Interview mit Kuratoriumsmitglied Dr. Holger Schlageter

Herr Dr. Schlageter, Sie sind das neue Mitglied im Kuratorium von Experiment e.V. Wann sind Sie zum ersten Mal mit Experiment e.V. in Kontakt gekommen und was verbinden Sie mit dem Verein?

Ich kenne Experiment e. V. schon sehr lange. Zu ersten Mal hat mir Bettina Wiedmann 2008 davon berichtet. Ein paar Jahre später ging mein Patensohn über den Verein nach Australien – und kam völlig verändert zurück. Damals dachte ich zum ersten Mal, dass da etwas Besonderes passiert. Persönlich hatte ich selbst das Privileg, länger im Ausland zu leben und weiß, dass es nichts Wirkungsvolleres gibt, nicht nur interkulturelles Verständnis möglichst früh zu lernen, sondern auch zu erfahren, was es bedeutet, die Grenzen zwischen „uns“ und „denen“ aufzulösen und durch Kenntnis zu ersetzen, die ein Urteil erst zulässt. Außerdem weiß man m. E. erst wirklich, was Identität – auch als Deutscher -- bedeutet, wenn man sich in einer anderen Kultur umfassend erlebt. Experiment e.V. steht für mich als Enabler dieser Kompetenz, die am Ende zu Stabilität und Frieden führt.   

Sie sind unter anderem als Psychologe, Theologe, Coach und Publizist tätig. Ihr Buch „Unter deutschen Betten - Eine polnische Putzfrau packt aus“ wurde 2017 sogar verfilmt. Darin beschreiben Sie die Erzählungen einer Polin, die in Deutschland schwarzarbeitet. Woher kam die Inspiration zu diesem Thema und welche interkulturellen Herausforderungen verbergen sich in der Geschichte?

Ich hatte privat immer wieder Gespräche mit Polinnen, die in Deutschland Haushalte organisierten und für Deutsche putzten. Obwohl ich damals schon 10 Jahre lang therapeutisch gearbeitet und Vieles gehört hatte, war ich doch sprachlos angesichts ihrer Berichte. Wenn jemand nämlich den „teuflischen Triple“ hat: junge Frau, Ausländerin und Putzfrau, führt das bei einigen Menschen dazu, dass sie denken, sie müssten ihre niedersten Instinkte nicht mehr beherrschen. Dass diese Frauen dabei aber eine Würde und Kompetenz hatten, die mich beeindruckte, wollte ich unbedingt erzählen. Ihre Geschichte sollte gehört werden – und so ist es ja auch zum Glück gekommen.    

Können Sie uns von einer besonders außergewöhnlichen oder lustigen interkulturellen Begegnung erzählen, die Sie im Laufe Ihres Lebens gemacht haben?

Ich habe in den Neunzigern in Chicago studiert. In der ersten Woche hatte ich viele Freunde gefunden und wir wollten uns an einem Samstag um 10 Uhr treffen, um gemeinsam frühstücken zu gehen. Um Fünf vor Zehn war ich am vereinbarten Ort. Ich war der Einzige. Ich wartete und wartete. Um Viertel nach Zehn packte ich meine Sachen und machte mich enttäuscht auf den Heimweg. Ich hatte offensichtlich Ort oder Zeit missverstanden. Damals gab es ja noch keine Handies… Am folgenden Montag fragten mich meine KomilitonInnen, wo ich denn gewesen sei. Sie waren alle nach meinem Abgang eingetrudelt. Ich fiel aus allen Wolken. Sowas wäre mir nie in den Sinn gekommen. Unfassbar. In diesem Moment dämmerte mir, wie naiv ich gewesen war. Und damit fing mein interkulturelles Lernen an.

Wie sehen Sie Ihre Rolle im Kuratorium von Experiment e.V.? Wie möchten Sie Ihre eigenen Erfahrungen als Kurator von Experiment e.V. einbringen? Und was erwarten Sie im Gegenzug von uns als Verein?

Ich biete und erwarte Lust auf Neues, Spaß am „einfach Machen“, Mut beim Ausprobieren und keine Angst vor Korrekturen. Vereinigungen wie Experiment e. V. müssen sich ständig verändern, um immer nah an den Bedürfnissen ihrer Mitglieder zu sein, und gleichzeitig einen unverwechselbaren Charakter erkennen lassen. Diesen idealen Grat immer wieder auf höchstem Niveau zu definieren und zu bieten sehe ich als gemeinsame Aufgabe aller, egal ob Kuratorium oder Verein.

Experiment e.V. blickt auf über 85 Jahre Erfahrung zurück. Wo sehen Sie den Verein in der Zukunft?

In zentraler Position. Individuell, gesellschaftlich, interkulturell, wirtschaftlich und geopolitisch ist die Fähigkeit, über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen der einzige Garant für ein friedliches, wenn nicht gar wertschätzendes, Miteinander. Werte wie Toleranz, Mut und Relativierung der eigenen Meinung sind gerade im heutigen Diskurs essentiell. Wo sonst, wenn nicht in Keimzellen wie Experiment e.V. sollen in Zukunft solche Werte möglichst früh im Leben vermittelt und erfahrbar gemacht werden? Ich freue mich darauf, an diesem wunderbaren Projekt mitwirken zu dürfen!