Erwartet hatte ich bessere Sprachkenntnisse – geschenkt bekam ich noch etwas ganz Anderes

Es war mein Jugendtraum in einem englisch sprechenden Land die Sprache, die Menschen und ihre Kultur hautnah auf natürliche Weise kennenlernen zu dürfen. Zweimal war ich schon in Schulen und Gastfamilien in Schottland und England gewesen, nun sollte es der Praxistest werden.

Mit vielen Erwartungen und reichlich Herzklopfen landete ich in Irland, wurde einen Tag lang eingewiesen in allgemeine Regeln und freute mich über die freundliche und liebevolle Aufnahme meiner neuen „Kollegen“ in meinem neuen Zuhause. Dies war ein Haus, wo Behinderte „Urlaub“ machten, damit die pflegenden Familien mal verschnaufen konnten. Hier hatte ich mein Zimmer und verbrachte am Rande einer Kleinstadt eine so bereichernde Zeit.

Unfassbar viel durfte ich da lernen: meine eigenen Schranken zu überwinden oder wie geht man überhaupt mit körperlich so eingeschränkten Menschen um. Mit großem Staunen beobachtete ich, wie gelassen, sensibel, liebevoll und einfühlsam zugleich humorvoll meine „Kollegen“ mit unseren Gästen umgingen. Ich war Volunteer geworden. Bei 5 Gästen gab es drei von uns die zum Teil viele Monate blieben oder sogar ein Soziales Jahr absolvierten. Ich selbst hatte mich für 3 Wochen verpflichtet und war bereits im „reiferen“ Alter, alle Anderen waren junge Menschen.

Gern gesehen war es, wenn wir aktiv mit unseren Gästen etwas unternahmen, um ihren Aufenthalt dort so weit wie möglich zu verschönern. Wir begleiteten sie in die Kirche, in das Einkaufzentrum, gingen spazieren oder saßen nur zusammen in der Küche um Tee zu trinken und zu klönen. All diese Extra-Leistungen sind für den „Staff“ aus zeitlichen Gründen nicht durchführbar.

Aber auch bei der täglichen Arbeit zu helfen gehörte zu unseren Aufgaben, z.B. morgens beim Waschen, Duschen oder Ankleiden unserer Gäste, beim Frühstück vorbereiten, Füttern, wenn sie nicht in der Lage waren selbstständig zu essen und vieles mehr. Die meisten Gäste waren gehbehindert und saßen im Rollstuhl. Einige waren nicht in der Lage selbst den Wagen zu steuern und sich fortzubewegen. Obwohl ich in meinem Beruf als Zahnärztin sowohl an der Uni Klinik und später in der eigenen Praxis auch mit Kranken, Angstpatienten und Behinderten meine Erfahrungen hatte, war ich am ersten Tag erschüttert von dem Grad der Behinderung unserer Gäste. Viele von ihnen waren völlig auf die Hilfe der “Gesunden“ angewiesen. Aber.....sie sind zufriedene und glückliche Menschen.

Während meines Aufenthalts hat sich meine Meinung über „möglichst immer gesund sein“ verändert. Ist das wirklich so wichtig für Menschen, dass sie möglichst nie krank sind? Wir wünschen uns immer wieder die Gesundheit. Sollten wir nicht lieber von den Behinderten lernen, wie man glücklich und zufrieden lebt? Diese Menschen in Newbridge haben mir gezeigt, worauf es ankommt im Leben. Sie akzeptieren ihren Zustand und leben voller Hoffnung von einem kleinen Anspruch zum nächsten. Wir sehen dieses kleine Glück doch gar nicht mehr. Aber die Helden sind und bleiben die Pfleger in diesem Haus. Obwohl ich nun schon einige Wochen wieder zu Hause bin hab ich mir diese wundervolle Gelassenheit und den Blick für das kleine Glück bewahren können – so schnell gebe ich dieses kostbare Gut nicht wieder her.

Der gemeinnützige Verein Experiment e.V. – begleitet von unterschiedlichen Einrichtungen wie dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bis hin zur ZEIT Stiftung – bietet weltweit eine große Auswahl an Möglichkeiten auf unterschiedlichen Wegen Land und Leute kennenzulernen. Das geht von Umweltprojekten auf dem Bauernhof über Hilfe im Museum bis hin zu Friedensarbeit – wirklich ein vielseitiges Programm. Experiment e.V. ist die Deutsche „Verteilerstelle“ dann wird man – im meinem Fall – an die irische Kontaktstelle „EIL Intercultural Learning“ weitergeleitet und vor Ort wirklich gut betreut. Ganz gleich, ob man als Austauschschüler, als Au Pair oder Volunteer das Land kennenlernen möchte, alles ist möglich und viele Stipendien werden vergeben. Es ist eben auch etwas für Menschen in meinem Alter dabei.

Ach ja, meine Sprachkenntnisse haben sich vielleicht nicht so viel verbessert, da das Irisch ein harter Brocken für mich war – aber wen interessiert das denn jetzt noch.