Beim "fröhlichsten Volk der Welt"

"Costa Rica ist ein wunderschönes Land, seine Menschen herzlich und lebensfroh."

Laut einer Studie sind die Ticos das fröhlichste Volk auf der Welt und dieser Studie machen sie wirklich alle Ehre.

Endlich ging es los:
Als ich am 26. September 2012 endlich am Flughafen in Frankfurt ankam, war ich fröhlich-aufgeregt und hatte ein ungewisses Kribbeln im Bauch. Ein völlig neuer Lebensabschnitt lag vor mir und ich konnte mir nicht annähernd vorstellen, wie es sein würde. Vor meinem Freiwilligendienst in San Ramón war es jahrelang mein größter Wunsch nach Costa Rica zu gehen, weil ich schon viel gelesen und einige Dokumentationen über die beeindruckende Vielfalt dieses kleinen Landes gesehen hatte.
Es war die längste Reise, die ich jemals zuvor angetreten hatte. Der Flug von Frankfurt nach San José dauerte ca. 13 Stunden, mit Wartezeit und Anfahrt zum Flughafen war ich ca. 22 Stunden unterwegs. Erschöpft und zugleich in gespannter Erwartung wurde ich von Mainor, einem Koordinator der costaricanischen Partnerorganisation (INLEX) von Experiment e.V. am Flughafen mit einem Namensschild empfangen und zum Bus geführt. Unter den Fluggästen von Frankfurt nach San José war ich nicht die einzige Freiwillige, denn auf dem Weg in meine neue Heimatstadt begleiteten mich drei weitere deutsche Freiwillige, die dort ebenfalls ihren Freiwilligendienst in sozialen Projekten absolvierten.

In Bayern hatte ich ein Jahr als Logopädin in der Frühförderung und Heilpädagogischen Tagesstätte einer Einrichtung für Kinder mit Verhaltensstörungen und Behinderungen gearbeitet. Aus diesem Grund bewarb ich mich bei Experiment e.V. um ein Projekt, in dem es mir möglich sein würde Kinder mit Behinderung zu begleiten und zu therapieren. Als ich von Experiment e.V. in Deutschland die Information erhielt, dass ich für eine Einrichtung für Kinder und Jugendliche mit Behinderung (CEE = Centro de Educación Especial) im Landstädtchen San Ramón eingeteilt wurde, freute ich mich riesig auf meine bevorstehende Aufgabe und war gespannt die Kinder und Erzieher kennenzulernen.

Meine neue Gastfamilie:
Die ersten Tage in Costa Rica hatte ich viel Zeit bei meiner Gastfamilie anzukommen. Meine Gastoma Venilda nahm mich sehr herzlich in Empfang und freute sich über ihr neues Familienmitglied. In den folgenden Tagen lernte ich weitere Mitglieder meiner neuen Familie kennen, die Tochter meiner Gastoma (Alexa), die Studentin Maria und die Hündin Paloma. Ein reiner Frauenhaushalt also. Ich war schon sehr gespannt mein Zimmer zu sehen, das mit einem Bett, einem Regal für meine Kleidung und einem Schreibtisch mit Stuhl eingerichtet war. Das Haus meiner Gastoma war schön eingerichtet und ich fühlte mich sehr wohl. Vor allem, weil meine Gastoma und ich abends häufig am Esstisch zusammen saßen und uns über Gott und die Welt unterhielten.
In meiner Familie hatte ich alle Freiheiten. Ich durfte abends mit Freunden weggehen und am Wochenende Ausflüge machen. All das war überhaupt kein Problem. Meine Gastfamilie freute sich eher, dass ich das Land besser kennen lernen wollte. Venilda tat wirklich alles, damit ich mich wohl fühlte. Zum Frühstück bereitete sie mir frische Früchte zu (Ananas, Papaya, Erdbeeren, Wassermelone), mittags oder abends gab es ein typisches costaricanisches "casado" (=verheiratet). Das sind Gerichte bestehend aus Reis, Bohnen, Fleisch oder Fisch und Salat.
Um die Wäsche zu waschen, hatten wir eine Waschmaschine im Hof stehen. Diese funktionierte ganz anders als ich es aus Deutschland kannte. Im linken Becken der Waschmaschine wurde meine Kleidung im kalten Wasserbad mit Waschmittel geschleudert. Nach ca. 15 Minuten legte ich meine gewaschene Kleidung in den rechten Behälter. Dort wurde sie mit klarem Wasser gespült und anschließend trocken geschleudert. Danach konnte ich sie auf die Wäscheleine draußen im Hof hängen. Auch das Geschirr wurde stets mit kaltem Wasser und Waschpaste gespült. Eine Spülmaschine gab es nicht.
Was mich anfangs sehr verwunderte war, dass fast den ganzen Tag der Fernseher lief, egal ob man aß, sich unterhielt, telefonierte oder mit dem Computer im Internet war. Im Laufe meines Freiwilligendienstes erfuhr ich, dass das in vielen costaricanischen Familien so ist.
Ich hatte das große Glück in meiner Gastfamilie Internetzugang zu haben. Das war bei anderen Freiwilligen nicht der Fall. Jedoch stellte dies kein Problem dar, weil es mehrere günstige Internetcafes in der Stadt gibt.

San Ramón:
In San Ramón gibt es außerdem viele Supermärkte mit einer riesigen Auswahl an Produkten. Trotz des niedrigen Einkommens müssen die Ticos Lebensmittel zu ziemlich teuren Preisen kaufen, was mich anfangs wirklich schockierte. Eine Taxifahrt innerhalb der Stadt ist hingegen sehr günstig, ebenso die Busfahrten. In Costa Rica sind Busse die meist genutzten Transportmittel. Eine Fahrt ist sehr günstig. Zum Beispiel kostet eine 6-stündige Fahrt von San Ramon nach Cahuita an die Karibikküste umgerechnet 12 Euro. Wenn ich abends in der Stadt unterwegs war fuhr ich anstatt zu laufen meist mit dem Taxi nach Hause. Das wurde mir von meiner Gastfamilie empfohlen, weil es in San Ramón nachts gefährlich sein kann. Generell fühlte ich mich in Costa Rica sehr sicher und ich wurde weder bestohlen noch ausgeraubt. Natürlich ist es wichtig, die Sicherheitshinweise der Organisation sowie die Tipps der Einheimischen zu berücksichtigen.
Für mich war es am Anfang schwierig mich in San Ramón zurechtzufinden. Ich glaube, ich habe ca. drei Monate gebraucht um zu wissen, welche Geschäfte wo sind. In Costa Rica sind die Häuser aufgrund der Erdbebengefahr flach gebaut. Innerhalb einer Stadt gibt es einen Park und um diesen Park herum sind die Häuser im Schachbrettmuster angeordnet. Wenn man in ein Café geht, sitzt man meist innen, entweder im Gebäude selbst oder in einem Innenhof. Geschäfte gab es in San Ramón ausreichend, ebenso eine Mall, in der sich mehrere Schuhgeschäfte, ein großes Kino, Bekleidungsgeschäfte sowie ein Fastfood-Restaurant an das andere reihen. Besonders Frauen kommen beim Shopping auf ihre Kosten. Ungefähr in jedem dritten Gebäude innerhalb des Stadtzentrums befindet sich ein Schuhgeschäft.

Projekte:
Während meines fünfmonatigen Freiwilligendienstes in San Ramón/Costa Rica war ich in drei verschiedenen Projekten tätig. Der Zeitpunkt war etwas ungünstig, da ich mich von Ende September bis Mitte Februar als Freiwillige in Costa Rica befand. Mein Spanischkurs dauerte von Ende September bis Anfang Oktober, das Projekt war von Anfang Oktober bis Mitte Februar geplant.
In Costa Rica haben jedoch viele sozialen Einrichtungen von Dezember bis Mitte Februar geschlossen, da die Kinder zu dieser Zeit Ferien haben. Dies wurde mir auf dem Informationsblatt, das ich in Deutschland erhielt, deutlich gemacht. Leider teilte mir meine Organisation in Costa Rica nicht mit, dass auch die Einrichtung, in der ich arbeiten sollte, Ende November schließen würde. Bereits Mitte November waren die meisten Kinder in den Ferien, sodass die Tagesstätte von Ende November bis Mitte Februar geschlossen war.
Als ich das Ende Oktober hörte, war ich sehr enttäuscht, da es mir in der Tagesstätte sehr gefiel.
In der ersten Woche fand eine Feier zu Ehren aller Menschen mit Behinderung statt. Mit den Erziehern und Therapeuten vor Ort sowie einer deutschen Freiwilligen bereiteten wir Essen vor, bewirteten die Eltern und Kinder, tanzten mit den Kindern und machten Spiele, zum Bespiel "Die Reise nach Jerusalem". In der folgenden Woche war ich in der Tagesstätte in verschiedenen Gruppen dabei. Zwei Tage in einer Gruppe mit Kindern im Alter von drei bis fünf, an den anderen Tagen in einer Jugendgruppe. Die ersten zwei Tage sah ich der Therapeutin hauptsächlich zu oder half den Kindern beim Essen. In der Jugendgruppe hatte ich die Möglichkeit die Jugendlichen beim Essen und Trinken sowie beim Basteln und Malen zu unterstützen und sogar eine logopädische Behandlung durchzuführen. Die Stimmung in der Gruppe war sehr heiter und es wurde viel gelacht, sodass man sich einfach wohl fühlen musste.

Nachdem mein Projekt Ende November schloss, organisierte mir meine Koordinatorin Tanya ein neues Projekt, eine Tagesstätte für Kinder aus sozial schwachen Familien, die sich ebenfalls in San Ramón befand. Die Chefin der Tagesstätte war Psychologin und hatte zwei weitere Hilfskräfte. Vormittags machte eine Lehrerin, die von extern kam, mit den Vorschulkindern Unterricht. In dieser Zeit unterstützte ich die Kinder beim Malen, Basteln, Puzzlen, spielte mit ihnen und betreute sie in den Pausen. Die Lehrerin ging nach zwei Wochen in den Urlaub und mir wurde gesagt, dass ich mit den Kindern nun machen könne, was ich wollte. Das freute mich im ersten Moment natürlich, da ich die Möglichkeit hatte die Initiative zu ergreifen und frei zu agieren. Nach ein paar Tagen stellte sich jedoch heraus, dass dieses "machen können, was ich wollte" bedeutete, komplett alleine für 20 bis 25 costaricanische Kinder aus sozial schwachen Familien verantwortlich zu sein. Die Chefin sowie die anderen Betreuer kümmerten sich um vier 1 bis 3-Jährige und kochten. Der Rest der Gruppe wurde mir überlassen. Anfangs hieß es, dass ich mit den Kindern gerne logopädisch arbeiten könnte. Aber wie macht man das bei 25 Kindern, die keine Regeln, kein Gruppengefühl und keine Ordnung kennen? In den ersten Wochen in diesem Projekt fühlte ich mich extrem überfordert, da ich mit der Situation komplett allein gelassen wurde. So hatte ich mir meinen Freiwilligendienst nicht vorgestellt. Dazu kam, dass meine Gastoma nur noch selten zu Hause war, da ihr Schwager im Sterben lag und sie half die Kommunion ihrer Enkelin in San José vorzubereiten. Als ich nach Hause kam war ich also auch überwiegend alleine. Venildas Tochter sprach sehr wenig mit mir. Auch auf mehrmalige Versuche ein längeres Gespräch zu beginnen, ging sie nicht ein. Wenn sie sich mit der Studentin unterhielt, sprach sie so schnell, dass ich kaum ein Wort verstand, selbst nach zwei Monaten bemühte sie sich auch nicht langsamer zu sprechen. Maria, die Studentin war nur noch ein bis zwei Tage im Haus, da sie aufgrund der Ferien fast keine Vorlesungen hatte. Zu dieser Zeit hatte ich meinen Tiefpunkt in Costa Rica: Ich wollte nur noch heim, weil ich mich so allein fühlte. Als ich über die Weihnachtsfeiertage in Deutschland war, fasste ich einen Plan. Ich überlegte mir, wie ich mein Projekt effektiv angehen kann und beschloss außerdem meine Gastfamilie zu wechseln. Mit dem nötigen Abstand kann ich jetzt sagen, dass der Beschluss die Gastfamilie zu wechseln genau die richtige Entscheidung war und auch, das Projekt in die Hand zu nehmen.
In meiner neuen Gastfamilie fühlte ich mich sehr wohl und ich wurde wie ein Familienmitglied behandelt. Ich wohnte bei den Großeltern. Nebenan im Haus wohnten der Sohn meiner Gastoma, dessen Frau, Tochter Leonora (4) und Sohn Sebastián (2). Wenn ich abends nach meinem neuen Projekt nach Hause kam, bereitete meine Gastoma mir etwas Leckeres zu essen zu. Meist gab es Reis mit Kochbananen und Fleisch oder Fisch und Salat. Da ihr Sohn und seine Frau in San José arbeiteten, waren die Enkelkinder tagsüber bei ihr und spielten. Mit Leonora machte ich oft Rollenspiele wie "Katze und Herrchen", "Astronauten" oder "Einkaufen" und erweiterte dadurch schnell meinen Wortschatz und meine spanische Kommunikationsfähigkeit.
Nach den Weihnachtsfeiertagen ergriff ich in der Kindertagesstätte, in der ich bereits vor Weihnachten gearbeitet hatte, die Initiative und organisierte den Tagesablauf zusammen mit einer deutschen Freiwilligen von Experiment e.V. Wir machten mit den Kindern jeden Morgen einen Morgenkreis, begrüßten uns mit einem Lied, besprachen das Wetter, lasen eine Geschichte vor und stellten dazu Fragen, machten Kindermorgensport, spielten Gemeinschaftsspiele und gaben Vorschulunterricht bzw. allgemein bildenden Unterricht (Farben, Formen, Basteln, Malen, Auge-Hand-Koordination). Je mehr ich sah, dass unsere Aktivitäten den Kindern Freude bereiteten und sie Fortschritte machten, desto mehr gefiel mir mein neues Projekt.

Mit meiner zweiten Gastfamilie stehe ich in regelmäßigem Kontakt und bin glücklich, so tolle Menschen kennengelernt und diese Erfahrungen gemacht zu haben.

Mein Freiwilligendienst war geprägt von Höhen und Tiefen. Doch im Nachhinein überwiegen die schönen Erlebnisse. Ich kann jedem empfehlen sich auf dieses Abenteuer einzulassen und seine Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Vieles sehe ich nun aus einem anderen Blickwinkel.