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Rodrigo González

Willkommen bei Experiment e.V. - Rodrigo González!

1. Rodrigo, Du bist das neue Mitglied im Kuratorium von Experiment e.V.. Wann bist Du das erste Mal mit dem Verein in Kontakt gekommen und was verbindet Dich mit Experiment e.V.?

Sabine Großkopf, eine Freundin der Familie aus unseren ersten Tagen in Deutschland, hat mich 2018 angesprochen, ob ich Interesse an einem Platz im Kuratorium habe. Daraufhin habe ich mich über die Inhalte und Ziele von Experiment e.V. informiert.

Was mich sofort angesprochen hat, speziell in der heutigen Zeit der zunehmenden Xenophobie, war die simple Erkenntnis, dass man Vorurteile am besten abbaut, wenn man andere Menschen und ihre Kultur hautnah erfahren kann, und nicht nur durch Gerüchte und Hörensagen.

2. Als Du fünf Jahre alt warst, sind Deine Eltern mit Dir und Deiner Schwester vor der Militärdiktatur in Chile nach Deutschland geflüchtet. Welche interkulturellen Herausforderungen verbergen sich in dieser Geschichte?

Neben der Sprache natürlich auch die damals für uns völlig fremden Bräuche hier in der Bundesrepublik Deutschland. Als Exilchilenen haben wir sehr viel Unterstützung durch deutsche Freunde erfahren und wurden relativ schnell in vieles integriert. Angefangen vom deutschen „Abendbrot“ bis zum Sommerurlaub auf dem Campingplatz an der Ostsee.

3. Apropos Herausforderungen: Unser Vereinsziel des friedlichen Zusammenlebens von Menschen aller Kulturen, Religionen und Altersgruppen ist noch lange nicht erreicht – dies zeigt sich leider momentan in Deutschland und ganz Europa besonders deutlich. Wie beurteilst Du diese gesellschaftlichen Herausforderung? Was können wir tun, um Rassismus und Fremdenhass entgegenzuwirken?

Wie in der ersten Antwort erwähnt, bin ich auch der Meinung, dass die Angst vor dem Fremden oder der Fremde sich meistens durch eigene Erfahrungen abbaut, bzw. wenn man selber mal in einer fremden Kultur zu Gast war. Und ich meine damit nicht Urlaub zu machen, sondern das alltägliche Leben zu erfahren. Zu merken, dass es auch woanders tolle Menschen gibt, natürlich auch mit Stärken und Schwächen wie Zuhause.

4. Inwiefern bietet für Dich die Musik Chancen, sich für eine vielfältige und offene Gesellschaft einzusetzen?

Musik kann verbinden, auch wenn man die Texte nicht versteht. Sie kann Trost spenden und Mut machen, aber ich glaube nicht, dass sie die Macht hat, gesellschaftliche Veränderungen auszulösen. Musik hat aber auch die Kraft gesellschaftliche Zustände in Frage zu stellen und damit vielleicht hilft, einen Diskurs anzuregen.

5. Kannst Du uns von einer besonders außergewöhnlichen oder lustigen interkulturellen Begegnung erzählen, die Du im Laufe Deines Lebens gemacht hast?

Das war wahrscheinlich 1974, als wir zu deutschen Freunden zum Abendbrot eingeladen wurden. Wir gingen natürlich von einem echten Abendessen aus, wie in Chile, und hatten tagsüber auch nicht so viel gegessen. Als es dann abends tatsächlich nur Schwarzbrot mit Aufschnitt gab, haben wir spätestens kapiert, dass hier die Uhren anders ticken. Das war eine Lektion mit knurrenden Mägen.

6. Experiment e.V. blickt auf über 85 Jahre Erfahrung im interkulturellen Austausch zurück. Wo siehst Du den Verein in der Zukunft/Was wünschst Du Dir für den Verein?

Natürlich maximale Erfolge und einen Beitrag für das bessere Zusammenleben aller Menschen. Dass es dadurch möglich ist, einen Beitrag gegen Fremdensangst zu leisten und zwar, bevor er sich in Fremdenhass manifestiert.

 

Bilder: Nela Koenig, Axel Schulz