Fünf Monate im Land der Ticos, Costa Rica

Es ist sieben Uhr morgens, ich schäle mich aus den Laken, schiebe das Moskitonetz zur Seite und steige aus dem Bett. Durch die quälende Hitze wache ich jeden Morgen ohne Wecker früh auf. Ich begrüße meine junge Gastmutter und Osita, den Haushund, der vor Freude, mich zu sehen, eine Ehrenrunde im Kreis läuft. Wir ziehen uns an, Shorts und kurzes T-Shirt- die Temperaturen lassen keine längeren Kleidungsstücke zu. Die Tür der vergitterten Terrasse schließen wir hinter uns und machen uns auf den Weg zur Bäckerei, um das beliebte Weißbrot zum Reis- und Bohnengemisch, genannt Pinto, das hier dreimal täglich gegessen wird, für das Frühstück zu kaufen. Auch die einstöckigen Nachbarhäuser, in allen Farben bemalt hinter stählerner Vergitterung, sind klein, die Türen stehen offen, man hört Reggae. Die Leute beginnen ihren Tag, fegen geschäftig ihre Häuser, sind auf dem Weg zur nahegelegenen Pulperia, einem kleinen Supermarkt. Uns kommen gemütlich fahrende Radfahrer entgegen, die Schulkinder auf dem Gepäckträger transportieren, Hunde streunen in herumliegenden Müllsäcken. Eine Stunde später auf dem Weg zur Arbeit ist es schon so warm, dass die viele Ticos, wie sich die Costa-Ricaner nennen, ihre Schaukelstühle auf die Straße geräumt haben, im Müßiggang die Passanten beobachten, sich lautstark mit ihren Nachbarn unterhalten, eine Tüte der frittierten Kochbananen geöffnet haben, die es an jeder Ecke zu kaufen gibt.

Ich steige in den Bus in Richtung Puntarenas, auf der Spitze der Landzunge, die in den Pazifik ragt. Ich ziehe an der Schnur an der Decke, der Bus hält, bedanke mich beim Fahrer und laufe um einige Häuserecken. Dort arbeite ich für zwei Monate im Parque Marino, der neben einem Aquarium und einem Gebäude für die Fischproduktion auch verletzte Tiere aus dem Meer rettet und pflegt, bis sie eines Tages eventuell wieder in die Freiheit entlassen werden können. So wie Chananda und Chiquita, zwei Lora-Schildkröten, denen Flossen fehlen und die sich solange zum Aufpäppeln in deren Obhut befinden. Währenddessen werden sie von mir mit Wasser und Lappen geputzt und mit eigens präparierten Tintenfischen und Sardinen gefüttert- beeindruckend, mit diesen ein Meter großen Tieren zu arbeiten, genauso, wie den Katzenhaien und Krokodilen Fischstücke in ihr Becken zu werfen. Mir wurde erklärt, wie ich die Pelikane füttern soll: Nehme ich einen Fischkopf aus dem Eimer, ist es wichtig, die Hand nicht zu tief zu senken, sonst schnappen die immer hungrigen Tiere danach. Komme ich pfeifend mit dem Eimer in der Hand aus dem Gebäude, erkennen sie mich und eilen laut schnatternd hinter mir her, bis es die versprochenen Leckereien gibt. Das ist der letzte Punkt auf meiner To-Do-Liste für heute, ich verabschiede mich von meinen herzlichen Kollegen und bin auf dem Weg zur Busstation.

Mit langer Hose gewappnet steige ich erneut in den Bus, aber es geht nach San Ramon, wo ich am Anfang meiner Zeit in Costa Rica für drei Monate gewohnt habe. Dort habe ich erst einen fünfmonatigen Sprachkurs mit der Koordinatorin Tania belegt, bevor ich im Waisenhaus von Santiago, der sogenannten ‚Hogarcito‘ gearbeitet habe. Ich bin in diesem Land angekommen, mit Spanischkenntnissen, die nicht über das ‚Buenos Dias‘ und ‚Vamos a la playa‘ hinausreichten, also praktisch nicht vorhanden waren. Nachdem mich Tania sehr gut in ihre Sprache eingeführt hat, war ich immerhin in der Lage, mich zu verständigen, und einen großen Teil habe ich bereits verstanden- trotzdem war die Angst groß, mit den Kindern im Projekt zu arbeiten. Dort angekommen, war die Kommunikation trotzdem möglich, wird haben zusammen gebastelt, sind Trampolin gesprungen bis zum Umfallen, haben Ketten aus Müsliringen gefädelt. Den zwölf Kindern fehlt es nicht an Materiellem, nur an einer Person, die ihnen Zuwendung gibt und sich mit ihnen beschäftigt. Nach zwei Monaten war die Zeit des Papierschöpfen, des Malen und Tuschen, des Steine bemalen, Ballspielen, Durchkitzeln, Fangen, des Wiederholen der Sätze ‘No tire las cosas’ (Wirf nicht die Sachen herum) und ‘No lo toque’ (Fass das nicht an), Puzzeln und Kneten, Baby-Füttern, Huckepacknehmen, Purzelbaum machen und den Kleinen das Laufen beibringen vorbei. Mit feuchten Augen bin ich gegangen, ich habe die Kinder ins Herz geschlossen, alle sind Menschen, die ein besseres Leben verdienen, die Eltern verdienen, die sich um sie kümmern und ihnen die Liebe schenken, die sie brauchen. Ich habe sehr oft an meine eigene Kindheit zurück gedacht und gemerkt, wie viel Glück ich in meinem Leben habe. Die Geschichten der Kinder schockieren. Und ich würde ihnen gerne helfen, ich hoffe, dass ich das zu einem kleinen Teil geschafft habe.

Die Regensaison hat begonnen, jetzt regnet es häufiger und stärker. Den Regenschirm habe ich vergessen- daran denkt man nicht, wenn in Puntarenas konstante zweiunddreißig Grad vorherrschen, einhergehend mit wolkenlosem blauem Himmel. Ich husche von Überdachung zu Überdachung der Läden, hoffe nicht zu spät zur Verabredung mit Tania zu kommen. Sie ist nicht nur meine Koordinatorin von Inlexca, der Partnerorganisation von Experiment e.V., sondern auch zu einer Freundin geworden, mit der ich mich hin oder wieder auf einen Batido, Smoothies, treffe. Sie kümmert sich sehr um den Zusammenhalt der Freiwilligen, um deren Wohlbefinden, den Kontakt zu Projekten und Gastfamilien. Sie erkundigt sich nach meinem Projekt, meiner Gastfamilie- alles bestens, in beidem fühle ich mich nach einem Wechsel des Projekts innerhalb des Parque Marino sehr wohl, also gehen wir zu anderen Gesprächsthemen über: den Eigenheiten der Ticos- mit Unpünktlichkeit und der gelassenen ‚Pura Vida‘-Einstellung muss man hier rechnen- und meinen kleinen Reisen am Wochenende. Kleine Trips nach Monteverde, zu karibischen Stränden und Vulkanen unternehme ich in meiner freien Zeit. Das Land an sich ist schier unglaublich mit seiner unglaublichen Fülle an Naturschönheiten. Die Halbinsel Nicoya mit strahlend weißen Stränden, an deren Meeresschildkröten ihre Eier ablegen oder Surfer die perfekten Wellen nutzen, jamaikanische Kultur an den ruhigen Stränden der Karibik, auf beiden Seiten von Ozeanen umgeben, stille Flüsse, die sich durch Mangrovenwälder ziehen, Regen- und Nebelwald, Tropfsteinhöhlen, Vulkane, die teilweise noch aktiv sind. Um das zentrale Hochland ziehen sich Berge, an deren Hängen Kaffee gedeiht, exotische, handgroße Blüten findet man am Wegesrand. Die Tierarten sind einzigartig, sei es das Faultier, Tapire, Ameisenbären, bunte Tucane, der schillernde Morphonfalter oder die im Garten vorbei fliegenden Kolibris. In Costa Rica leben fünf Prozent aller weltweit bekannten Arten, fünfundzwanzig Prozent der Fläche steht unter Naturschutz oder gehört zu Nationalparks, in denen Vogelwanderungen oder Dschungeltouren angeboten werden, Krokodilsafaris auf dem Tarcoles oder Whalewatching. Costa Rica ist facettenreich und wechselt innerhalb weniger Kilometer das Gesicht, es gibt unzählige Mikroklimas. Puntarenas, der Kochtopf schlechthin, ist weniger als eine Autostunde vom relativ kalten San Ramon entfernt. Nach Costa Rica reist man nicht, um Städte zu sehen, es ist gesegnet mit der Natur, der landschaftlichen Schönheit und tropischen Tierwelt, dessen Seiten ich mit anderen Freiwilligen, größtenteils aus Deutschland und Spanien, oder meinen costa-ricanischen Freunden besucht habe.

Anschließend laufe ich an der Hauptstraße entlang zum Haus meiner ersten Gastfamilie. Immer wieder rieche ich den himmlischen Geruch aus den Panaderias, den Bäckereien, heraus, der auf die Straße zieht, die zahlreichen Sodas, das sind günstige Restaurants mit eingeschränktem Menü, preisen ihre Empanadas, gefüllten Teigtaschen, an. Autos hupen, Leute grüßen sich mit kurzem Pfiff über die Straße, Motorräder knattern an mir vorbei. Am Haus angekommen werde ich freudig von meiner Gastmama begrüßt, sie stellt sogleich Sandwich und Kuchen vor mir auf den Tisch und ist gespannt zu hören, wie es mir in der Stadt am Strand ergeht. Sie passt tagsüber auf ihre Enkelkinder auf, die auch bald durch die Tür zum kleinen Hof hereinschauen und etwas vom Kuchen stibitzen. Mein Gastvater kommt nach einem anstrengenden Tag von seiner Kaffeefarm zurück, erzählt Geschichten über Wetter und Tiere, die er aus Dokumentationen aus dem Fernsehen kennt, trinkt eine Tasse Aguadulce und döst auch bald erschöpft vor dem Apparat ein. Es ist spät geworden, schon lange ist es dunkel draußen, und ich verabschiede mich bis zum nächsten Mal. Ein Taxi, das man abends lieber nehmen sollte, bringt mich zur Station. Bald biegt der Bus um die Ecke und ich ergattere einen Platz am Fenster. Wir fahren kurvige Straßen hinaus in die Berge, sehen von den Fenstern auf die blitzenden Lichter der Stadt San Ramon herab. Ich bin glücklich hier, in einem Land, das langsam zu meiner zweiten Heimat wird.

Alexandra