Freiwilligendienst in Benin - Ein Zwischenbericht

Vor etwas mehr als zwei Monaten begann mein großes Abenteuer, mein sechsmonatiger Freiwilligendienst in Benin. Schon Wochen vor meiner Abreise begannen die ganzen Vorbereitungen, dennoch rückte der 31. August, das Datum meiner Abreise, schwindelerregend schnell heran und bevor ich es richtig realisieren konnte, hieß es schon Abschied nehmen von der Familie und Freunden, für ein halbes Jahr. Als ich schließlich im Flugzeug saß und wusste, dass ich in wenigen Stunden beninischen Boden unter meinen Füßen habe würde, wuchs meine Aufregung stetig, dennoch mischten sich auch Bedenken dazu, schließlich reiste ich ins Ungewisse.

Während der Orientierungswoche verlor sich meine innere Anspannung allerdings schnell. Neugierig sammelte ich erste Eindrücke und war schlichtweg überwältigt von der großen Stadt Cotonou. Es gab so viel Neues zu entdecken, afrikanische Gerichte zu probieren, andere Musik zu hören und schließlich auch viele neue Menschen kennenzulernen. Als Freiwillige wurde ich von der Partnerorganisation SYTO sehr herzlich empfangen und während der Orientierungswoche umfangreich betreut. Es fiel mir sehr leicht, einen guten Draht zu den Mitarbeitern zu entwickeln, und ich fühle mich bis jetzt jederzeit gut betreut. Besonders angenehm ist der familiäre Umgang mit den Freiwilligen, sodass es einfach ist, ein Vertrauensverhältnis mit den Mitarbeitern und Ansprechpartnern zu bilden.

Nach den ersten fünf Tagen in Cotonou ging es dann endlich zu meinem Einsatzort, Kpovié. Raus aus der größten Stadt Benins und dem ganzen Tumult aus Autos, Händlern an jeder Straßenecke und unglaublich vielen hupenden Motorrädern, und hinein in das Dorfleben, ein Leben im afrikanischen Busch. Innerlich hatte ich mich bereits auf viele Umstellungen vorbereitet und auch das erste Treffen mit meiner Gastfamilie schon öfters im Kopf durchgespielt, jedoch hat sich alles als ganz anders erwiesen, als ich es mir je vorstellen konnte. Zusammen mit der anderen IJFD - Freiwilligen Helena kamen wir nach einer halben Stunde Fahrt in Kpovié an und lernten erst einmal die Gastfamilie Helenas bei einem Mittagessen kennen. Helenas Gastmutter fungiert in der Gemeinde als lokale Koordinatorin. Schließlich lernte ich auch meine Gastfamilie kennen oder zumindest einen Teil meiner Familie, die nur auf der anderen Straßenseite wohnt.

Meine Gastfamilie, Familie Medegnon, ist eine große polygame Familie. Immer noch habe ich Schwierigkeiten alle Personen richtig zuzuordnen und ich kenne auch noch nicht alle vier Ehefrauen meines Gastvaters. Eine Ehefrau meines Gastvaters fungiert als meine Gastmutter. Hinter ihrer kleinen Boutique am Straßenrand ist ein kleines Häuschen mit zwei Zimmern. Eines davon bewohne ich. Der Hof meiner Gastfamilie ist riesig und nie still. Tagsüber geht es meistens relativ chaotisch zu, da jeder seiner Arbeit nachgeht und zusätzlich noch unzählige Kinder auf dem Hof spielen und auch mit anpacken müssen. Schnell konnte ich mich eingewöhnen, stieß allerdings auch das ein oder andere Mal auf ein paar Schwierigkeiten. Eine besondere Hürde ist die Sprache. In Benin ist Französisch die Amtssprache, aber die Sprache der Herzen ist das Fon. Die meisten Beniner können auch gut Französisch, doch bei uns auf dem Dorf ist das Fon die Alltagssprache. Meine Gastmutter versteht und spricht nur etwas Französisch, sodass die Kommunikation sich teilweise als schwierig erwiesen hat. Nach und nach lebte ich mich immer mehr ein und gewöhnte mich an den sehr lebhaften Familienalltag. Für mich selbst hat sich hier natürlich auch einiges geändert. Meine Gastfamilie hat weder Strom (das ganze Dorf ist nicht elektrifiziert) noch fließendes Wasser. In der Mitte des Hofes ist ein kleiner Brunnen, der die Familie mit Wasser zum Kochen und Waschen versorgt. Alle drei Tage hieve ich mühsam für etwa 20 Minuten Wasser aus dem Brunnen, um meine Wassertonne im Badezimmer aufzufüllen, und habe schnell gemerkt, dass diese Arbeit wirklich anstrengend ist, vor allem bei der Hitze, die hier eigentlich immer herrscht. Jedoch habe ich mich schnell daran gewöhnt, merke schon gar nicht mehr, dass es keine Toilettenspülung gibt, sondern von Hand Wasser nachgeschüttet werden muss. Längst ist es normal für mich, mir eine Schale Wasser über den Kopf zu gießen und so zu duschen. Auch ein Leben ohne Strom, welches sich zuerst nahezu unmöglich in meinen Ohren anhörte, hat sich als machbar erwiesen. Alle zwei Tage schaltet die lokale Koordinatorin den Generator für zwei Stunden an, so kann ich mein Handy und andere elektronische Geräte aufladen.

Der Start in die Projektarbeit stellte sich als etwas wackelig heraus. Aufgrund von Schulferien starteten wir mit dem ökologischen Projektteil des Freiwilligendienstes. Für einen Monat hackten wir Unkraut um neu gepflanzte Bäumchen, die im ganzen Dorf verteilt waren. Die Pflege der Bäumchen war wirklich dringend nötig, einige waren fast komplett zugewuchert, beanspruchte aber lediglich eine Stunde pro Tag. So blieb mir sehr viel Freizeit, in der ich das Dorf und seine Bewohner näher kennenlernte. Dennoch fieberte ich auf den Schulbeginn regelrecht hin, da mir eine Stunde Arbeit am Tag doch viel zu wenig war. Als die Schule begann, wurden die Arbeitstage länger. In Kpovié werden Freiwillige in vier verschiedenen Schulen untergebracht, in zwei Privatschulen sowie einer öffentliche Grundschule und in einen Kindergarten. Herzlich wurden Helena und ich willkommen geheißen und schnell haben wir zusammen mit der lokalen Koordinatorin einen Wochenplan aufgestellt. In der Woche besuche ich momentan drei verschiedene Schulen. Der Schulalltag ist natürlich ganz anders als in Deutschland. Alle Kinder tragen eine Schuluniform und müssen vormittags ab acht Uhr für vier Stunden in die Schule kommen und nachmittags noch einmal für zwei Stunden zum Lernen erscheinen. Der Unterricht gestaltet sich als lebhaft und beschränkt sich gleichzeitig auf einfachste Mittel. Zwar existieren für einige Fächer Schulbücher, dennoch wird viel von den Tafeln abgeschrieben. Alle Schüler besitzen Schiefertafeln, die sich als sehr praktische Hilfsmittel erwiesen haben. Die radikalste Umstellung für mich war das Schlagen der Schüler, das hier zum Alltag einer jeden Unterrichtsstunde gehört. Für mich sind diese Situationen schwierig, jedoch kann ich passiv relativ gut damit umgehen. Eigentlich alle Lehrer sind sehr offen und freuen sich regelrecht darauf mit uns "Yovos" nach dem Unterricht zu diskutieren und auch das Schlagen der Kinder ist in diesen Diskussionen kein Tabuthema, sondern wird lebhaft erörtert.

Wie kann ich in diesen Schulen helfen und den Unterricht aktiv mitgestalten? Das ist eine Frage, die mich noch immer beschäftigt. Für den Unterricht selbst benötigen die Lehrer kaum wirkliche Hilfe, sodass wir Freiwilligen doch häufig nur zuschauen. Das sollte natürlich nicht Sinn unseres Dienstes hier sein. Nach und nach ergaben sich jedoch Chancen, individuell Projekte zu entwickeln. So hielten Helena und ich bereits einen Vortrag auf Englisch über Ausschwitz und den Holocaust in der Abschlussklasse des Colléges. Zusätzlich beginnen wir mit einer Klasse einen Deutschkurs. Einmal in der Woche bringen wir den Jugendlichen mit viel Spiel und Spaß etwas Deutsch bei.

In den nächsten drei Monaten plane ich jedoch auch größere Projekte. Zum einen möchte ich mit Grundschülern eine Brieffreundschaft zu einer dritten Klasse in Deutschland aufbauen. Die Kinder sollen einen kurzen Brief auf Französisch schreiben und etwas Kleines malen. Ich erhoffe mir durch dieses Projekt das interkulturelle Verständnis der kleinen Kinder zu sensibilisieren. Das Wissen über Deutschland und Europa ist im Allgemeinen gering. Des Weiteren plane ich eine Zusammenarbeit mit meinem ehemaligen Gymnasium in Deutschland ein. Ich bin mit einer Lehrerin bereits im Kontakt und hoffe auch mit den älteren Schülern des Collèges einen Kulturaustausch einleiten zu können. Besonders am Herzen liegt mir jedoch der Vorschlag der Partnerorganisation SYTO, ein Projekt zum Thema Umweltverschmutzung durch Plastikmüll zu beginnen. Hier in Kpovié ist der Umgang mit Müll wirklich ein Problem. Der ganze Müll wird einfach in der Natur entsorgt und von Zeit zu Zeit verbrannt. Mit allen Klassen aller Schulen wollen wir Unterrichtseinheiten zu diesem Thema machen und die Kinder nach und nach sensibilisieren. Gerne würden Helena und ich nicht nur Unterrichtseinheiten mit Plakaten durchführen, sondern auch praktisch mit den Kindern arbeiten. Wir träumen davon, für jedes Kind einen Stoffbeutel zu kaufen und diesen dann anschließend mit den Kindern zu bemalen. Ziel dieses Projektes wäre die Benutzung von Plastiktüten zu reduzieren. Durch das Bemalen und Gestalten der Beutel hätten die Kinder Spaß und würden diesen Beutel eventuell auch oft benutzen. Wir suchen jedoch noch nach Förderern, die dieses Projekt finanzieren würden.

Alles in allem haben wir für die nächsten Monate noch einiges geplant und hoffen den Großteil davon auch verwirklichen zu können. Obwohl ich bis jetzt die Projekte noch nicht umsetzten konnte und den Kindern noch vieles über beispielsweise Umweltschutz beibringen möchte, habe ich persönlich schon viel dazugelernt. Ich habe eine fremde Kultur kennengelernt, habe neugierig den Geschichten über Voodoo gelauscht, habe die typischen beninischen Gerichte probiert und auch zu kochen versucht. Gleichzeitig habe ich unglaublich viel über meine eigene Kultur, die deutsche Kultur gelernt. So vieles nimmt man in seinem Alltag als selbstverständlich hin, sodass einem erst auffällt, dass etwas fehlt, wenn man weit weg an einem anderen Ort ist. Natürlich war mir auch schon vor meiner Ankunft bewusst, dass ich hier unter einfacheren Lebensbedingungen leben werde. Dennoch betrachte ich jetzt diese Bedingungen aus einer anderen Perspektive. Wie gut und schnell ich mich an alle diese Veränderungen gewöhnt habe, verdeutlicht mir auch gleichzeitig wie verschwenderisch wir in Deutschland leben. Ich schätze diesen Luxus nun viel mehr, hinterfrage aber gleichzeitig, ob unser luxuriöses Leben in Deutschland wirklich notwendig ist. Dennoch bleibt noch sehr viel Unbekanntes. Viele Bräuche und Rituale verstehe ich noch nicht, viele Orte sind noch nicht besichtigt worden und auch Fon sprechen oder afrikanisch trommeln kann ich noch nicht. Bis jetzt hatte ich die Möglichkeit, viel von Benin kennenzulernen, erhoffe aber in den nächsten drei Monaten, die Kultur zu verstehen und Teile von ihr zu verinnerlichen.