit in zehn Monaten. Ich habe jetzt ein zweites Zuhause, eine zweite Familie und neue Freunde. Ich habe nicht „nur“ das, ich habe mich auch als Person verändert. Frankreich ist eins unserer Nachbarländer, aber dort herrscht eine ganz andere Mentalität und Lebensart als die, die ich in Deutschland kenne. Oder es ist der simple Unterschied zwischen dem Großstadtleben und dem Dorfleben. Egal was es ist, ich habe das Gefühl, eine Riesen Portion Wissen dazubekommen zu haben, der neuen Sprache ausgenommen.

Ich bin dankbar für die Möglichkeit, die ich bekommen habe, diese Erfahrung zu machen. Experiment e.V. hat mir zuerst einen Preisnachlass in der Form eines Stipendiums gegeben. Und mit dem Vorbereitungsseminar mich bestmöglich auf dieses Programm vorbereitet und während meines Auslandsjahres begleitet: Fragen meinerseits und die Fragen meiner Eltern wurden stets beantwortet. Das Treffen der Austauschschüler, das ein Monat nach unserer Ankunft stattfand, war eine gute Angelegenheit, Menschen im Umfeld kennenzulernen, die Ähnliches erleben und um Freundschaften zu schließen.

Den nächsten neugierigen Teenagern, die ihre eigene Auslandserfahrung machen möchten, wünsche ich viel Spaß und Mut. Es lohnt sich!

Eure Cecília