Demi Pair in Ecuador

"Studieren gleich nach der Schule? Neee! Erstmal Abenteuer!" Das dachte ich mir, als ich mir vor dem Abi Gedanken machte, was ich denn eigentlich machen wollte, wenn ich die Schule abgeschlossen hatte. Nach einiger Zeit kristallisierte sich eine genauere Antwort heraus. Eine neue Sprache – am liebsten Spanisch - sollte es sein und dazu möglichst weit weg von zu Hause. Über einen ehemaligen Demi Pair aus meinem Heimatort kam ich auf das Demi Pair Programm Ecuador bei Experiment e. V. Als "halber" Au Pair lebt man in Ecuador in einer Gastfamilie, besucht morgens die Sprachschule und betreut nachmittags die Kinder der Familie. Den ersten Monat verbringt man dabei im Homestay, also bei einer anderen Gastfamilie, bei der man noch keine Pflichten als Demi Pair hat, sondern erst mal nur die Sprachschule besucht, um sich an Land und Leute zu gewöhnen.

Da ich noch im September bzw. Oktober abreisen wollte, war es höchste Zeit mit der Bewerbung geworden. Also schickte ich meine Bewerbungsunterlagen ab und wurde prompt zum Vorbereitungsseminar in Bonn eingeladen. Dort traf ich viele andere Demi Pairs und Freiwilligendienstler nicht nur aus dem Ecuadorprogramm, sondern auch aus Programmen vieler anderer Länder. Wir wurden umfassend informiert, z.B. was wir bei der Einreise in unser jeweiliges Land zu beachten hatten, was versicherungstechnisch wichtig war und auch darauf vorbereitet, dass es kulturelle Differenzen zwischen der deutschen Kultur und der Kultur unseres Gastlandes gab und es gar nicht so leicht war, sich daran zu gewöhnen und die neuen Umgangsformen zu erlernen. In diesem Zusammenhang fiel auch ab und an das Wort "Kulturschock". Ganz toll fand ich, dass auch eine ehemalige Demi Pair meines Gastlandes da war, die uns viele nützliche Tipps gab, was wir unbedingt mitnehmen sollten und auf was wir in unserem Gastland Acht geben mussten. Besonders im Gedächtnis ist mir vom Vorbereitungsseminar der sehr nützliche Spruch "Be slow to judge but quick to observe!" hängen geblieben. Er fasst ziemlich gut zusammen, was man uns dort beizubringen versucht hatte und er findet auch heute noch des Öfteren Anwendung.

Die restliche Zeit bis zur Abreise verflog schnell, eine Gastfamilie war auch schon gefunden – das ist bei männlichen Demi Pairs in Ecuador gar nicht so einfach - und ziemlich aufgeregt und erwartungsvoll machte ich mich schließlich Anfang Oktober auf die Reise. Nach dem langen Flug wurde ich schließlich am Flughafen der Hauptstadt Quito von meiner Gastmutter empfangen. Beim Einsteigen ins Taxi gab es gleich den ersten Schreck, denn die Ecuadorianer nahmen es anscheinend mit dem Anschnallen nicht so genau und dementsprechend waren die Gurte unter der Sitzbank versteckt worden. Da ich ja kein Spanisch konnte, klärte meine Gastmutter mich in ihrerseits gebrochenem Englisch auf, dass das schon in Ordnung sei. Nach der Ankunft gab es etwas zu Essen und dann musste ich mich erst mal ausruhen, denn aufgrund der ungewohnten Höhe – Quito befindet sich auf 2800 Metern – bekam ich Kopfschmerzen. So endete mein erster Tag in Ecuador. Am nächsten Tag lernte ich mit den zwei Söhnen meiner Gastmutter und der Frau des einen Gastbruders den Rest der Familie kennen und verteilte Gastgeschenke. Zum Glück konnten die beiden Gastbrüder gut Englisch, was die Kommunikation wesentlich erleichterte. Nach dem Ankunftswochenende, an dem wir ein wenig die Stadt angeschaut hatten, begann die Sprachschule, wo ich auch einige der Demi Pairs und Freiwilligendienstler aus dem Vorbereitungsseminar wiedersah. Da ich totaler Spanischanfänger war, hatte ich 140 Stunden Unterricht gebucht. Ich erhielt Einzelunterricht und ab und zu traf man sich zum Gruppenunterricht zusammen mit den anderen Schülern, um einen Film zu schauen, etwas für die Kultur und Jahreszeit Typisches zu kochen oder einen Ausflug zu machen.
.
Da ich konsequent Spanisch lernen wollte, war die Kommunikation in der Gastfamilie anfangs recht schwierig und wir verständigten uns eher mit Händen und Füßen denn auf Spanisch. Zur Not und für wichtige Dinge blieb dann immer noch das Englische. Langsam machte ich Fortschritte, wobei es natürlich auch zu manchem sprachlichen Missverständnis kam, das aber schnell wieder aufgeklärt werden konnte. Die Gastfamilie war sehr nett und herzlich und bald war ich ein Teil der Familie geworden, wir gingen zusammen Einkaufen und machten ab und zu einen Ausflug, was ich sehr toll fand. Die anfangs wegen der vielen neuen Eindrücke schleppend verstreichende Zeit verging immer schneller und bald neigte der erste Monat sich seinem Ende zu.

Der Abschied von meiner ersten Gastfamilie fiel schwer und ich wechselte zu meiner zweiten Gastfamilie, die mich ebenso herzlich bei sich aufnahm wie meine Homestay-Familie. Meine Aufgabe war nun, nachmittags die zwei Kinder der Familie und manchmal auch das Kind der Leute, die im Haus arbeiteten, zu betreuen. Vormittags besuchte ich noch bis Mitte November die Sprachschule, nach dem Ende des Sprachunterrichts hatte ich die Morgen zur Verfügung, um beispielsweise die nähere Umgebung zu erkunden oder Ausflüge in die Stadt zu machen. Auch hier wurde ich schnell Teil der Familie. Da meine Gastfamilie halb deutsch, halb ecuadorianisch war, hatte ich anfangs Zweifel, ob sich mein Spanisch noch weiter verbessern würde. Da wir aber oft Besuch von Freunden der Familie hatten, die sich viel mit mir unterhielten, stellte das kein Problem dar und meine Zweifel zerstreuten sich rasch. Nachdem ich mich eingelebt hatte verstrich die Zeit rasch und mein Spanisch verbesserte sich auch recht schnell. Das Betreuen der Kinder war schon anstrengend, aber es machte auch viel Spaß. Weihnachten rückte näher und wir feierten ein großes Weihnachtsfest mit Freunden und Verwandten der Familie und fuhren über Silvester an den Strand. Wir machten einige Ausflüge zusammen und auch mit anderen Demi Pairs unternahm ich ab und zu etwas. Das Schöne an Ecuador ist nämlich, dass es für seine vergleichsweise kleine Fläche sehr viel zu bieten hat, darunter die Küste, das andine Hochland, den Regenwald und die Galapagosinseln. Highlights des Reisens waren der Strandbesuch mit meiner Gastfamilie, eine Tour in den Regenwald und zum Vulkan Cotopaxi und die Thermen in Papallacta und eigentlich alle anderen Reiseziele, denn die Natur und die Landschaft sind so unbeschreiblich vielfältig dort, dass jedes Reiseziel für sich zu etwas Besonderem wird. Die Auswahl an unterschiedlichem Obst und Gemüse ist schier unendlich und dementsprechend andere Gerichte stehen in Ecuador auch auf dem Tisch. Bei all der Abwechslung verging die Zeit im neuen Jahr ebenfalls schnell und nach dem Abschied von meiner Gastfamilie flog ich Ende März wieder zurück gen Heimat.

Aus Ecuador mitgenommen habe ich viele neue Freundschaften und Kontakte, die bis heute bestehen, viele neue Erfahrungen, die mich etwas erwachsener gemacht haben, die Freude am Sprachen Lernen und natürlich die dort erworbenen Spanischkenntnisse. Auf jeden Fall habe ich vor, nochmal so eine Reise zu machen und nach Ecuador möchte ich auch noch einmal.

Felix