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Moritz mit Freunden in Südafrika

"ZUHAUSE IN DER WELT" / Wie mein Schüleraustausch in Südafrika mein Leben veränderte

In meiner Jugendzeit hatte ich wenig Fokus für das wirklich Relevante im Leben. Ich war schulisch und sozial auf dem absteigenden Ast. Mich hat nichts interessiert, weder Hausaufgaben, Klausuren, Vereine oder Freunde. Alles was mir im Leben wichtig war, war der Fußball und meine PlayStation.

Motivationsschub Schüleraustausch

und erreichte die vorzeitige Spitze des Eisbergs als ich in der achten Klasse sitzen blieb. Das demütigende Gefühl des Sitzbleibens änderte allerdings nichts. Mit einer noch negativeren Haltung wederholte ich die Klasse und schaffte es dank nachsichtiger Lehrer und ausgeprägter Schummelkünste in die zehnte Klasse. Von hier an konnten auch meine Eltern mein Versagen nicht mehr mit ansehen. Es musste etwas geschehen. Die Motivation weiter zur Schule zu gehen, war schlicht nicht mehr da und dass ich jemals das Abitur absolvieren würde, damit rechnete ohnehin niemand. Die Tochter einer Bekannten meiner Mutter würde im kommenden Jahr für sechs Monate in die USA gehen. So kam auch das Thema Austauschjahr bei mir zu Hause auf den Tisch. Für die Highschools in den USA war ich notentechnisch schlichtweg zu „dumm“. Neuseeland, Kanada und Australien konnten wir uns beim besten Willen nicht leisten und neben schwachen Grundkenntnissen in Englisch konnte ich kein weiteres Fremdsprachenwissen vorweisen. Wenn ich also wirklich ein Auslandsjahr machen wollen würde, dann käme nur Südafrika in Frage. Unter Afrika konnte ich mir zunächst nicht mehr als Wüste und wilde Tiere vorstellen. Mir graute der Gedanke daran, irgendwo in Afrika zu schmoren und ich verwarf zunächst den Gedanken an den Austausch.

Letztlich war es meine damalig einzige Liebe, die mich umdenken ließ. 2010 fand die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika statt und da ich weder lernte noch Hausaufgaben machte, schaute ich jedes Länderspiel. Zwischen den Spielen verfolgte ich Dokumentationen über das Gastgeberland. Es bedurfte keine drei Dokumentationen, da war ich bereits vom Land mit den elf Amtssprachen überzeugt. Ich sprach mit meinen Eltern, überzeugte sie ebenfalls und sie fanden einen Weg mir die Reise ans andere Ende der Welt zu ermöglichen. An dieser Stelle ein tiefes Dankeschön nochmal an die beiden.

Gemeinschaft macht stark

Ein Jahr nach der WM trat ich mit 16 Jahren den Weg ans Kap der guten Hoffnung an. Ich lebte bei einer „Coloured“-Familie in einem ärmlichen Viertel in Somerset West, ca. 30 Minuten von Kapstadt. Zwei Gasteltern, die mich vom ersten Tag an wie ihren eigenen Sohn aufnahmen und drei Gastgeschwister, von denen nur noch die jüngste Tochter (damals 22) zu Hause lebte. Ich ging auf eine Schule, die nur von Farbigen und den sogenannten Coloureds besucht wurde. Unter 700 Schülern war ich also der einzige Weiße. Das erste Mal in meinem Leben spürte ich es, wie es sich anfühlt auf Grund seiner Hautfarbe anders zu sein. Meine weiße Haut machte mich zu einer Attraktion in meiner Schule und das brachte mich in die angenehme Lage, in jeder Schülergruppe auf dem Pausenhof ein gern gesehener Gast zu sein. Die Schüler der Gordon High kamen aus den verschiedensten ärmlichen Wohngebieten und Townships rund um Kapstadt. Wir sangen jeden Morgen die südafrikanische Nationalhymne in der Aula und vertraten unsere Schule im Fußball, Rugby oder Cricket in Spielen gegen andere Schulen. Trotz des sportlichen Zusammenhalts gab es fast tägliche Kämpfe zwischen Schülern auf dem Pausenhof. Jeden Monat eskalierte mindestens einer dieser Kämpfe, sodass sogar Familienmitglieder der verfeindeten Schüler die Schule stürmten und bewaffnet gegeneinander kämpften. Die Polizei war ein täglicher Gast an meiner Schule, denn neben der Gewalt wurden auch Drogen und Waffen in großem Stile auf dem Pausenhof gedealt. Auch ich wurde auf der Schultoilette mit einem Messer bedroht und meinem Handy und meinem Geldbeutel entledigt. Das war allerdings nicht die einzige und bei weitem nicht die schwierigste Grenzerfahrung, die ich durchlebte. Doch in all diesen Momenten wurde mir eines klar. Es gibt nichts Wichtigeres als eine starke Beziehung zur eigenen Familie oder echten Freunden. Um im Leben zu bestehen braucht man die Gemeinschaft. Da man alleine nicht weit kommt, hatte auch in eine Gruppe von Freunden. Eine sogenannte Gang, was jetzt vielleicht lächerlich klingen mag, doch diese war in meiner Gegend tatsächlich lebensnotwendig. Diese Menschen waren keine Kriminellen, sondern echte Freunde, die ich im Laufe meines Auslandsaufenthalts kennengelernt hatte und die mir, neben meiner Gastfamilie, aus jeder komplizierten Lebenssituation heraushalfen. Auch ihnen bin ich zutiefst dankbar und pflege noch heute eine enge Beziehung.

Die Armut in der meine Gastfamilie und mein Freundeskreis leben, gab mir zu denken. In vielen Ländern dieser Welt gibt es keinen Ausweg aus der gesellschaftlichen Schicht, in die man hineingeboren wurde. In Südafrika ist ein Dach über dem Kopf, Essen im Kühlschrank oder der Zugang zu Bildung keine Selbstverständlichkeit.

Ein neues Leben nach dem Schüleraustausch

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Moritz heute

Heute bin ich 22 Jahre alt und mein Auslandsjahr hat mich um 180 Grad gedreht. Ich habe begonnen zu realisieren, was mir das Land in dem ich geboren wurde für unendliche Möglichkeiten bietet. Ich erkenne Chancen, wo ich sie vorher nie vermutet hätte und nutze sie mit all meiner Kraft. Nach meinem Jahr in Südafrika ging ich zurück in die Schule. Ich begann mein Leben zu akzeptieren und zu genießen. Ich wurde zu einer Freude für jeden meiner Lehrer und schloss mein Abitur als bester Absolvent der gesamten Schule ab. Durch meine guten Noten war es mir vergönnt meinen Wunschstudiengang Wirtschaftspsychologie anzutreten. Ich befinde mich nun in meinem letzten Bachelorsemester

mit Bestnoten. Meine schulische und meine soziale Leistung haben mir ein Stipendium für ein Studium in den USA beschert. Auch auf sozialer Ebene bin ich ein völlig neuer Mensch geworden. Während meiner Abiturphase fungierte ich auch neben dem Fußballplatz als Trainer einer Jugendmannschaft. Ich engagierte mich in der Schülervertretung und vertrat auch die Interessen meiner Kommilitonen als gewähltes Mitglied im Studierendenrat meiner Hochschule. Ich gebe Tutorien für meine Kommilitonen und helfe ihnen leichter durchs Studium zu kommen. Ich nutze die Vorteile die ich habe nicht mehr nur für mich selbst, denn gesellschaftlicher Erfolg bedeutet für mich andere daran teilhaben zu lassen. Heute leite ich neben dem Studium die selbstgegründete, zweite studentische Unternehmensberatung in Sachsen-Anhalt und helfe Studenten und Unternehmen dabei Chancen zu erkennen und wahrzunehmen.

Es war die gute Hoffnung des Kaps, die mich verändert hat und zu dem Menschen gemacht der ich heute bin. Beim Schreiben dieser Zeilen werde ich nun langsam sentimental. Ich bin stolz auf meinen Werdegang und danke ihnen von tiefstem Herzen mir damals das Austauschjahr in Südafrika ermöglicht zu haben.

Moritz Cordes, Schüleraustausch Südafrika 2011-12