Freiwilligendienst Marokko 2012

Unter keinen Umständen, riet mir ein Reiseführer vor meiner Abreise nach Marokko, dürfe ich die Aufforderung „Kouli, kouli“ (Iss, iss!) wörtlich nehmen, da es unhöflich sei, sich allzu großzügig beim Essen zu bedienen. Als ich getreulich versuchte, mich am Essenstisch in Zurückhaltung zu üben, trafen mich verwunderte, fast vorwurfsvolle Blicke, und die Aufforderungen zum Essen wurden vehementer. Man wolle mir so vermitteln, wie willkommen ich sei, erklärte mir später eine Freundin; die Aufforderung zu ignorieren, würde nahe legen, dass ich mich nicht wohl fühle. Nichts wäre weiter von der Realität entfernt gewesen! Um mich für die grenzenlose Gastfreundschaft zu bedanken, nahm ich daher ein Unterfangen in Angriff, das ich mit großer Ernsthaftigkeit bis zum Abreisetag verfolgte: so viel zu essen, dass meine Gastmutter, Kollegen und Bekannte zufrieden vom Tisch aufstehen würden.Überflüssig, zu erwähnen, dass ich kläglich scheiterte.

Die Absicht, „Kouli kouli!“ nicht wörtlich zu nehmen, war jedoch bei weitem nicht die einzige vorgefasste Vorstellung meinerseits, die sich in meinen acht Wochen als falsch erwies. In dreierlei Hinsicht war meine Zeit als Freiwillige in einer sozialen Einrichtung für mittellose Seniorinnen und Senioren in der marokkanischen Hauptstadt Rabat besonders denkwürdig und lehrreich. Zum einen lernte ich bei meinem ersten Besuch in einem arabischen Land, dass das im Westen gerne kolportierte Bild von „den Arabern“ mit der Realität herzlich wenig zu tun hat. Ein Journalist schrieb im Zusammenhang mit der Revolution in Tunesien, gerade in deutschen Medien tauchten Araber vornehmlich als eines von zwei Stereotypen auf: Entweder werden sie als islamische Terroristen geführt, oder sie könnten von Omar Sharif dargestellt werden. Schon der erste Spaziergang durch Rabat beweist jedoch, wie vielfältig das Straßenbild tatsächlich ist: Traditionell geprägte Vertreter der älteren Generation tragen Dschellabas, Kaftane und Babuschen, junge Leute bevorzugen Markenklamotten, die sich erst bei näherem Hinsehen als „abibas“ oder „Nixe“ entpuppen, viele junge Frauen, mit oder ohne Kopftuch, könnten jedem Modemagazin entsprungen sein. Selbstverständlich muss man dabei jedoch auch bedenken, dass Marokko, geographisch und kulturell weit im Westen der arabischen Welt gelegen, in vielerlei Hinsicht einen Sonderfall darstellt.

Zweitens war es ein Privileg, in diesem Frühling der Revolutionen im Maghreb zu Gast zu sein. Mitzuerleben, wie in einem arabischen Land das Vorgehen von Mubarak in Ägypten oder Gaddafi in Libyen gesehen wurde – nämlich mit Abscheu und unter Verwendung von Termini, von denen „Größenwahnsinniger“ noch der Moderateste war – empfand ich als hochinteressant, zumal dies bestätigte, dass die arabische Welt keineswegs ein homogener, übereinstimmender Block ist. In diesem Frühjahr der Revolutionen bestätigte sich die Sonderstellung Marokkos jedoch auch dadurch, dass es ein verhältnismäßiges ruhiges Pflaster war und blieb. An einem Wochenende Mitte Februar berichteten die Nachrichten zwar von Demonstrationen z.B. in Tanger, die wohl auch etwas handgreiflich wurden - ob aber nun Demonstranten oder unidentifizierte "Unruhestifter" die Aggressoren waren, hängt bereits davon ab, welcher Berichterstattung man Glauben schenkt. Diese Proteste zielten auch auf keinen Systemwechsel ab, sondern richteten sich gegen zu hohe Lebenshaltungskosten. Über diese sozioökonomischen Demonstrationen hinaus fanden am 20. Februar landesweit politische Kundgebungen statt. Von langer Hand über facebook geplant, wollten sie jedoch ausdrücklich den sehr beliebten König nicht antasten, sondern Inkompetenz und Korruption in der Regierung und fehlende Perspektiven für die junge Generation anprangern. In Rabat blieb die Demonstration aber äußerst friedlich – eine Kundgebung, bei der ein Süßwarenhändler seinen Karren direkt neben den Demonstranten parkt und ihnen türkischen Honig verkauft, kann man für meine Begriffe nicht als aufrührerisch verbuchen. Umso überraschter war ich daher, nach meiner Rückkehr in deutschen Medien von „Straßenschlachten und Plünderungen in Rabat“ zu lesen. Meines Erachtens der Hauptgrund, weshalb die Lage in Marokko nicht eskalierte, ist der sehr beliebte König, der sich in elf Jahren Amtszeit durch sein Engagement u. a. für Frauen und viele benachteiligte Gruppen viel Kredit erarbeitet hat. Nach seiner viel beachteten Rede Anfang März, die viele Forderungen der Demonstranten aufgriff und teils sogar darüber hinausging, halte ich daher auch Entwicklungen wie in Ägypten, Jemen oder Libyen in absehbarer Zeit für unwahrscheinlich.

Selbstverständlich bleibt abzuwarten, wie seine Reformzusagen zu Verfassung, Gewaltenteilung, Exekutive, Judikative und Stärkung der Frauenrechte praktisch umgesetzt werden. Doch für den Moment scheint es so, als ob die Marokkanerinnen und Marokkaner dem König Zeit zu geben bereit sind, um ihr Vertrauen in ihn zu rechtfertigen.

Der dritte Grund, aufgrund dessen mich mein Aufenthalt noch lange Zeit beschäftigen wird, ist völlig anders gelagert, jedoch nicht weniger nachhaltig. „Jeder in Marokko will Dir helfen“, sagte mir ein Bekannter einmal, und so unglaublich das für die meisten anderen Kulturkreise auch erscheinen mag, er hatte kaum übertrieben. Natürlich gibt es auch in Marokko wie überall den Taxifahrer, der den dreifachen Betrag einzustreichen versucht, oder den Holzwarenhändler, der der vermeintlichen unwissenden Touristin Mondpreise als Schnäppchen zu verkaufen versucht. Doch für jeden, der sich zu bereichern versucht, gibt es in Marokko mindestens drei Zeitgenossen, die uneigennützig ihre Hilfe anbieten: die Praktikantinnen im Freiwilligenprojekt, die am ersten Tag nicht eher Ruhe gaben, bevor sie mich zum Taxistand eskortiert und in ein Taxi gen Gastfamilie gesetzt hatten, der Gastsohn und die Gastmutter, die mir täglich mindestens einmal ihre Unterstützung beim Arabisch lernen anboten, die Unbekannte, die mich aus heiterem Himmel vor dem Straßenhändler warnte, bei dem ich gerade deutsche Schokolade für meine Gastfamilie hatte erstehen wollen: „Mademoiselle, bei dem müssen Sie immer auf die Mindesthaltbarkeitsdaten achten.“ In welchem anderen Land wäre das wohl passiert?

Ohne jeden Zweifel, der Gast ist König in Marokko, weshalb man mir auch mit einem Lächeln all meine Merkwürdigkeiten nachsah: dass ich sowieso und überhaupt bei weitem nicht genug aß, dass ich obendrein partout kein Fleisch essen wollte, dass ich mutterseelenallein, ohne Familie, nach Marokko gekommen war. Und was genau wollte ich hier machen? „Ich leiste einen Freiwilligendienst.“ Bei dieser Antwort wurden die Fragezeichen auf den Gesichtern meiner Gegenüber eher größer als kleiner. „Hmmm … das heißt, Du machst ein Praktikum?“ Obwohl Mildtätigkeit eine der fünf Säulen des Islam darstellt, ist das Konzept freiwilliger Arbeit in Marokko noch weitgehend unbekannt. Zumeist einigte ich mich mit meinen Gesprächspartnern darauf, dass ich gemeinnützige Arbeit verrichte. Die Verständnislosigkeit gegenüber dem Konzept „Freiwilligendienst“ tat jedoch der Dankbarkeit dafür keinen Abbruch.

Engel seien wir, die wir um die halbe Welt reisten, um hier mitzuhelfen; freundlich, hilfsbereit, von reinem Herzen waren nur einige der Attribute, die mir angetragen wurden. Dabei war doch eigentlich ich diejenige, die tiefe Dankbarkeit verspürte. Da war zum einen die wunderbare Aufnahme in der sozialen Einrichtung für hilfsbedürftige Senioren, in der ich bei Pflege, Betreuung, Webseitengestaltung, Küchenarbeit und Gärtnern mithelfen durfte. Ebenso sehr zu schätzen wusste ich die vorbehaltlose Freundlichkeit, mit der mir die Patientenschaft trotz aller Sprachbarrieren begegnete: Meine redlichen Bemühungen, mir das Hocharabische sowie den lokalen Dialekt Darija anzueignen, wurden mit Wohlwollen honoriert, mit einigen konnte ich auch auf Französisch oder Spanisch parlieren, und in allen übrigen Fällen bestätigte sich Paulo Coelhos Aussage aus „Der Alchimist“: Die Sprache der Begeisterung bedarf keiner Worte.

Die größte Dankbarkeit verspürte ich jedoch gegenüber meiner Gastfamilie, die mich innerhalb kürzester Zeit vorbehaltlos adoptierte. Bevor ich mich versah, fachsimpelte ich bereits halbwissend mit meinem Gastvater über die Fußballbundesliga, wurde ich von meiner vierjährigen Gasttochter mit einem besonders bequemen Sofakissen verwechselt, korrigierte ich die französischen Verbkonjugationen meines achtjährigen Gastsohnes und half meiner Gastmutter, fantastische Süßwaren zu backen und, noch wichtiger, vor Ehemann und Kindern in Sicherheit zu bringen, damit sie den Abend überlebten. (Die Süßwaren, nicht die Familienmitglieder.) Man kann die überwältigende Gastfreundschaft kaum in Worte fassen. Ich bin meinem Gastprojekt und vor allem meiner Gastfamilie zutiefst dankbar für das Willkommen, für das „mit offenen Armen“ maßlos untertrieben wäre. In Marokko habe ich erleben dürfen, dass Gastlichkeit und Wärme ganz ohne Worte und ohne Sprache auskommen können, wenn sie nur von Herzen kommen. Als man mir dringend abverlangte, doch nur bald wiederzukommen, fiel mir mein Versprechen sehr leicht. Doch vor allem habe ich mir vorgenommen, mir das Prinzip „Merhaba“, Willkommen, auch auf der anderen Seite der Straße von Gibraltar zueigen zu machen. Mir gefällt der Gedanke, dass ein Stück Marokko so stets mit mir geht.