GASTFAMILIEN-BLOG - Gastmutter Carmen (2)

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Das Meer am Wohnort der Autorin

Mehrere Gastfamilien berichten auf unserem Gastfamilien-Blog von ihrem Alltag mit Gastkind. Gastmutter Carmen hat Roberta aus Italien aufgenommen.

Neues aus Tarp

Die ersten vier Schulwochen sind vergangen und nun stehen uns drei Ferienwochen bevor. Da fällt mir dann auf, dass wir in der Region mit Roberta umher gefahren sind, aber unseren Heimatort nicht vollständig gezeigt haben. Es gibt rund um Tarp viele Wanderwege, um die Seele nach einem stressigen (Schul-)Tag baumeln zu lassen.

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Gastvater- und tochter über den Dächern von Tarp

Der Stundenplan der 10. Klasse ist sehr umfangreich und so ist Roberta an drei Tagen erst gegen 16:15 Uhr zuhause. So können wir nur am Wochenende Sightseeing machen und leider wird es früh abends dunkel, sodass ein Start nach dem Essen nicht lohnt. Schulisch hat sich Roberta eingelebt, zumal an ihrer Schule noch weitere Austauschschüler über Rotary eingetroffen sind. Sprachlich kann sie in einigen Fächern dem Unterricht nicht so folgen, sodass sie jetzt in einer 5. Klasse am Deutsch-Unterricht teilnimmt, um ein bisschen mehr vom Grammatik-Unterricht zu profitieren. Das war seitens der Schule kein Problem. Auch haben wir aus unserer Bücherei unterstützendes Material ausgeliehen. Hier steht allerdings auch das Selbststudium im Vordergrund. Der Deutschkurs an einer Sprachenschule ist preislich mit €1.000,00 nicht realisierbar und Alternativen sind mir nicht eingefallen - außer die Unterstützung durch uns. Es ist im schulischen Alltag aufgefallen, dass die Fremdsprachen ganz unterschiedlich vermittelt werden. Bei uns wird in der Oberstufe eher auf Analyse und die sprachliche Praxis wert gelegt. In Italien ist eher die Grammatik vordergründig. So hat Roberta Angst, dass sie bei Rückkehr in die Heimat nicht den Anforderungen entspricht. Ich verstehe nicht viel von A2- oder B1-Leveln, da unsere Tochter damit noch nicht in Kontakt gekommen ist. Deutsch als Fach ist zu schwer, Französisch zu leicht, sodass jetzt wohl ein Paket aus Italien auf den Weg mit Unterrichtsmaterial gebracht wird.

Alles ist anders und neu

In unserer eingeführten Besprechungsrunde flossen auch die ersten Tränen: HEIMWEH! Alles ist fremd, von den Menschen bis zur Schule und man muss sich anpassen. Die Erwartungen sind natürlich unterschiedlich. Die Freunde und die Eltern wurden anfangs sehr vermisst. Wir haben mehrfach darauf hingewiesen, dass es niemanden etwas bringt, wenn man sich zurück zieht und nicht redet. Das Handy ersetzt nicht den persönlichen Kontakt! Und das ist in der Generation auch ein riesiges Problem. Jede freie Minute wird genutzt, um in Kontakt mit den Freunden zu treten. Das empfinden wir als sehr störend, insbesondere wenn man einen Ausflug macht. Ich habe auch schon angedroht, dass ich eine Handy-Diät verordne. Dann würde ich die Handy-Zeiten entsprechend reglementieren. Aber ich hoffe, dass es nicht soweit kommt. Wie erwähnt: Es sind unsere Regeln und unser Familienleben, das wir jemandem Fremden quasi überstülpen. Und dann haben wir mit Roberta ein Mädchen aufgenommen, das nur bei einem Elternteil wohnt. So hat sie in Italien ihr Leben darauf ausgerichtet: Schule bis 14 Uhr, Treffen mit Freunden zum Bummeln und Fitness-Studio. Und hier hat sie plötzlich eine "kleine Schwester" und "Eltern". Da ist auch schon aufgefallen, dass unsere Tochter versucht, die Eltern gegeneinander auszuspielen. So etwas hat sie natürlich nie zuhause miterlebt.

Eine Aufgabe war unter anderem, dass wir nicht nur unser Gastkind bekochen, sondern uns auch einfach mal an einen gedeckten Tisch setzen wollten. Obwohl es ein recht einfaches Gericht war, gestaltete sich für Roberta die Zubereitung schwieriger als angenommen. Mit ihrem Vater hatte Roberta eine Standleitung via whats app und so immer aktuelle Bilder der Bolognese geschickt. Geplant war die Essenszeit für ca. 19 Uhr und letztendlich haben wir um 21 Uhr gegessen.
Durch dieses Aufgabe hat Roberta ein bisschen Wertschätzung für die Zubereitung von Speisen erfahren und war am Ende ihren Eltern irgendwie dankbar.   

Frischer Blick auf die Heimat

Durch den Austausch erfahren auch wir mehr über unsere Heimat und unsere Gepflogenheiten bzw. vertiefen unsere eigenen Kenntnisse. So haben wir gleich zu Beginn  des Aufenthaltes eine Wanderung durch das Watt bei traumhaftem Wetter gemacht. Am folgenden Wochenende gab es eine Ralley durch unseren Kreis. Bei uns gibt es Mitfahrbänke. Dabei handelt es sich um modernes Trampen. Ich weiß, dass in den Richtlinien steht, dass es den Austauschschülern untersagt ist zu trampen, aber ich war als Begleitperson dabei und es war ein Spiel. Ziel war ein größtmögliche Strecke zurückzulegen. So konnte ich auch etwas von der Region zeigen. Unterwegs haben wir nette Leute kennengelernt, u.a. auch einen Halb-Italiener. Unsere Tochter fragte gleich nach, ob wir Adressen ausgetauscht hätten; leider nicht. Am Ende haben wir einen Preis gewonnen. Wenn ich mich auf unsere Ausflüge vorbereitet, fällt mir auf, wie oft wir etwas Besonderes in der Region haben, ohne es vielleicht zu wissen: Die kleinste Stadt Deutschlands (Arnis), der älteste Wochenmarkt seit dem Mittelalter (Südermarkt in Flensburg), die einzige Brücke, die Deutschland mit dem dänischen Festland verbindet (Schusterkate bei Flensburg).  

Welche Familie kann schon in den Ferien drei Wochen Urlaub nehmen? So haben wir die Tage vom 03.-07.10.18 als Familienzeit genutzt. Die Planung gestaltet etwas schwierig, da Kosten anfallen. Mir fällt dabei auf, dass die Schüler viel von Deutschland sehen möchten, aber alles für gratis. Als Gastfamilie habe ich kein extra Budget, das ich für solche Zwecke einsetzen könnte. Das würde es vielleicht etwas leichter machen. So ist man darauf angewiesen, dass die Eltern genügend Taschengeld zur Verfügung stellen.  

Gestartet sind wir in Lüneburg, um die Geschichte des Salzes zu erfahren. Schließlich wurde dieses vor langer Zeit sowohl von Lübeck als auch von Schleswig aus nach Skandinavien verschifft. Über Uelzen mit dem schönsten Bahnhof der Welt und der Steinstrasse führte unsere Reise nach Soltau. Am nächsten Morgen ging es zum Heidepark. Trotz der Herbstferien waren die Wartezeiten erträglich. Gemeinsam überwanden wir die Angst vor den Loopings. Am Folgetag konnten wir einiges wiederholen. Abschließend haben wir den Harz besucht. Hier bot sich eine Wanderung zu den Luchsen an. Leider hatte sich ein Missverständnis ergeben und der Ausflug verlief nicht ganz so familiär. Roberta wurde während der Wanderung müde und fiel zurück. Dadurch fühlte sie sich alleine und beschäftigte sich mit dem Handy, was den Rückstand vergrößerte. Die Luchse werden allerdings nur zu einer bestimmten Zeit gefüttert, sodass wir nicht auf sie warten konnten. Und ich hatte meiner Tochter versprochen, dass wir einigermaßen pünktlich sind. In unserer Besprechungsrunde haben wir abends geklärt, was schief gelaufen ist. Mal wieder war eine mangelnde Kommunikation schuld. An unserem letzten Urlaubstag haben wir dann den Hexentanzplatz in Thale aufgesucht, da eine Wanderung zum Brocken aufgrund des Wetters ausfiel. Hier hatten wir keinen Zeitdruck, mussten aber wegen der engen Serpentinen wieder alleine wandern. Nun können die Mädchen relaxen, alles aufarbeiten, telefonieren und chatten, während wir arbeiten.