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Amelie B. SAW Neuseeland

Mein Auslandsjahr in Neuseeland

Mein Name ist Amelie B.  und ich bin 15 Jahre alt. Seit Juli 2019 mache ich ein Auslandsjahr in Neuseeland. Ich lebe in der Nähe von Wellington, also am westlichen Südende der Nordinsel, an der Kapiti Coast in Raumati. Dort besuchte ich bis zum 25. März 2020 das Kapiti College, das nur einen Fußweg von 200 m entfernt liegt.

Meine Gastfamilie ist sozusagen eine Mädchen-WG. Sie besteht aus meiner Gastmutter und meinen drei Gastschwestern, die auch in meinem Alter sind. Außerdem haben wir einen kleinen Hund, ein blindes Huhn, zwei Hasen und ein paar Fische. Wir wohnen in einem Haus mit Garten.

Für mich persönlich war das von Anfang an die Traumfamilie. Daran hat sich auch nach 8 Monaten nichts geändert. Ich fühle mich hier wie zuhause und verstehe mich super mit allen Familienmitgliedern. Wir sind alle sehr aufgedreht und aktiv, was viel Spaß und Leben ins Haus bringt. Zusammen kochen wir, machen Musik, schauen fern, gehen spazieren, genießen den Strand oder reden einfach nur stundenlang.

Die Schule organisierte für uns Austauschschüler bisher einen Trip nach Taupo und Rotorua im Norden der Nordinsel. Wir erkundeten die Hot Water Pools, fuhren Jetboat, besuchten Hobbiton, wo der Hobbit und Herr der Ringe gedreht wurden, und vieles mehr.

Außerdem liegt mein Wohnort nur eine 15-minütige Fährfahrt nach „Kapiti Island“ entfernt, die ich mit ihrer unglaublich zahlreichen Vogelvielfalt schon zwei Mal besucht habe.

In den Sommerferien ab Mitte Dezember letzten Jahres machte ich mich dann mit der Familie einer Freundin auf zur Südinsel. Mit der Fähre setzten wir dorthin über, fuhren dann mit dem Auto weiter und schauten die ganze Südinsel an! Die Highlights waren Queenstown, Christchurch, Kaikoura, Abel Tasman, Lake Tekapo, Wanaka und die berühmten Milford Sounds. Wir lernten die Maorikultur kennen, genossen bei ausgiebigen Wanderungen die unbeschreiblich schöne Pflanzen- und Tierwelt mit ihren Besonderheiten. Letztendlich kam ich mit unzähligen tollen Eindrücken und Erinnerungen an Silvester zur Gastfamilie zurück.

In Deutschland würde ich nun die 10. Klasse besuchen. Hier im Kapiti College belegte ich im ersten Halbjahr die Fächer der 11. Klasse und im zweiten Halbjahr die der 12. Klasse, was mit den großen Unterschieden beider Schulsysteme zusammenhängt. Das Anspruchsniveau der neuseeländischen Schule ist wesentlich niedriger als jenes in Deutschland. Zusätzlich wird großer Wert auf praktisches, handelndes Lernen und Ausprobieren gelegt. Man bekommt in den Fächern viel mehr lebenspraktische Aspekte vermittelt als in Deutschland, wo größtenteils theoretisches Wissen im Vordergrund steht. Die Schule generell startet um 9 Uhr, donnerstags sogar erst um 10 Uhr und endet um 15.15 Uhr. Jeder Schüler darf hier seine eigenen sechs Fächer wählen, darunter muss eine Naturwissenschaft und Englisch sein. Als Austauschschüler ist man noch freier in der Fächerwahl. Ich musste zum Beispiel nur Englisch verpflichtend belegen. Als weitere Fächer suchte ich mir Theater, Musik, Nähen, Mathematik und Outdoor Education aus. Auch die Bereiche Kochen, Tourismus, Tanzen, Fotografie, Zeichnen, Psychologie, Konstruktion, Maori, Französisch, Ingenieurwissenschaft, Biologie, Chemie, Geschichte usw. wären möglich gewesen. Die "Kiwi"-Kinder haben also eine große Bandbreite an Interessensgebieten, aus denen sie frei auswählen dürfen. Somit hat hier jeder Schüler einen anderen Stundenplan und wird innerhalb jedes Faches auf seinem Leistungsniveau unterrichtet. Allgemein gibt es in nur in wenigen Fächern Frontalunterricht. Großer Wert wird aber auf ein angenehmes Unterrichtsklima, Gruppenarbeit und praktisches Tun gelegt. Täglich hat man fünf Unterrichtsstunden und eine sogenannte "Form time", in der Anwesenheit geprüft und Organisatorisches besprochen wird. Im Unterricht wird viel mit Google Classroom gearbeitet, was uns in der jetzigen Situation sehr zugute kommt.

Da wir wegen der Coronakrise seit dem 25. März im neuseeländischen Lockdown sind, ist die Schule geschlossen. Aber der Unterricht geht weiter. Die Lehrer senden uns unsere Arbeitsaufträge, die wir in einem gewissen Zeitraum erledigen müssen, woran sich die meisten Schüler auch halten. Das klappt gut und bringt uns somit keinen Nachteil in der Schule. Zusätzlich wurden unsere Osterferien nach vorne verschoben und fallen nun in Zeit der Schulschließung.

Das generelle Leben hat sich jedoch stark verändert. Wie in Deutschland auch darf man nur noch vor die Tür gehen, um Einkäufe zu erledigen, einen Arzt aufzusuchen oder um spazieren zu gehen. Man muss außerhalb des Hauses zwei Meter Abstand zu anderen Menschen halten und darf sich nur mit einer weiteren Person zeigen. Diese Regeln gelten für ungefähr einen Monat und werden möglicherweise verlängert.

Meine Eltern und ich haben trotz der weltweit angespannten Lage entschieden, dass ich hier bei meiner Gastfamilie in Neuseeland bleiben darf. Obwohl sich die äußeren Umstände stark änderten, fühle ich mich hier weiterhin sehr gut aufgehoben und sicher. Meine Gastmutter machte vor vielen Wochen schon einen vorsorglichen Einkauf, bei dem sie alles besorgt hat, was wir in nächster Zeit brauchen, sodass wir selten das Haus verlassen müssen. Einmal wöchentlich kommt zusätzlich die "Bargain Box" mit frischen Zutaten wie Obst und Gemüse. Meine Gastmutter selbst ist Asthmatikerin, weshalb wir noch vorsichtiger sind, damit sich keiner von uns draußen mit dem Virus ansteckt. Zuhause trotzen wir der Langeweile und gehen alten und neuen Interessensgebieten nach. Meine Gastmutter macht Homeoffice. Ich selbst übe Klavier oder Gitarre und lese Bücher. Außerdem telefoniere ich nun öfter mit meinen Freunden in Neuseeland und in Deutschland sowie mit meiner Familie, die mich aus der Ferne voll und ganz unterstützt. Zusätzlich verbringe ich viel Zeit mit meinen jüngeren Gastschwestern! Ganz neu begann ich, das Zehn-Finger-Tippen zu lernen. Ich kann es auf jeden Fall jedem empfehlen, der Langeweile hat. Es macht super viel Spaß und ist dazu auch noch total nützlich im weiteren Leben!

Eine weitere positive Erfahrung ist der Zusammenhalt der Nachbarschaft hier. Jeder hilft dem anderen und legt beispielsweise selbst angebaute Früchte und Gemüse in die Briefkästen der anderen. Ein Bienenzüchter produziert und verteilt eigenen Honig an die Nachbarschaft, die zur Deckung seiner Unkosten Geld zusammengelegt hat.

Mein momentan geplantes Rückflugdatum ist der 5. Juli 2020, doch aus bisheriger Sicht ist nicht sicher, ob die Fluglinie bis dahin wirklich wieder fliegt. Meine Hoffnung besteht im Moment darin, dass ich mein Austauschjahr - wie geplant - beenden kann. Ich freue mich darauf, in einigen Wochen alle meine Freunde in der Schule wiederzusehen und mich zum Ende des Schuljahres auch von ihnen verabschieden zu können.

Für die nächsten Wochen wünsche ich jedem in Deutschland ganz, ganz viel Gesundheit und Kraft! "Stay at home! Stay strong!“