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90. Geburtstag Experimenterin

Zum neunzigsten Geburtstag – alte und junge Experimenter*innen gratulieren

 

90 Jahre bei guter Gesundheit alt zu werden ist schon ein Geschenk. Doch an seinem Geburtstag Glückwünsche aus der ganzen Welt zu bekommen ist nicht alltäglich. Ming, eine Taiwanesin, schreibt aus Schweden, Halil meldet sich per Videotelefonat aus der Türkei, Stephane gratuliert über WhatsApp aus Kamerun und die Freunde aus Indonesien, mittlerweile drei Generationen, schicken eine mit Musik unterlegte Bildergalerie für Mutti, Omi und Uromi zum Jubiläum.                                                   

Wie ist es dazu gekommen?

Frau Rosemarie Bünn, meine Schwiegermutter, wohnte in einem großen Wohnhaus, ursprünglich ein landwirtschaftlicher Betrieb, in dem kleinen Ort Bornhöved in Schleswig-Holstein. Ende der sechziger Jahre waren ihre drei Kinder ausgezogen und sie fragte sich: Warum nicht Gastmutter auf Zeit werden für Studierende, Deutschlehrer*innen aus Afrika, junge Erwachsene aus Asien oder Südamerika, die Deutschland kennenlernen und für ein paar Wochen in einer Familie leben wollten? Frau Bünn sah eine Anzeige in ihrer Lokalzeitung 'Gasteltern gesucht' und kontaktierte  'das Experiment', vertreten durch Frau Hass in Neumünster. 1973 kam der erste Gast, Agus Surjanto aus Jakarta, und auch für ihn waren die Wochen mit der Familie Bünn ein großes Erlebnis. Er lernte die große Familie kennen – Rosemarie hat zehn Geschwister und bis auf einen Bruder lebten alle in Schleswig-Holstein – und machte Bekanntschaft mit den Kindern. Die Gemeinschaft mit ihnen, mit der Familie und mit dem 'Dorf' wollte Agus nicht mehr missen. Später kam er immer wieder zu Besuch, dann auch mit seiner Frau Wiwied und bald gehörten die Kinder ebenfalls dazu, für die Rosemarie ganz selbstverständlich ihre Oma wurde.

Bis 1991 hat Frau Bünn über achtzig internationale Gäste empfangen, in der Regel drei- oder viermal im Jahr: zu Weihnachten und Ostern, im Sommer und im Herbst. Manche Dorfbewohner*innen staunten nicht nur über die unerwarteten internationalen Besucher*innen, sondern auch über die verblüffend großen Deutschkenntnisse. So lernte man sich gegenseitig kennen, tauschte sich aus, lernte voneinander und freute sich über die Begegnungen.

Inspirierend war auch das gemeinsame Kochen und die Gäste schätzten die etwas deftige schleswig-holsteinsche Küche. Grünkohl mit Kassler war besonders beliebt – von manchem sogar im heißen Sommer zum Mittagessen gewünscht.

Ich hatte die Freude, die Gäste auch in Hamburg zu empfangen und einige von ihnen in meine Schule mitzunehmen, wo sie über ihr Heimatland und ihr Leben in Deutschland erzählten.

Viele entstandene Freundschaften halten das ganze Leben. Für Frau Bünn ist es immer ein Erlebnis, wenn sie von ihren 'Gastkindern' hört oder eine schöne Postkarte bekommt, die eine lange Strecke unterwegs gewesen ist und die sie dann auf ihren Esstisch stellt.