"Wir sind bunt." - Erfahrungen einer Gastmutter

Image
Foto der Autorin des Textes

In diesem Jahr lautet das Jahresmotto von Experiment e.V. "Wir sind bunt." In unserem Blog veröffentlichen wir dazu nach und nach Beiträge unserer Teilnehmenden, Gastfamilien und Ehrenamtlichen, die die verschiedenen Aspekte des Mottos beleuchten. Den Anfang macht Gastmutter Sigrid Engewald. Sie berichtet über kulturelle Unterschiede zu ihre beiden japanischen "Familienmitgliedern auf Zeit" - mit Happy End.

Image
Gastmutter Sigrid mit Familie und Gastkind Hikaru aus Japan

Ein Gastkind aus Japan

Vor knapp vier Jahren haben wir uns das erste Mal entschlossen, einen Austauschschüler in unserer Familie aufzunehmen. Eigene positive Erfahrungen mit kürzeren Aufenthalten haben uns ermutigt, uns für das Abenteuer „Gastfamilie für ein Jahr“ zu entscheiden.

Da unsere Familie sich aufgrund von langjähriger asiatischer Kampfkunsterfahrung für Japan interessierte, lag es nahe, einen japanischen Schüler im Alter unseres Sohnes aufzunehmen.

Mit der japanischen Kultur hatten wir uns schon beschäftigt und waren darauf vorbereitet, dass es größere Unterschiede im Verhalten gibt. Dass Hikaru fast kein Deutsch konnte, und dass auch seine Englischkenntnisse nur bescheiden waren, hat die Kommunikation nicht gerade leicht gemacht. Außerdem war unser Schüler eher verschlossen und introvertiert.

Die Deutschkurse waren alle ausgebucht, so dass die Familie sich mit vereinten Kräften darum bemüht hat, Hikaru Deutsch beizubringen, allerdings mit mäßigem Erfolg. Er war in Bezug auf seine Lernbereitschaft unserem eigenen Sohn sehr ähnlich. Wir merkten, dass Hikaru die Zeit hier in Deutschland brauchte, um sich aus dem engen Regelkorsett seines eigenen Landes zu befreien. Er hat die Freiheit und das Fehlen von hohen Ansprüchen an ihn sehr genossen. Für uns war das eine Herausforderung, denn wir hätten ihm so gerne mehr beigebracht. So haben wir unsere Lektion in Sachen „Toleranz“ gelernt.

Auf der anderen Seite muss ich sagen, dass es nie irgendwelche Diskussionen oder Streitereien gab. Hikaru hätte uns nie widersprochen. Er hörte sich an, was wir zu sagen hatten, und tat dann das, was er für richtig hielt.

Auch unsere Erwartungen hinsichtlich der Nähe und Intensität der Beziehungen wurden nicht so erfüllt, wie wir es uns gewünscht hätten. Aber auch das kennen wir von anderen Beziehungen, die nicht immer unseren eigenen Vorstellungen entsprechen.

Wir haben trotzdem sehr viel gemeinsam unternommen und viel über die japanische Kultur gelernt.

Abschied und ein neuer Anfang

Und so ist uns der Abschied nach einem Jahr nicht leicht gefallen – auch wenn wir die Eigenheit unseres Gastes respektiert und ihn auch nicht zum Abschied umarmt haben.

Ein gutes halbes Jahr später haben wir uns wieder entschlossen, einen japanischen Gast aufzunehmen, dieses Mal eine Studentin aus Augsburg, die in den Semesterferien deutsches Leben kennenlernen wollte. Hier stellte sich heraus, wie anders unser Leben für einen asiatischen Gast ist, denn an einem Tag hat Yukari ihr Zimmer nicht verlassen. Es war ihr wohl alles zu viel geworden. Uns hat dieses Verhalten natürlich verunsichert, aber durch ein Gespräch mit unserem Betreuer konnte unsere Zweifel zerstreut werden. Wir haben dann noch einige schöne Ausflüge miteinander unternommen. Trotzdem waren wir uns nicht sicher, ob es Yukari wirklich bei uns gefallen hat, zu zurückhaltend war ihre Art.

Kulturelle Unterschiede verstehen lernen

Um so mehr hat es uns dann überrascht, dass sie drei Monate später anfragte, ob sie uns noch mal besuchen könne, bevor sie nach Hause zurückkehren würde. Gerne haben wir sie ein weiteres Mal bei uns aufgenommen und eine richtig schöne Zeit miteinander verbracht. Wir haben daraus geschlossen, dass manche Kulturen doch sehr unterschiedlich sind und dass es sich lohnt, nicht aufzugeben, auch wenn man den anderen nicht versteht.

Vor drei Wochen, also nach knapp drei Jahren, hat uns Hikaru wieder besucht. Er hat sehr hart gearbeitet, um seinen Universitätsabschluss möglichst schnell zu bewältigen. Nebenbei hat er weiterhin Basketball gespielt – und ist Arbeiten gegangen, um eine Reise nach Deutschland zu finanzieren.

Der junge Mann, der uns nun entgegentrat, war kaum wiederzuerkennen: Er umarmte uns innig und freute sich riesig, wieder bei uns sein zu können. Er hat wenig unternommen und einfach die Ruhe in unserem Haus genossen. Und, wie schrieb er in einer Nachricht: „The time in Engewald family was the best of my life!“. Damit war sein Austauschjahr gemeint.

Mir hat es deutlich gemacht, dass ich es nicht kontrollieren kann, was bei einem Austausch passiert. Und auch wenn ich nicht immer zufrieden bin, kann es doch für meinen Gast genau das Richtige sein.

Sigrid Engewald