3 Monate in China

„Ich gehe für drei Monate nach Suzhou!“ - „Was? Wo ist das?“ - „In China, ich unterrichte Englisch in einer Grundschule!“ - „Oh krass, das würde ich mich nicht trauen!“

Vor meiner Abfahrt nach China liefen viele Gespräche mit meiner Familie und mit Freunden so ab. China ist wohl ein Land, an das die meisten erst einmal nicht denken, wenn es um einen Freiwilligendienst geht. Vor allem aber ist es ein Land, vor dem viele großen Respekt haben, weil sie abgesehen davon, dass die Kultur und das Essen sich stark von der europäischen Lebensweise unterscheiden, wenig über China wissen. Doch gerade das war es, was mich daran reizte, nach China zu gehen. Ich wollte mir mein eigenes Bild von diesem Land machen!

Voller Neugier landete ich in Shanghai, wo mich schon die Partnerorganisation Xu Bo erwartete, um mich in deren Wohnung zu bringen. Der erwartete Kulturschock blieb aus, da Shanghai eine sehr moderne Stadt ist, in der man super mit Englisch klar kommt. Wirklich aufregend wurde es zwei Tage später: Alleine ging es mit dem Zug in das etwa 100km entfernte Suzhou. Auch dort wurde ich am Bahnhof von meinen Betreuungspersonen abgeholt und in meine Wohnung gebracht. Ganz richtig: Eine eigene Wohnung, ganz für mich. Den Schock, alleine in einem komplett fremden Land zu wohnen, dessen Sprache man nicht spricht, konnte ich glücklicherweise mithilfe einer sehr netten Lehrerin schnell überwinden. Sie zeigte mir den nächstgelegenen Supermarkt, erklärte mir die Waschmaschine und auch, welchen Bus ich in die Altstadt nehmen konnte. Denn auch wenn Suzhou mit 5,5 Millionen Einwohnern (im Stadtzentrum) größer als jede Stadt in Deutschland ist, gibt es nur zwei Metrolinien. Das Busfahren ist eine wirkliche Herausforderung, da alles in chinesischen Schriftzeichen ist und man immer jemanden danach fragen muss, welche Linie wohin fährt. Was an sich kein Problem ist, denn obwohl fast keiner Englisch spricht, findet man letztendlich immer jemanden, der einem weiterhilft. Chinesen sind wirklich sehr hilfsbereit, sodass es schon einmal passieren kann, dass der ganze Bus diskutiert, an welcher Haltestelle man aussteigen muss.

Schon nach wenigen Tagen fühlte ich mich in meinem neuen Zuhause wohl. Die Arbeit in der Schule war zunächst sehr aufregend: Können die Kinder mich verstehen? Wie viel Englisch können sie schon und welche Themen eignen sich besonders gut zum Unterrichten? Bereits nach kurzer Zeit wusste ich, womit ich den Kindern eine Freude bereiten konnte. Den ansonsten recht starren Unterrichtsalltag versuchte ich durch Singen, Tanzen und Videos aufzulockern. Bei 50 Kindern pro Klasse und ohne eine weitere chinesische Lehrkraft war es durchaus eine Herausforderung, die Kinder unter Kontrolle zu halten. Insgesamt war ich aber positiv überrascht darüber, wie gut die Kinder meine Ideen annahmen und wie viel Spaß sie hatten. Es war ein tolles Gefühl, ein Klassenzimmer zu betreten und zu sehen, wie sich die Kinder freuten, mich zu sehen und „Hello, Miss Jucy“ riefen. Aber nicht nur von den Kindern, sondern auch von den Lehrern wurde ich herzlich aufgenommen. Sie halfen mir auch bei außerschulischen Fragen und waren sehr kooperativ. So durfte ich zum Beispiel am Schulausflug in den Zoo teilnehmen oder für verlängerte Wochenenden meine Unterrichtsstunden auf andere Tage verschieben. Da ich nur zehn Stunden pro Woche unterrichtete, war die Arbeit in der Schule insgesamt sehr entspannt.

Meine Freizeit nutzte ich dazu, mir Suzhou und dessen Umgebung genauer anzusehen. Meist mit einer anderen Freiwilligen zusammen, aber manchmal auch zusammen mit Englischlehrern, unternahmen wir Ausflüge zu Seen oder Hügeln, pflückten Orangen, bereiteten Dumplings zu oder nahmen an traditionellen Familienessen teil. Eines der Highlights war auf jeden Fall die Teilnahme an einer chinesischen Hochzeit, denn so etwas erlebt man nicht, wenn man nur Urlaub in einem fremden Land macht. Obwohl die Stadt Suzhou 5,5 Millionen Einwohner hat und es zur Rush Hour im Bus durchaus mal kuschelig werden kann, ist es dort deutlich ruhiger und entspannter als etwa in Shanghai oder Peking. So aufregend das Reisen in andere Städte Chinas war, so schön war es, nach Suzhou zurückzukommen, das günstige Essen und die entspannte Stimmung in der Stadt zu genießen. Die Bewohner Suzhous lieben ihre Stadt und schon nach kurzer Zeit ging es mir genauso – und das trotz der teilweise sehr rauen Sitten der Chinesen (die in anderen Städten Chinas allerdings nicht anders sind).

Insgesamt kann ich nur jedem, der einmal eine ganz neue Erfahrung in einem fremden Land machen möchte, einen Freiwilligendienst in China wärmstens empfehlen. Man sollte stets offen sein und keine Berührungsängste haben – und damit meine ich nicht nur die überfüllten öffentlichen Plätze und öffentlichen Verkehrsmitteln, sondern vor allem das Essen (was wirklich unglaublich gut ist), die Chinesen und ihre Kultur. Die viele Freizeit kann man prima nutzen, um das Land und die Leute kennen zu lernen. Es gab so viel zu entdecken, dass es nie langweilig wurde. Die drei Monate in Suzhou waren eine einmalige Zeit, an die ich gerne zurückdenke. :)

Julia